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Der Dialektiker des Dritten Reiches

Die Beeinflussung und Lenkung des politischen Bewußtseins der Bevölkerung ist neben Information und Befriedigung der Unterhaltungsbedürfnisse eine wichtige Aufgabe der Medien vor allem in Kriegszeiten. Wer die zeitgeschichtlichen Dokumentationssendungen im Fernsehen über das Dritte Reich etwa eines Guido Knopp verfolgt, könnte meinen, die damaligen Protagonisten und Propagandisten hätten vorwiegend im bellend aggressiven Kommandoton gesprochen. Das von Rundfunk- und Fernsehproduktionen erzeugte Hörbild des Nationalsozialismus besteht vor allem aus fanatisiertem Stakkato und dröhnendem Pathos.

Die Rundfunkkommentare jener Zeit im Tonarchiv vermitteln jedoch nicht selten einen anderen Eindruck: ein moderater, humorvoller, manchmal ironischer Tonfall. Es ist die Stimme von Hans Fritzsche, des wichtigsten Kommentators im Großdeutschen Rundfunk während des Zweiten Weltkrieges. Ihm hat Max Bonacker im Rahmen der Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte eine umfassende und materialreiche Studie gewidmet, die an der Universität Hamburg als Dissertation angenommen wurde.

Wer war dieser Mann, der im Nürnberger Siegertribunal stellvertretend für Joseph Goebbels auf der Anklagebank saß und zusammen mit Schacht und von Papen freigesprochen wurde? Fritzsche war kein alter Kämpfer und kein Nationalsozialist der ersten Stunde. Geboren am 2. April 1900 in Bochum als zweiter Sohn eines Postdirektors studierte er Germanistik und Neuere Geschichte in Greifswald und Berlin und schloß sich zunächst dem Berliner "Juni-Club" an, dessen geistiger Mentor Arthur Moeller van den Bruck zu den Ahnherren der Konservativen Revolution gehört. Anschließend wandte er sich dem Journalismus zu und wurde Redakteur verschiedener Rundfunknachrichtendienste. 1932 avancierte er zum Chefredakteur des "Drahtlosen Dienstes", der ein Jahr später in das neugegründete Propagandaministerium unter Goebbels übernommen wurde, und trat in die NSDAP ein.

Bonacker zeichnet penibel und mit zuweilen ausuferndem Anmerkungsapparat die Entwicklung und die Strukturen und Organisationsformen des Presse- und Rundfunkwesens im Dritten Reich nach, die durch den Umstand, daß auch das Auswärtige Amt und die Wehrmacht eigene Presseabteilungen hatten, nicht gerade vereinfacht wurden, und hat dazu eine Vielzahl von Quellen und Dokumenten ausgewertet, darunter auch die erst seit 1990 zur Verfügung stehenden Aktenbestände der Berliner Ministerien, die in Moskau und in der DDR lagerten.

Erst gegen Ende 1938 wird Goebbels auf die besonderen Qualitäten Fritzsches aufmerksam und ernennt ihn 1939 zum Leiter der Abteilung Deutsche Presse und einige Jahre darauf auch zum Leiter der Rundfunkabteilung in seinem Ministerium. Damit beginnt Fritzsches steiler Aufstieg zu einem der wichtigsten, einflußreichsten und interessantesten Akteure in der Öffentlichkeitsarbeit des Dritten Reiches und zum populärsten Kommentator des Großdeutschen Rundfunks.

Nach eigenen Bekundungen hatte er weitgehend freie Hand von Goebbels und trug für jedes Wort selbst die Verantwortung. Nicht nur seine verbindliche, kooperative Art, seine gepflegte Ausdrucksweise, auch sein Humor, Sarkasmus und oft scharfer Spott (so die Frankfurter Zeitung vom 24. Januar 1940) waren für seinen Erfolg bestimmend. Die Resonanz auf seine Rundfunkkommentare bei den Hörern war besonders in den ersten Kriegsjahren überwältigend. Die Ankündigung "Es spricht Hans Fritzsche" entwickelte sich zu einer Art Zauberwort. Allein im ersten Kriegsjahr erhielt er 43.000 Hörerbriefe. Nach dem Kriege bezeichnete er sich einmal als "Dialektiker des Dritten Reiches": als einen, der den rauhen Radikalismus mancher Methoden der Partei ablehnte, weil er "der Praxis meines ganzen Lebens und meinem persönlichen Stil widersprach".

Von April bis September 1942 nimmt er nach freiwilliger Meldung zur Front am Vormarsch der 6. Armee nach Stalingrad teil. Bonacker hebt auch die zunehmenden Rivalitäten zwischen Goebbels und dem Reichspressechef Otto Dietrich als Folge der vielzitierten polykratischen Struktur des Regimes hervor, die Fritzsches Tätigkeit erschwerten und die auszugleichen ihm nicht immer gelang. Sein Kollege im Auswärtigen Amt war übrigens Kurt Georg Kiesinger, mit dem ihn manches verband.

Bei Kriegsende gerät Fritzsche in sowjetische Gefangenschaft und wird nach Moskau gebracht, von wo er nach monatelangen Verhören in der Lubjanka dem Nürnberger Gericht überstellt wird. Bei allem Bemühen um sachliche Darstellung zollt Bonackers Studie gleichwohl in vielen Passagen und Wertungen dem Zeitgeist Tribut. So vermeidet er jede tiefere Auseinandersetzung mit den Kriegszielen der Akteure des Zweiten Weltkrieges und den daraus abzuleitenden Strategien der Informationspolitik. Auch zeugt sein Begriff von "Wahrheit" in der Politik, zumal in Kriegszeiten, von einem eher schlichten Verständnis des Politischen. Bonacker befürwortet das unmittelbar nach dem Nürnberger Freispruch eingeleitete Spruchkammerverfahren mit Fritzsches Verurteilung zu neun Jahren Arbeitslager (aus dem er 1950 vorzeitig entlassen wurde) als hinreichend durch Fritzsches bis zu seinem Tode 1953 "aufrechterhaltene Überzeugungen" begründet, was eine etwas seltsame Rechtsauffassung offenbart. Auch wenn sich einzelne sachliche Fehler eingeschlichen haben – Ernst Udet nahm sich nicht im Sommer, sondern am 17. November 1941 das Leben -, bleibt dennoch der Wert dieser Arbeit unbestritten.

Max Bonacker: Goebbels‘ Mann beim Radio. Der NS-Propagandist Hans Fritzsche (1900-1953). Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Oldenbourg Verlag, München 2007, broschiert, 289 Seiten, Abbildungen, 24,80 Euro

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