Poetische Klänge aus der Stille

Nach einer in etlichen szenischen Details ebenso widersprüchlichen wie originellen und vor allem musikalisch-sängerisch großartigen „Jenúfa“-Produktion (JF 05/07) wagte sich die Staatsoper Stuttgart nun an Bruno Madernas nur selten im Repertoire eines Opernhauses auftauchendes „Hyperion“-Projekt. Mit hörbarem Erfolg: Die Premiere vor wenigen Tagen war stürmisch bis orkanartig bejubelt. Dieses Maderna-Opus, 1964 bei der Biennale Musica Venezia erstaufgeführt, ist weder Oper im herkömmlichen Sinne, noch ist es die provokative Anti-Oper eines Opernhäuser zertrümmernden ehemaligen und den Konventionen trotzenden Avantgardisten. Bruno Maderna (1920–1972), vielleicht einer der bedeutendsten „Erneuerer“ und Wegbereiter moderner Musik im 20. Jahrhundert, der einst als Dirigenten-Wunderkind in Italien Furore machte, schuf mit seinem „Hyperion“ so etwas wie eine lyrische, metaphysische „Klang-Rausch-Bilder-Wort- und Szenen-Collage“ nach Hölderlins gleichnamigem Briefroman, die jeder Regisseur, Dirigent und Bühnenbildner beliebig deuten, d.h. konzeptionell und szenisch-musikalisch frei ausformen kann. So machte es denn auch Karsten Wiegand, der Regisseur des Stuttgarter Spektakels. Er entschied sich, wie von Maderna gewollt, für die Darstellung des „absoluten poetischen Nichts“, in dem sich zugleich aber auch die reale Welt widerspiegelt, in der die Gattung Mensch (also auch Hyperion) offenen Auges, zerfressen von Selbstzweifeln, von Gier, von Leidenschaft, von Haß und Freudlosigkeit in den Abgrund taumelt, quasi als Schlußakkord eines sinnentleerten Lebens. Weder Götter noch Helden (war Hyperion ein Held ?) können dieses gigantische Finale verhindern. Es bleibt das Weinen um den Verlust eines Traumes, des Traums von einer geistigen Erneuerung von Menschheit und Welt. Es gibt keine erkennbare Handlung Wenn der Besucher in Stuttgart den Saal betritt, hat das Spiel um Hyperion, den tragischen, an sich selbst und an der ihn nicht verstehenden Welt zerbrechenden Sich-Sucher, längst begonnen. Wildes, diffuses Stimmengewirr, scheinbar zusammenhanglose Text- und Lautfragmente nach Hölderlin (sowie von Helms, Lorca, Auden und anderen) zischeln suggestiv bis aggressiv über Lautsprecher durch Bühnen- und Bewußtseinsräume, direkt in die Gehörgänge, einer beängstigenden, hörspukhaften Gehirnwäsche aus einem Tollhaus gleichend … Auf der Spielfläche (Bühnenbild: Bärbl Hohmann, Kostüme: Ilse Welter): ein Musikpavillon auf einer südlichen Piazza, Klappstühle (es soll also ein Konzert stattfinden), skurrile Männlein, angeschönte Weiblein im Sonntagsstaat und spielende Kinder wie aus den flotten Sechzigern tummeln sich lustvoll auf dieser imaginären Piazza, über die sich ein dunkler Bühnenboden mit rotierenden Ventilatoren wölbt. Wenn dann das Licht im Saal ausgeht, weiß man, daß nun das offizielle Spiel beginnt. Und was beginnt? Es beginnt das Warten! Ein nahezu schon qualvolles Warten. Nicht auf Godot, sondern auf irgend etwas anderes. Auf Handlung, auf Musik, auf Gesang, auf Tanz, auf eine Botschaft vielleicht? Nichts geschieht. Es gibt keine erkennbare Handlung, eine eher schon Zufallsdramaturgie (auch in den Kompositionen) scheint da am Werke zu sein. Und doch geschieht etwas. Regisseur Karsten Wiegand zeichnet (in künstlerischer Kooperation mit Sergio Morabito) nach den Maderna-Entwürfen (die sich aus diversen Tonbandkompositionen, aus realen Orchestermusiken, Flötenkadenzen u.a. zusammensetzen) ein ebenso real kleinbürgerliches wie kafkaeskes komödiantisches „Seelen-Gemüts- und Zeit-Gemälde“ voller Poesie und Absurdität: Das Leben ist schön, weil es absurd ist. Und es ist absurd, weil es von Poesie durchtränkt ist. Und so fügt Wiegand mit leichter Regiehand und auch mit erstaunlichem psychologischen Einfühlungsvermögen bezaubernde Augenblicks-Szenen und minimale Gesten, Töne und wie zufällig hingestreute Geräusche in die nicht stattfindende Handlung ein, die sich zu einem leisen, dennoch intensiven Stimmungsbild mit poetischen Klängen aus der Stille verdichtet. Die Hauptrollen sind neben dem vorzüglichen Chor und Kinderchor das Orchester (im Musikpavillon und nicht im Graben), der Flöten-Dichter Hyperion (von Mario Caroli virtuos auf seinem Instrument gespielt und auch szenisch brillant umgesetzt) sowie Melanie Walz als Donna-Diotima mit einer bravourösen Koloratur-Aria à la Königin der Nacht. Bernd Grawert war der dämonische, zwiegespaltene Alabanda-Hyperion. Der Star des Abends jedoch war Enrique Mazzola als „echter“ Dirigent des Staatsorchesters Stuttgart sowie als „Bühnen-Dirigent“: ein Meister des Taktstocks (zudem mit komödiantischem Talent versehen) und sensibler Interpret dieses schwierigen, hier in Stuttgart sensationell in Szene gesetzten Werkes. Dieser „Hyperion“ ist wahrlich eine Reise nach Stuttgart wert. Die nächsten Vorstellungen in der Staatsoper Stuttgart, Oberer Schloßgarten 6, finden statt am 4., 20., 23. und 30. März sowie am 3. und 24. April. Tel: 07 11 / 20 32-0

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