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Überall und nirgends

Die Filmgeschichte, so fordert der Medienpublizist Thomas Brandlmeier, muß neu geschrieben werden. Louis Feuillade (1873-1925) solle endlich vom Rand ins Zentrum gerückt werden und gleichberechtigt neben David W. Griffith stehen. Zwar schuf Griffith das Erzählkino, aber Feuillade brachte Magie und Poesie in das junge Medium. Es begann mit der Verfilmung des Serienromans „Fantômas“ (1913). In atemberaubendem Tempo drehte der Franzose – oft ohne Drehbuch – unzählige Folgen über den Finsterling, schuf damit das Genre des Cinéromans, einen Vorläufer der Daily Soap. Aber im Gegensatz zu den monoton-ängstlichen TV-Handwerkern platzte Feuillade vor Ideen: düstere Gassen, Grabräuber, Mord, geheimnisvolle Metamorphosen, perverse Erotik, Verhöhnung der Staatsmacht – Fortsetzung folgt. Diese mit bizarren Assoziationen überquellenden Filme faszinierten die Surrealisten: Jean Cocteau, Luis Buñuel, Erich von Stroheim und Fritz Lang. Letzterer verriet mit „Die Spinnen“ (1919) oder „Dr. Mabuse“ (1921), wieviel er dem exzentrischen Feuillade verdankte. Fantômas, das ist für Brandlmeier eine Figur, in der sich Sehnsucht und Panik des 20. Jahrhunderts spiegeln. Seine schwarze Kostümierung läßt Assoziationen an Anarchismus und Faschismus gleichermaßen aufkommen. Er verspricht Befreiung von „Konsumterroristen und Wirtschaftsfaschisten“ einerseits und Erfüllung kindlicher Allmachtsfantasien anderseits. Ein Gottgleicher, nicht zu fangen, nicht zu enttarnen, überall und nirgends. Dem heutigen Publikum dürfte Fantômas durch André Hunnebelles Farb-Remake bekannt sein. Jean Marais brilliert darin in einer Doppelrolle, als Fantômas und als Fandor, der Jounalist par excellence: sensationshungrig, immer bereit, fehlende Fakten durch Phantasie zu ersetzen und dabei in Gefahr, seine Identität zu verlieren. Der Zeitungsschreiber als Dichter der Schizophrenie. Nicht umsonst versteckt sich Fantômas einmal hinter Fandors Maske, vom ähnlichen Klang beider Namen ganz zu schweigen. Die FAZ jubelte, daß Brandlmeier sein enzyklopädisches Fantômas-Wissen in ein so kleines, übersichtliches Buch gepackt habe. Nun ja. Da der Autor die zahlreichen Fantômas-Verfilmungen und Remakes nicht einzeln bespricht, sondern als Beispiele innerhalb seines essayistischen Textes verwendet, kommen viele Verfilmungen einfach zu kurz. Dennoch, ein vitales, ein appetitanregendes Buch. Thomas Brandlmeier: Fantômas. Beiträge zur Panik des 20. Jahrhunderts. Verbrecher Verlag, Berlin 2007, kartoniert, 166 Seiten, Abbildungen, 14 Euro

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