Für den Arbeitsmarkt längst verloren

In diesem Herbst übersteigt die Zahl der Ausbildungsplätze die der Bewerber zum ersten Mal seit 2001. Eigentlich eine gute Nachricht, doch bereiten die zukünftigen Auszubildenden den Unternehmen einige Kopfschmerzen. In einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammerstag vom Mai befanden mehr als die Hälfte der Unternehmen die Bewerber als „nicht ausbildungsreif“. Fast 60 Prozent meinten, die Jugendlichen besäßen ein mangelndes „mündliches und schriftliches Ausdrucksvermögen“, rund jedes zweite sah „Elementare Rechenfertigkeiten“ und einen Mangel an „Leistungsbereitschaft und Motivation“. Warum dem so ist, darauf könnte eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) eine Antwort geben. Der Wirtschaftswissenschaftler Karl Brenke hat dafür die Situation der Einwanderer in Berlin analysiert. Er stellt Erschreckendes fest: „Das Ausmaß der Unterbeschäftigung ist dramatisch“, schreibt der sonst so nüchterne Ökonom. Die Besonderheit der Studie besteht darin, daß hier nicht nur von der Staatsbürgerschaft des Befragten ausgegangen, sondern auch ein möglicher Migrationshintergrund berücksichtigt wird. So konnte Brenke feststellen, daß Einwanderer und ihre Nachkommen doppelt so häufig arbeitslos sind wie Alteingesessene. Besonders eklatant zeigt sich dies bei der türkischen Einwanderergruppe. Rund jeder zweite Berliner Türke im erwerbsfähigen Alter bezieht Transferleistungen, die Arbeitslosenquote liegt hier bei 40 Prozent. Als Ursache für diese enorme Abhängigkeit von öffentlichen Bezügen macht Brenke eine mangelnde Qualifikation der Einwanderer aus. So können drei Viertel der Türken keinen Berufsabschluß vorweisen. Eine Diagnose mit Brisanz — stellt doch Brenke in der gleichen Studie fest, daß gerade diese Gruppe bei den Heranwachsenden immer dominanter wird. Gehören 2005 lediglich sieben Prozent der Berliner über 64 Jahre dazu, so sind es schon über ein Drittel bei den zehn- bis 19jährigen. Bei den unter zehn Jahre alten Kindern betrug der Anteil in diesem Jahr sogar 43 Prozent — im Westteil der Stadt bereits über die Hälfte. Mit entsprechenden gesellschaftlichen Auswirkungen für Berlin: „Es ist wohl im internationalen Vergleich ein bemerkenswertes Ergebnis, daß die Pro-Kopf-Einkommen in der Hauptstadt unter dem Landesdurchschnitt liegen.“ Doch anders als der rot-rote Senat der überschuldeten Metropole bezweifelt Brenke, daß eine Anhebung der Sozialhilfebezüge die Situation bessern würde. „Solche sozialpolitisch motivierten Indikationen lassen außer acht, daß eine Anhebung der Sozialleistung erhebliche negative Nebenwirkungen haben kann. Ein Elternpaar mit zwei Kindern erhält bereits jetzt Leistungen im Rahmen von Harz IV, die einem Brutto-Stundenlohn eines vollzeitbeschäftigten Alleinverdieners von etwa zehn Euro entsprechen.“ Wenig politisch korrekt folgert Brenke daher, daß bei Einwanderern aufgrund ihrer geringen Qualifikation und „vergleichsweise großen Haushalte“ bei höheren Transferleistungen „die Anreize für die Teilnahme am Arbeitsmarkt sinken“. „Höhere Sozialtransfers“ nennt Brenke daher „schlicht kontraproduktiv“. Ein politisch heißes Eisen, das Brenke hier anfaßt. Denn es sind die türkischen Parallelgesellschaften gemeint und die Frage, inwieweit diese die Integration von Einwanderern fördern oder verhindern. Ihre Existenz weist jedenfalls indirekt auch Brenke in seiner Studie nach. So sind auch zwanzig Jahre nach dem Mauerfall nur wenige Türken im Ostteil der Stadt zu finden. „Das spricht für Verharrungstendenzen dieser Gruppe im Westen Berlins“, schreibt der Wirtschaftswissenschaftler. Statt diese durch eine Erhöhung des Familieneinkommens weiter zu stützen, plädiert Brenke für weiter verbesserte Bildungsmöglichkeiten der Einwandererkinder, auch aus ökonomischen Gründen. „Besonders häufig sind in der Stadt Ausländer der zweiten oder dritten Generation erwerbslos — und überdurchschnittlich oft gilt dies für Menschen mit türkischen Migrationshintergrund.“ Doch es scheint fraglich, ob verbesserte Bildungsmöglichkeiten alleine ausreichen, das ausufernde Problem in den Griff zu bekommen. Foto: Ausländische Auszubildende: Unter dem Landesdurchschnitt

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