Für Ballack ist es zu spät

Für Millionen Zuschauer mag es am späten Sonntagabend, als die deutsche Endspielniederlage unwiderruflich feststand, zwar nur ein schwacher Trost gewesen sein, doch ist das, was die DFB-Auswahl in den vergangenen vier Wochen erreicht hat, als ein Erfolg zu betrachten, auch wenn der mit PR-Gaudi inszenierte Gipfelsturm kurz vor Erreichen des Ziels zum Erliegen kam. Nach den herben Blamagen bei den Endrunden der Jahre 2000 und 2004 ist man diesmal bis ins Finale vorgerückt und erst dort einem Gegner unterlegen, der nicht nur diese Partie, sondern das gesamte Turnier dominierte. Nun gilt es also wieder einmal die Devise Sepp Herbergers zu beherzigen, daß nach dem Spiel vor dem Spiel ist, und den Blick nach vorn auf den nächsten Gipfel, die Weltmeisterschaft 2010, zu richten. Anders als nach den beiden letzten EM-Turnieren wird diese Aufgabe ohne einen Wechsel im Amt des Bundestrainers in Angriff genommen. Dies stellt sich jedoch nicht notwendigerweise als Vorteil dar. Denn während Rudi Völler und Jürgen Klinsmann hemdsärmelig aus den Fehlern anderer lernen konnten, wird Joachim Löw seine eigenen aufzuarbeiten und zu korrigieren haben. Am Anfang dieser Analyse dürfte die bittere Einsicht stehen, daß er nicht den Mut aufbrachte, aus dem Schatten Jürgen Klinsmanns herauszutreten. Dies deutete sich bereits in der Nominierung des EM-Kaders an, als er mit Odonkor und Neuville Trümpfen seines Vorgängers den Vorzug gab, die längst nicht mehr stechen konnten und folglich im Turnierverlauf keine personelle Alternative darstellten. Sein Hang, auf Erfolgsrezepte vergangener Tage zu bauen, wurde mit seinem hartnäckigen Festhalten an einstmals unersetzbaren, heute aber hoffnungslos ihrer Form hinterherlaufenden Spielern wie Metzelder, Frings und Klose letztendlich zum Verhängnis. Joachim Löw muß keinen radikalen Neuaufbau in der Manier seiner Vorgänger ausrufen, aber mit Vertrauensvorschuß geizen und vor allem ein Fragezeichen hinter all jene vermeintlichen Stützen seines Teams setzen, die nun einmal in die Jahre gekommen sind. Zu ihnen gehört auch und vor allem Michael Ballack. Bei Chelsea in London mag er vielleicht glänzen. In der deutschen Nationalmannschaft ist er jedoch nie ein veritabler Führungsspieler geworden. Mit bald 32 Jahren ist es zu spät, in die Rolle eines Lothar Matthäus hineinzuwachsen.

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