„Er hat am Untergang Deutschlands und des alten Europa gelitten“

Herr Dr. Schwilk, wie war das, als Sie vor zehn Jahren, am 17. Februar 1998, vom Tode Ernst Jüngers erfuhren? Schwilk: Ich habe die Nachricht im Autoradio gehört. Und sie traf mich wie ein Blitz. Mich frappierte, daß als nächstes die Meldung folgte, US-Präsident Bill Clinton habe im Streit um die Einhaltung der UN-Sanktionen einen Luftschlag gegen den Irak befohlen. Was für eine erstaunliche Koinzidenz: Der Krieg, den Jünger wie kein anderer als unüberwindbare Realität des Lebens beschrieben hatte, behielt auch in seiner Todesstunde das letzte Wort! Sie waren mit Ernst Jünger lange gut befreundet und haben mehrfach über ihn publiziert. Jetzt endlich ist Ihre lange erwartete Biographie erschienen. Titel: „Ernst Jünger. Ein Jahrhundertleben“. Schwilk: Zuerst einmal umfaßt Jüngers Leben, das vom Kaiserreich über die Weimarer Republik, das Dritte Reich bis zur Berliner Republik reichte, tatsächlich das gesamte 20. Jahrhundert. Vor allem aber war Jünger der letzte Vertreter der Gattung der Prognostiker, wie etwa Spengler oder Nietzsche, die noch den Anspruch erhoben, Geschichte einordnen und deuten zu können. Botho Strauß hat Jünger in diesem Sinne einmal als den großen Außenseiter bezeichnet, dessen Werk die deutsche Nachkriegsliteratur überrage. Ein kühnes Wort, aber es stimmt. Für was stehen denn Schriftsteller wie Walser, Grass oder Böll? Sie sind als Autoren auf den Alltagsmenschen fixiert und zugleich Sachwalter gesellschaftspolitischer Veränderung. Heinrich Böll formulierte seine Anklagen aus der Position des christlichen Moralisten und gegen die „kapitalistische“ Gesellschaft, Martin Walser kreist um das Mittelstandsmilieu und liebt die gebrochenen Figuren. Günter Grass schließlich hat zwar das Drama der jüngsten deutschen Geschichte in seiner Danziger Trilogie aufgearbeitet, aber doch aus einer „kaschubischen“, eher erdnahen Perspektive. Das hat natürlich alles seinen Wert und oft auch literarischen Reiz – doch es fehlt ihm jedes transzendierende, sinngebende Moment. Zur Deutung des Jahrhunderts konnten die Genannten nichts Wesentliches beitragen. In Ihrem Vorwort sprechen Sie von Jünger als der „Verkörperung der deutschen Seele“. Schwilk: Ich meine sein unablässiges Bemühen um Sinn, die „Annäherung“ an das Geheimnis, sprich: die Jüngers gesamtes Werk auszeichnende metaphysische Suchbewegung. Er war Romantiker in dem Sinne, daß er die Wirklichkeit romantisieren, sie tiefer, glanzvoller, letztlich mystischer beschreiben wollte, als sie sich dem Alltagsverstand darstellt. Er gab sich nie mit der Oberfläche der Dinge zufrieden, arbeitete das Doppelbödige heraus und hatte ein unvergleichliches Gespür für die Latenzen der Geschichte, ihre Unterströmungen – lange bevor sie zum Mainstream wurden. So erkannte er im Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs den „Arbeitertypus“ und in der totalen Mobilmachung die Tendenz zur Mobilmachung aller Ressourcen, die uns heute dem ökologischen Desaster entgegentreibt. Was ist Ernst Jünger eigentlich, ein Schriftsteller oder ein Philosoph? Schwilk: Jünger war kein Schulphilosoph, was ihn Heidegger in seinen Briefen auch hat spüren lassen. Ich würde sagen, es handelt sich bei Jünger um einen philosophierenden Schriftsteller mit gleichzeitiger Neigung zu den Realien. Bekanntlich ist Jünger ein großer Kenner der Flora und Fauna, ein passionierter Reisender mit Interesse für Geschichte und Kultur, die er sich auf einmalige Weise in seinen Reisetagebüchern erschließt. Jünger denkt nicht nur, er sieht auch. Das Begriffliche ist ihm eher fremd, er denkt in Bildern. Das Ineinander von Reflexion und Bild birgt aber auch eine Gefahr, es hemmt den epischen Fluß. Jünger ist kein genuiner Erzähler. So erklärt sich auch, daß Jünger nie einen wirklich bedeutenden Roman geschrieben hat. Dafür aber grandiose Essays und ein Tagebuchwerk, das zu den bedeutendsten seines Jahrhunderts gehört. Viel bedeutender jedenfalls als etwa das von Thomas Mann, vielleicht nur vergleichbar mit den großen französischen Diaristen Henri de Montherlant oder André Gide. Es fällt aber auch auf, daß man in Jüngers Tagebüchern das Introspektive, das Psychologische eigentlich nicht findet; das intime Detail sucht man vergebens. Schwilk: Jünger hat schon sehr früh, im „Abenteuerlichen Herz“ von 1929, deutlich gemacht, daß er sich nicht mit der, wie er es formulierte, „Stickluft der inneren Wohnzimmer“ beschäftigen will. Ihn interessierte der Typus, das Typologische, das Repräsentative – auch an sich selbst. Es ging ihm weniger darum, sich als Individuum zu begreifen, sondern um das, was an ihm zeitspezifisch, typisch für die Epoche ist. Sie können sich vorstellen, daß solch eine Haltung, die naturgemäß Strategien der Selbststilisierung nach sich ziehen muß, den Biographen irritiert. Ein Gestus, den es in dieser Schärfe vielleicht nur noch bei Bert Brecht gibt. Brechts linke und Jüngers rechte Perspektive eröffnen gleichermaßen den Blick auf die normierende Gewalt der Geschichte. Wie hat Jünger auf das Ende des Politischen nach 1945 reagiert, also auf den Verlust der Souveränität und den daraus folgenden Verzicht, Geschichte machen zu dürfen, ein Mitspieler auf der Weltbühne zu sein? Schwilk: Ich glaube, Jünger hat sehr darunter gelitten. Er hat den Untergang des alten Europa und natürlich Deutschlands sehr bedauert. Allerdings hat er dies auch als bewußte Selbstzerstörung verstanden: Es sei, schreibt er in den „Strahlungen“, als hätten die Deutschen diesen Untergang geradezu herbeigesehnt, herbeigewünscht. Es war seine Art, das deutsche Unglück als Folge des europäischen Nihilismus verstehen zu wollen, den die Deutschen philosophisch am stärksten vorausgedacht hatten. Insofern war er nicht verbittert; in Auschwitz, in Hiroshima und den Flächenbombardements der Alliierten sah er das Spiegelbild unserer inneren Verwüstungen. Für ihn hatten Auguren wie Melville, Dostojewski, Nietzsche oder Joseph Conrad den nihilistischen Sog der Moderne längst antizipiert. Aber Jünger hat sich nach 1945 rasch eingerichtet in der neuen Wirklichkeit. In gewisser Weise machte er aus der nationalen Not seine schriftstellerische Tugend: Er wurde zum Autor des Posthistoire. Die deutsche Misere wird zum Ende der Geschichte überhöht. Wieviel Tribut hat der Nachkriegs-Jünger dieser von ihm verachteten Gegenwart tatsächlich noch gezollt? Schwilk: Jüngers Nachkriegswerk ist sehr komplex und hat durchaus etwas Subversives. Er übte in seinen Romanen, etwa in „Eumeswil“, kaum kaschierte Zeitkritik. Er prangerte, ganz im Sinne von Spengler, die schleichende „Fellachisierung“ unserer Gesellschaft an, den Abstieg der Kultur in den Kulturbetrieb, die Eindimensionalität unserer Sozial- und Strukturgeschichtsschreibung und der sogenannten engagierten Literatur. Es ging ihm ja von Anfang an um eine Art Aufklärung der Aufklärung, denn die Anmaßung der Moderne, im strahlenden Licht der Wissenschaft alles ohne Rest erklärbar machen zu können, ist aus Jüngers Sicht überheblich und einfältig. Warum hat Jünger diesen Verfall nicht einfach akzeptiert? Das hätte doch am ehesten zu seinem Selbstverständnis als Chronist und Zeitzeuge gepaßt. Schwilk: Jünger hat die Frage nach den Wendepunkten der deutschen Geschichte – also, warum ist sie gerade so und nicht anders verlaufen – unablässig beschäftigt. Denn er betrachtete Geschichte auch unter der Perspektive des Möglichen: Sie hätte auch ganz anders verlaufen können. Geschichte war für ihn nichts Lineares, Endgültiges, sondern er hat mögliche Gabelungen, Ab- und Umwege gesehen. In einer mythisch gedeuteten Welt ist Wiederkehr immer möglich, das Alte immer neu, das Neue immer schon dagewesen. Hitler bedeutete in diesem Zusammenhang die „brutalstmögliche“ Abkürzung der deutschen Geschichte, die auch schon das Aus für Europa in sich barg. Stalingrad war also keine deutsche, sondern eine europäische Niederlage. Schon in den dreißiger Jahren wußte Ernst Jünger sich mit Carl Schmitt einig, daß Europa und damit Deutschland zwischen den Supermächten USA und UdSSR zerrieben werden würde. Aber daß Europa nach 1945 einen so irreversiblen Bedeutungsverlust, die Degradierung zum weltpolitischen Neutrum, zum puren Wirtschaftsraum hinnehmen mußte, hat ihn doch, bei aller metahistorischen Einsicht ins Notwendige, sehr geschmerzt. „Seine Idee war, Deutschland an die Spitze des Fortschritts zu katapultieren“ Woran aber hing Jüngers Herz wirklich: an seinem Land und seiner Kultur? War er ein Patriot? Oder doch eher an der Größe, Glorie und weltgeschichtlichen Bedeutung Europas? War er nur ein Adept des Monumentalen? Schwilk: Jüngers Gefühle für Deutschland, sein Patriotismus waren immer sehr stark – auch wenn er in seinen Essays nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr über den Nationalstaat, sondern über das Phänomen eines künftigen „Weltstaats“ schrieb, der sich angesichts des Wettrüstens, der Atomtechnik und der ökologischen Verwüstung als globale Ordnungsmacht konstituieren sollte. Aber Sie haben recht: In diesen Prozessen sah er vor allem auch die Heraufkunft eines technischen „Weltstils“, wie er sich in den Großstädten und Industrierevieren abzuzeichnen begann. Am politischen Leben der Bundesrepublik hat Jünger als Beobachter dennoch regen Anteil genommen und es in den Tagebüchern nicht an bissiger Kritik fehlen lassen, wenn ihm die deutsche Politik zu provinziell, zu geschichtsvergessen erschien. So stieß er sich an Willy Brandts Ostpolitik. Jünger hat nicht verstehen wollen, daß man deutsches Kulturgebiet einfach preisgibt – ohne sich wenigstens um alternative Lösungen zu bemühen. Auch der Fall der Mauer hat ihn sehr bewegt. Bis zum Schluß litt Jünger unter der geistigen Selbstverstümmelung Deutschlands, dem unübersehbaren Traditionsverlust und Sprachverfall. In den zwanziger Jahren war er allerdings selbst keineswegs konservativ, sondern radikal links: Er wollte Deutschland einstampfen und ganz neu „organisch“ konstruieren. Schwilk: Das stimmt, denn sein Patriotismus hatte damals auch eine operativ-revolutionäre Seite: Deutschland sollte auf der Höhe der Zeit sein, um im Kampf der Kulturen bestehen zu können. So mußte er über das „Völkische“ hinausdenken, was ihn bekanntlich mit der Veröffentlichung des „Arbeiters“ 1932 noch stärker in Gegensatz zu den Nationalsozialisten brachte. Albert Camus schrieb in seinem Buch „Der Mensch in der Revolte“, die Nationalsozialisten hätten ihrem erklärten Hauptfeind, dem Kommunismus, etwas Ideelles entgegensetzen können, die globale Figur des „Arbeitersoldaten“, wenn sie Jüngers „Arbeiter“ zu ihrer Programmschrift gemacht hätten. Nicht Alfred Rosenberg mit seinem völkischen „Mythus des XX. Jahrhunderts“, sondern Jünger sei der einzige Denker „von höherer Kultur“ des nationalen Lagers gewesen. In seinem Buch „Das Abenteuerliche Herz“ mahnte Jünger, man müsse, um das Erbe zu bewahren, mit der Moderne ernst machen: Sowjets, Europäer und die USA strebten einem gemeinsamen Ziel, der totalen Modernisierung zu und es stelle sich nur noch die Frage, wer am weitesten vorn marschiere. Jünger war unbedingter Modernist und als Nationalrevolutionär der Meinung, daß man den Tiger reiten müsse. Aufgabe der nationalrevolutionären Avantgarde sei es, den Prozeß noch zu beschleunigen, um Deutschland an die Spitze des Fortschritts zu katapultieren. Warum ist es den USA – und für einige Jahrzehnte auch der UdSSR – gelungen, dieses Ziel, sich zur geopolitischen Führungsmacht des Fortschritts aufzuschwingen, zu erreichen, nicht aber Deutschland bzw. Europa? Schwilk: Scharf kritisierte Ernst Jünger jene Mächte, die den technischen Modernisierungsprozeß mit pseudo-pazifistischen und universalistischen Ideen bemäntelten, um desto ungenierter im Namen der Menschenrechte eine national-imperialistische Politik zu betreiben. Er glaubte, daß Deutschland die Vorherrschaft in Europa auch ohne diesen instrumentellen Moralismus erreichen könnte. Heute wissen wir, daß solche Verbrämungen das Betriebsgeheimnis jedes Imperialismus sind. Im Ersten Weltkrieg waren es Frankreich und England, die den Konflikt mit dem Deutschen Reich zu einem Endkampf um die wahre Weltzivilisation stilisierten. Am Ende führten allerdings nur die erschöpften deutschen Ressourcen, nicht die falschen Ideen in die deutsche Niederlage. Könnte man sagen, Jünger war – im Gegensatz zu Hitler – ein Faschist? Schwilk: Man kann, wie das Armin Mohler getan hat, Jünger durchaus einem „faschistischen Stil“ zuordnen, doch geht er darin nicht auf. Dazu ist sein Werk zu ambivalent, er als Mensch zu bürgerlich und am Ende doch zu moralisch. Jünger fehlte der absolute Zynismus eines Marinetti, der Gewalt um der Gewalt willen feierte. Dagegen setzte Jünger seine sehr deutsche, idealistische Opfer-Metaphysik. Überdies hat Jünger den italienischen Faschismus politisch nicht als Vorbild empfunden, er war der Ansicht, daß der deutsche Arbeitertypus etwas ganz anderes ist als der italienische Schwarzhemdträger. Den Duce beschrieb er in Briefen als operettenhaften Wiedergänger eines römischen Imperators. Jünger hat trotz äußerster Radikalität politisch nie ernst gemacht. War er feige, sich zu fein oder im Grunde unpolitisch? Schwilk: Ich glaube, es war seine Ambiguität: Er liebte das Zwielichtige, Unentschiedene, um allen alles sein zu können. Ein Denker vom Berge, sehr entrückt. So versagte er sich in den zwanziger Jahren jeglicher Parteinahme, schlug in den Dreißigern alle Ehrungen der Nationalsozialisten aus und beteiligte sich trotz eigener Widerstandsschriften nicht am aktiven Widerstand gegen Hitler. Jünger mied in allen Phasen seines Lebens das Getümmel. Das beantwortet aber nicht die Frage. Schwilk: Die Politik war einfach nicht sein Feld, weil dort Gesetze herrschen, die ihm als Person fremd waren. Jünger war kein Debatteur, er fühlte sich in der Menge unwohl, tat sich schwer mit Meinungen. Schreckliche Vereinfacher gehörten nicht zu den Zirkeln, in denen er verkehrte. Tat er es dann doch einmal, stieß er sofort mit Leuten wie Goebbels zusammen, der ihn wiederum für dekadent und schwächlich hielt. Parteien waren ihm als Massenorganisationen suspekt. Als die Nationalsozialisten ernst machten, verblüffte ihn der rasante „legale“ Aufstieg des Regimes aus den Trümmern der Parteiendemokratie. Die wahre Revolution, die nach Hitler kommen sollte, wurde nun von diesem selbst vollzogen. Hatte Jünger als Nationalrevolutionär unentwegt „Zerstörung“ gepredigt, einer Art schöpferischem Nihilismus das Wort geredet, so kam nun plötzlich Hitler und machte aus Zerstörung Vernichtung. Damit wollte Jünger nichts zu tun haben. Jünger redete damals unentwegt von der Revolution, machte sie aber nicht. Die Achtundsechziger würden sagen: Typisch bürgerlich! Schwilk: Na ja, die meisten Achtundsechziger waren ja selbst Kinder des Bürgertums und berauschten sich an ihrem maoistischen und stalinistischen Verbalradikalismus. Mit der RAF wurde es dann aber doch noch einigermaßen ernst. Für den Bürgerkrieg war Jünger weder vorbereitet noch geeignet. Zu Recht bemerkte Schmitt einmal, den Pour le Mérite für den Bürgerkrieg gebe es nicht. Nach 1918 war Jüngers Bedarf nach Kampf und Blut restlos gedeckt. Ich habe Jünger einmal die Frage gestellt, warum er angesichts seiner doch eindeutigen Widerstandsschriften im Dritten Reich nicht „ernst“ gemacht habe. Ein Offizier könne doch auch schießen. Die Frage hat ihn ziemlich genervt, er ist beinahe böse geworden. Nach langem Schweigen sagte er, daß jeder für sich selbst entscheiden müsse, welche Rolle er in einer Zeit einnehmen will, in der alle Werte mißbraucht und alle Zwecke durch perverse Mittel diskreditiert seien. Da bot sich die nietzscheanische Haltung des Propheten vom Berge geradezu von selbst an. Sie ist unzeitgemäß, sie adelt und macht überlegen – so überlegen, daß man sich nicht mehr einzumischen braucht. Seit dem „Arbeiter“, also seit 1932, hat sich Jünger nicht mehr als Täter, sondern nur noch als Zeitzeuge und Visionär gesehen. Das war nun aber eine außerordentlich glückliche Entscheidung; sie macht bis heute seinen Ruhm aus und ermöglichte ihm das Überleben im Weltbürgerkrieg. Doch sollte man nicht vergessen, daß ein Buch wie „Auf den Marmorklippen“, in dem Jünger den Nationalsozialisten den Spiegel vorhält, dennoch ein überaus mutiger Vorstoß war. Und wäre ein Exemplar seiner seit 1943 zirkulierenden Friedensschrift in falsche Hände gefallen, hätte dies für eine Verurteilung vor dem Freislerschen Volksgerichtshof gereicht. Dennoch glaubte Jünger nicht an einen Erfolg des Widerstandes, weil den Attentätern ein „Gegen-Hitler“, eine charismatische Persönlichkeit fehlte; gleichwohl hat er denen, die den Wurf wagten und dabei scheiterten, größten Respekt bekundet. Stauffenberg und seine Männer waren in gewisser Weise die ideale Verkörperung von Jüngers Mythos des „verlorenen Postens“: Eine Tat ist nicht sinnvoll, weil sie erfolgreich ist, sondern weil man sie unter Einsatz des Lebens überhaupt gewagt hat. Das galt auch für die Gefallenen beider Weltkriege. Sie waren in Jüngers Augen nicht „für Hitler“ oder „für Stalin“ gefallen, sondern für eine Idee – und das ist niemals sinnlos. So schrieb Jünger in seiner Schrift „Der Friede“: „Die Dome dieser Welt sind auf den Katakomben der Märtyrer gebaut.“ War Jünger aber nicht doch insofern opportunistisch, als er sich ja nie in direkter Konfrontation zum intellektuellen Zeitgeist befunden hat? Schwilk: Er war dem Zeitgeist, wenn man darunter nicht etwas modisch Vordergründiges, sondern wirklich den Geist der Zeit meint, meist voraus. Heute zum Beispiel läßt sich das Werk Jüngers ökologisch lesen. Ich verstehe unter Opportunismus, wenn sich ein Autor einer Zeitströmung anpaßt, um sich dadurch einen Vorteil zu verschaffen. Das hat Jünger nie getan. Jünger hat sich allenfalls opportun verhalten, das heißt, er wußte immer genau, wie weit man gehen konnte und wo der „Genickschuß“ droht. So stellte er sich bei Massendemonstrationen in der Weimarer Zeit als ehemaliger Frontkämpfer den anrückenden gepanzerten Polizeifahrzeugen nicht entgegen, sondern flüchtete in einen Hauseingang, was Alexander Mitscherlich, der als junger Mann an der Seite Jüngers in Berlin mit dabei war, in seinen Erinnerungen zu dem Urteil verführte, Jünger habe sich feige verdrückt, als es ernst geworden sei. Doch Jünger wußte zwischen Mut und Dummheit immer gut zu unterscheiden. Sie widmen etwa zwei Drittel Ihres Buches der Zeit bis 1945, nur ein Drittel der zweiten Lebenshälfte Ernst Jüngers. Schwilk: Das ist in der Tat ein Manko. Ursprünglich hatte ich geplant, die Biographie in zwei Bänden zu veröffentlichen, doch da stellte sich der Verlag quer. Dann hätte der zweite Band mit 400 Seiten den Zeitraum 1945 bis 1998 umfaßt. Schade, denn auf 160 Seiten das Spätwerk abzuhandeln, wie nun geschehen, reißt doch schmerzliche Lücken, zwingt zum Verzicht auf wichtige Werkdeutungen wie die des wunderbaren „Sanduhrbuches“ oder der einzigartigen Reisetagebücher, die ich nur streifen konnte. Überhaupt kommt der naturwissenschaftliche Aspekt, die Welt der Käfer und Jüngers philosophische Gedanken zu Darwin oder Linné, viel zu kurz. Kritiker werfen Ihnen die „Verschwilkung“ Ernst Jüngers vor. Sie hätten ihn so abgeschliffen, daß er plötzlich „Mitte-kompatibel“ sei. Schwilk: Jüngers früherer Sekretär, der Publizist Armin Mohler, sagte mir 1988 nach Erscheinen meiner Bildbiographie, in der ich erstmals ausgiebig aus Jüngers Briefen und seiner aggressiven Publizistik zitieren konnte, in meiner Darstellung kämen Jüngers Attacken auf die Weimarer Gesellschaft, sein Radikalismus, für den er nach 1945 unaufhörlich angegriffen worden war, als das Selbstverständlichste der Welt daher – und dies würde von der Kritik sogar ohne jede Empörung hingenommen. Er konnte das nicht begreifen. Ich denke, es lag daran, daß ich ohne Absicht der Verharmlosung und Retusche an das Buch herangegangen war und Jünger sich aus sich selbst heraus erklären ließ. An keiner Stelle wurden die Ecken und Kanten dieses provozierenden Werkes abgeschliffen, im Gegenteil, kein anderer vor mir hatte so ausführlich die extremsten Textstellen des Frühwerks zitiert. Ähnlich objektiv bin ich nun auch in der Biographie verfahren. Sie haben zehn Jahre am „Jahrhundertleben“ gearbeitet. Man befürchtete schon, das Buch würde gar nicht mehr fertig werden. Schwilk: Neben persönlichen Gründen, die die Arbeit verzögerten, habe ich zwei Umstände schlicht unterschätzt: Erstens die „Papiergewitter“, sprich die unglaubliche Flut an Quellen, die zu sichten war, allein etwa 50.000 Briefe. Und zweitens meine Doppelbelastung als Vollzeit-Journalist, die mir natürlich nie genug Zeit ließ, um mit der Arbeit so zügig voranzukommen, wie ich mir das gewünscht hätte. Aber Sie haben recht, manche Jünger-Tagung hatte ich zuletzt gar nicht mehr besucht, weil ich wußte, daß ich dort wieder mit Nachfragen nach meinem Buch traktiert werde. Zehn Jahre Anlauf, und dann erscheint Ihr Buch gleichzeitig mit Helmuth Kiesels „Ernst Jünger. Die Biographie“. Ärgern Sie sich nicht darüber, jetzt in Kokurrenz zueinander zu stehen? Schwilk: Nein, denn sein Buch hat einen ganz anderen Ansatz. Es handelt sich nämlich gar nicht um eine echte, erzählte Biographie, was Helmuth Kiesel inzwischen auch selbst eingeräumt hat. Ich sehe sein Buch als eine sehr solide, philologisch kenntnisreiche und ideengeschichtlich kluge Einordnung von Jüngers Werk. Es ist eigentlich eine den gesamten Forschungsstand zu Jünger verarbeitende Werkbiographie. Sachlich kommen wir uns deshalb kaum ins Gehege, sondern ergänzen uns eher. Ich habe in meinem Buch Wert darauf gelegt, die Persönlichkeit Jüngers aus seinen mentalen Voraussetzungen, aus seiner Kindheit und vor allem von den Erfahrungen als Kriegsfreiwilliger im Ersten Weltkrieg her zu deuten. Das Werk erscheint so auch als Verarbeitung eines komplexen seelischen Entwicklungsprozesses. Jünger wird jetzt menschlicher wahrgenommen. Auf meinen Lesereisen mache ich die erstaunliche Erfahrung, daß viele weibliche Leser durch meine Biographie erstmals Zugang zu einem Schriftsteller bekommen, der eigentlich als typischer Männer-Autor gilt. Werden Sie ein weiteres Jünger-Buch schreiben? Schwilk: Nein. Zu Jünger habe ich alles gesagt. Mein nächstes Projekt ist schon in Arbeit, wieder eine literarische Biographie, wieder über einen der großen deutschen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, der aber politisch-weltanschaulich auf einer völlig anderen, ja der entgegengesetzten Seite stand. Zum Zeitpunkt des Erscheinens nur soviel: Ich hoffe, mir das Buch zum sechzigsten Geburtstag selbst schenken zu können. In Ihrer Biographie erwähnen Sie auch die JUNGE FREIHEIT. Schwilk: Ja, als ich mit Ernst Jünger einmal auf Reisen war, hatte seine Frau vergessen, ihm das aktuelle Exemplar der JUNGEN FREIHEIT einzupacken, und darüber hat er sich dann beschwert. Er sagte: „Auf die Frankfurter kann man ja mal verzichten, auf die JUNGE FREIHEIT nicht.“ Er hat Ihr Blatt sehr geschätzt, regelmäßig gelesen und im Gespräch auch dafür geworben. Die immer wieder vor allem von links zu hörenden Vorwürfe gegen Ihre Zeitung – rechtsradikal, revanchistisch, revisionistisch – erschienen ihm völlig absurd. Gefallen hat ihm vor allem der Mut, den Zeitgeist intellektuell herauszufordern und dies trotz des erheblichen ökonomischen Risikos auch durchzuhalten. Vielleicht erinnerte ihn das an seine Zeit als junger Publizist in den Zwanzigern. Stellt Ihr Buch möglicherweise den Schlußpunkt der bundesdeutschen Debatte um Jünger dar? Schwilk: Nein. Ich bin sicher, daß jede Zeit „ihren“ Jünger hat. Noch in seinen Irrtümern hat uns Jünger viel zu geben. Ich könnte mir beispielsweise vorstellen, daß der von Jünger in seinem Spätwerk vorgestellte Anarch, „der die Gesellschaft durch sich hindurchgehen läßt“, als der Typus der Postmoderne erst jetzt richtig entdeckt werden wird. Oder die religiöse Dimension eines Werkes, das von einem Autor geschrieben wurde, der im Alter von 101 Jahren zum Katholizismus konvertierte. Aber das ist Spekulation. Mit meiner Biographie und Kiesels Werkbiographie ist das Quellenmaterial aufgearbeitet und ein Deutungsrahmen abgesteckt, auf dem spätere Interpreten aufbauen können. Das letzte Wort über ein so lebendiges, vieldimensionales Phänomen wie Ernst Jünger ist damit keineswegs gesprochen. Dr. Heimo Schwilk: Den „Eckermann Jüngers“, so nannte ihn der Literaturwissenschaftler Horst Seferens. Er gilt als einer der besten Kenner von Ernst Jüngers Leben und Werk. Seit 1983 verband Schwilk eine persönliche Freundschaft mit dem Jahrhundertschriftsteller. Der 1952 in Stuttgart geborene Journalist diente vier Jahre als Fallschirmjäger der Bundeswehr, studierte Germanistik, Philosophie und Geschichte, schrieb für zahlreiche Zeitungen wie Welt, FAZ, oder Rheinischer Merkur und erhielt 1992 den renommierten Theodor-Wolff-Preis für Journalismus. Heute ist er leitender Redakteur der Welt am Sonntag in Berlin. Schwilk veröffentlichte zudem zahlreiche Bücher, darunter zusammen mit Ulrich Schacht 1994 „Die Selbstbewußte Nation“ (Ullstein) und 1997 „Für eine Berliner Republik“ (Langen/Müller). Bereits 1988 erschien sein großformatiger Leinenband „Ernst Jünger. Leben und Werk in Bildern und Texten“ und 1995 zusammen mit Günter Figal „Magie der Heiterkeit. Ernst Jünger zum Hundertsten“ (beide Klett-Cotta). Nach über zehn Jahren Arbeit legte er nun seine vielfach hochgelobte, „glänzende“ (Der Spiegel) Biographie „Ernst Jünger. Ein Jahrhundertleben“ (Piper-Verlag) vor. Fotos: Jünger als Offizier (zu Pferd) im besetzten Paris: „Wendepunkte der Geschichte“ Jünger beim Spaziergang in Wilfingen (1951): „Dem Geist der Zeit immer voraus“ Jünger mit Heimo Schwilk (1995): „Der große Außenseiter … Einer der letzten Vertreter der Gattung der großen Prognostiker“ weitere Interview-Partner der JF

Unterstützung

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen

Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.

aktuelles