Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Lust an der Düsternis

Der Symbolismus entwickelte sich ab 1885 als künstlerische Gegenbewegung zur naturalistischen Kunst der Akademien und zum aufkommenden Impressionismus. Mythologisch-sinnliche Vorstellungswelten und Szenerien des Geheimnisvollen bestimmten die Ikonographie. Christliche und esoterische Gedanken verbanden sich in jener dargestellten Welt der Mythen und Träume. Leihgaben aus dieser Kunstepoche können nun in der Frankfurter Städel-Galerie betrachtet werden. Bis zum Jahr 2011 ist das Hessische Landesmuseum Darmstadt wegen umfassender Sanierungsmaßnahmen geschlossen. Aus diesem Grund ist das Städelsche Kunstinstitut seit 2007 in Kooperation mit dem Landesmuseum getreten und zeigt in wechselnder Reihenfolge diverse Leihgaben aus dessen Beständen. Die Leih-Bilder sind in die eigene Frankfurter Sammlung integriert und über verschiedene Räume verteilt. Zuordnung zum Darmstädter Bestand erfahren sie allein durch gesondert goldfarbene Namensschilder. Das Wesen der Frau als Geheimnis und Bedrohung des Mannes ist dabei ein in mehreren Werken wiederkehrendes Motiv. In „La belle dame sans merci“ von John William Waterhouse (1893) betört eine feenhafte Kindfrau in einem dichtbewachsenen Waldstück einen Ritter, offenbar mit tragischem Ausgang. Franz von Stuck steuert eine lauernd liegende „Sphinx“ (1901) und in „Versuchung“ (ca. 1912) eine scheinheilig Adam den Apfel reichende Eva hinzu. Lachend mit rotem Haar, eine blaue Schlange ihren Arm entlang schleichend, erscheint letztere als Sinnbild der weiblichen Verführungskraft, die ihre männlichen Opfer sucht. Dieser pessimistischen Weltsicht stehen die seit Ende des 19. Jahrhunderts als Zeichen des paradiesischen Tanzes beliebten Reigen-Motive entgegen. Man denke etwa an die Tanzbilder Ludwig von Hofmanns oder an Ludwig Fahrenkrogs bekanntes Gemälde „Das goldene Tor“. Die Frankfurter Schau zeigt exemplarisch Hans Thomas „Das goldene Zeitalter“ von 1876 und Franz von Stucks „Frühlingsreigen“ von 1909. Der heitere Reigen löst sich auf, wenn die Figurenszenerie zur Allegorie für naturzyklische Erscheinungen wird. So etwa bei Walter Cranes „Die vier Jahreszeiten“ (ca. 1903-1909) oder Max Klingers „Der Abend“ (1992), bei dem der männlich dargestellte Abend den weiblichen Tag in der heraufziehenden Dämmerung mit einem Blütenkranz einzufangen versucht, aber von den ebenfalls menschlich dargestellten Figuren Nacht und Morgen daran gehindert wird. Überhaupt ließen die Symbolisten den lichten Tag gerne von dannen ziehen, um sich der Welt der Düsternis um so lustvoller zu widmen. Dunkel mahnen so die Zypressen vor Arnold Böcklins „Italienischer Villa im Frühling“ (1890), und auch in seiner „Prometheuslandschaft“ verschmilzt der Mensch mit einer fast in Nacht getauchten Landschaft, ganz in Dunkel gehüllt, kaum vom Licht durchdrungen. Die Ausstellung „Meisterwerke des Symbolismus“ ist bis zum 31. Juli im Städel Museum, Dürerstraße 2, Frankfurt am Main, täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, Mi./Do. bis 21 Uhr, zu sehen. Telefon: 069 / 60 50 98-0 Abbildung: John William Waterhouse, „La belle dame sans merci“ (1893)

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