Kino: „Dr. Alemán“ von Tom Schreiber

Viele Menschen entfliehen eigenen Defiziten durch das Eintauchen in die Welt fremder Kulturen. Dort wird das wahre Leben gesucht, fernab der eigenen Heimat, von der man enttäuscht ist. So pilgern zum Beispiel Scharen einsamer Männer zu den Liebesoasen Thailands. Ältere Frauen suchen dagegen die drahtigen Körper karibischer oder afrikanischer Naturburschen. Naturfreunde zieht es auf die Gipfel des Himalaya, spirituelle Sinnsucher ins indische Ashram. Und im neuesten Spielfilm des Kölner Regisseurs Tom Schreiber reist ein junger Medizinstudent für sein praktisches Jahr nach Südamerika. Ausgerechnet die Drogenhochburg Cali hat sich der junge Marc (August Diehl; bisweilen leider ein wenig zu unbewegt und ausdruckslos agierend) ausgesucht, um dort Dienst in einem Krankenhaus zu tun. Schon der erste Arbeitstag konfrontiert ihn mit einer anderen Kultur. Das Krankenhaus wirkt latent überfüllt und leicht chaotisch, dennoch von scheinbar unsichtbarer Hand geordnet. Eine nicht zu übersehende Anzahl von Patienten weist zudem Schußverletzungen auf – ein Hinweis auf die Gewalt rivalisierender Banden in der Stadt. Der unerfahrene Arzt wird sogleich mit der Operation einer Schußwunde beauftragt. Marc lernt die Gegensätze und unterschiedlichen sozialen Schichten in der kolumbianischen Stadt kennen: den kleinbürgerlich-geordneten Lebensstil der Gastfamilie,  die ihn zu behüten versucht, das großbürgerlich-mondäne Ambiente seiner durchaus freundlichen Arztkollegen und schließlich auch das Dasein in den nahen Slums, die auf Marc eine seltsame Anziehungskraft ausüben. Immer wieder spaziert er an den Rand der Favela Siloé zu der Kioskbesitzerin Wanda, in die er sich schließlich verliebt. Immer stärker gerät der unerfahrene junge Mann dadurch aber auch in den Sog der dort herrschenden Konflikte und kriminellen Machenschaften. Mit sozialromantischer Geste versucht er seine skeptischen Arztkollegen davon zu überzeugen, daß es wichtig sei, sich mit dem problematischen Leben der dortigen Menschen zu konfrontieren. Doch die Kolumbianer schütteln nur mit dem Kopf. Es gebe überall viel Scheiße auf der Welt, bekommt er als Antwort, warum aber solle man unbedingt dort hereintreten wollen, wenn es zu vermeiden sei. Marc ist ein etwas verklemmter und mit sozialem Gewissen ausgestatteter Mittelschichtsjunge, der gelangweilt ist vom geordneten Leben Deutschland und in die tropische Sonne Lateinamerikas eintauchen möchte. Für ihn ist sein Aufenthalt eine Mischung aus sozialpolitischer Selbstdarstellung und Abenteuertrip. Doch er wird langsam und schrittweise mit einer Realität konfrontiert, in der Unvorsichtigkeiten und Naivität rasch bestraft werden. Er lernt eine Gesellschaft kennen, die offenbar näher an der Natur ist, in der Männer noch Männer, Frauen noch Frauen sind, in der Sex und Geld keine Schuldgefühle auslösen, in der man aber auch stets seine Sinne schärfen muß, um in Sicherheit leben zu können. Der junge Marc sucht in der Favela ein Traumland der Anarchie, das der Einengung durch Staat und bürgerliche Konvention entzogen ist. Und er sucht womöglich auch eine Initiationserfahrung als Mann. Statt dessen gerät er immer stärker in eine Hölle der archaischen Gewalten und verliert sich schließlich. Schreibers eindringlicher Film bringt die kolumbianischen Lebenswelten authentisch und ohne falsche Überzeichnungen nahe. Das liegt wohl daran, daß viele einheimische (Laien-)Schauspieler rekrutiert wurden, eine umfangreiche Ortsrecherche stattfand und daß die Geschichte auf Briefen eines alten Schulfreundes an den Regisseur beruht Der Freund hatte ein praktisches Jahr als Arzt in Cali absolviert. Schreiber berichtete dazu: „Die Briefe waren am Anfang voll von Abenteuerlust und Erzählfreude. Staunend las sich seine Berichte über Cali, das Krankenhaus, die Mädchen, Siloé und seine ersten Kontakte zu Drogen. Dann änderte sich plötzlich der Stil. Aus der leichten und abenteuerlustigen Erzählweise wurde eine immer orientierungslosere Aneinanderreihung von undurchsichtigen Geschichtsfetzen. Er schien den Überblick zu verlieren und sich in komplizierte Geschehnisse zu manövrieren. Doch eines wollte er dabei nicht aufgeben: seine romantische Sicht auf die Dinge, auch wenn ihn dies in immer größere Gefahren brachte.“       Foto: Student Marc (August Diehl): Im Traumland der Anarchie

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