Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Kleidsames

Mahlers Zehnte ist im Repertoire angekommen. Aber was hat sie dort zu schaffen? Als Gustav Mahler 1911 starb, hinterließ er drei unaufgeführte Werke: das „Lied von der Erde“, die 9. Symphonie und Fragmente und Entwürfe zu einer zehnten. Von fünf geplanten Sätzen lagen der erste und zweite sowie 30 Takte des dritten, „Purgatorio“ überschrieben, im Partiturentwurf vor, alles weitere im Particell. Eine erste Partiturreinschrift, die sich angeschlossen hätte, wäre für Aufführung und Drucklegung bestimmt, ihre Herstellung der eigentliche Vorgang des Komponierens, die Durcharbeitung des vorsortierten Materials, gewesen. Hatte Arnold Schönberg noch 1912 in seiner „Gedenkrede“ dekretiert, daß wir, was Mahlers Zehnte sagen sollte, ebensowenig erfahren werden wie bei Beethoven und Bruckner, „weil wir noch nicht wissen sollen, wofür wir noch nicht reif sind“, so gab es doch seit 1924, da Alma Mahler das Material als Faksimile veröffentlichen ließ, Bemühungen, den Torso in eine aufführbare Form zu bringen, die  „stummen Zeichen“, von denen Richard Specht schrieb, nicht nur zu entziffern, sondern „zu sprechendem Ausdruck zu lösen“. Im Repertoire durchgesetzt hat sich die Konzertfassung von Deryck Cooke, 1976 bzw. 1989 hergestellt, anhand derer auch der englische Dirigent Daniel Harding sich dieser Sinfonie, die es nicht gibt, anzunähern sucht – und den Wiener Philharmonikern. Die hatten Harding 2004 bei sich debütieren lassen, mit Mahlers Zehnter, und beim Hören ihrer ersten gemeinsamen Aufnahme vier Jahre später ist immer noch nicht ganz auszumachen, wer wen vorführt: das Orchester den Dirigenten, der Dirigent das Orchester, oder Mahlers Zehnte beide. (Deutsche Grammophon 00289 477 7347) Läßt sich aus dem Fragment ein Aufbruch zu neuen Ufern herauslesen, so haben ihn die Philharmoniker mit imperialer Geste abgeblasen. Denkt das Hauptthema des ersten Satzes, nach Adornos Worten, den späten Bruckner höchst produktiv um, so denkt Harding alle fünf Sätze Mahlers höchst unproduktiv zu etwas Brucknerähnlichem um. Harding will das Unausgeführte zu Vollkommenheit führen, überführt es jedoch nur in das schlechte Wirkliche. „Der Körper ist von Mahler, die Kleider hat zuweilen ein anderer für ihn ausgewählt“, schließt er von den Kleidern auf den Körper. Das Spiel der Philharmoniker ist sauber und faltenlos, jedoch nicht von jener Klarheit, die den hörenden Nachvollzug einer Komposition ermöglicht. Die Streicher spielen in den hohen Lagen einschmeichelnd statt pfeifend, die Solotrompete glanzvoll statt schneidend, anheimelnd schichten sie den berühmten Neuntonakkord im Adagio und im Finale auf, bügeln mit wienerischem Schwung den Gespensterwalzer des zweiten Scherzos glatt, erzählen den unregelmäßig gedämpften Trommelschlag im Finalsatz als Anekdote. Verloren alles Wissen um die Katastrophen des Jahrhunderts, die Mahlers Zehnte vorausnahm, der Dirigent aber wohl hinter sich weiß, die Karriere vor sich, ungeformt die kollektiven Erfahrungen, die so ein Trommelschlag in uns aufrufen könnte – Mahler hatte ihn dem Begräbniszug für einen New Yorker Feuerwehrmann abgehört. Näher als die Erfahrung einer sterbenden Welt um 1910 und 2008, die im Begriff stand und steht, eine neue zu gebären, als die Erfahrung von Exterritorialität scheint dem Dirigenten des Komponisten Ehekrise seiner letzten Lebensjahre, auf die sich Mahlers verbale Eintragungen in dem Manuskript beziehen, auch, aber nicht nur. Sie waren Harding, so scheint’s, eine größere Offenbarung als die Noten, bei denen sie stehen. Mit den Wiener Philharmonikern führt er ein Kleid ohne Körper vor, ein schönes und teures Kleid, aber keines von Mahler.

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