In der Pose des Provokateurs

Berühmt, und zwar weltberühmt, wollte Peter Handke schon sehr früh werden. Das war für ihn eine Überlebensfrage. Handke ist der Sohn einer Slowenin und eines Soldaten der Deutschen Wehrmacht, der bereits anderweitig verheiratet war, weshalb der Junge bei einem Stiefvater aufwuchs: zunächst in Berlin, dann in Kärnten, wo sein Großstadtdialekt ihn zum Außenseiter stempelte. In der Pose des Provokateurs gab er 1966 in der Gruppe 47 seinen furiosen Einstand. Sein Stück „Publikumsbeschimpfung“ brachte ihm im selben Jahr den Durchbruch auf der Theaterbühne. Er beschimpfte auch den Kulturbetrieb, noch während der ihn emportrug. Marcel Reich-Ranicki, schrieb er, sei der Sprecher des Durchschnittslesers, so wie „das Bürgerliche Gesetzbuch der Sprecher des ordentlichen Durchschnittmenschen ist“. 1970 erschien die Erzählung „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“, die vom doppelbödigem Lapidarstil Kafkas und Camus‘ wie von Chandlers unheilschwangerer Melancholie beeinflußt ist und heute als Klassiker gilt. Die Welt der arbeits- und bindungslosen Hauptfigur Josef Bloch ist so durchreglementiert, daß er am liebsten stumm bleibt, „weil er das, was er vorhatte zu sagen, als bekannt annahm“. Der Mord an einer Frau nach dem Beischlaf ist seine erste aktive Tat und der Versuch, die Grenzen der Welt aufzusprengen. Doch auf seiner Flucht wird er von ihr um so mehr in Beschlag genommen. Mit erst dreißig Jahren erhielt Peter Handke 1973 den renommierten Georg-Büchner-Preis. Er verfaßte die Meditationen für Wim Wenders‘ Film „Der Himmel über Berlin“, die mit der Schwermut der Schwarzweiß-Bilder perfekt korrespondierten. Seinen Ruf als Anti-Aufklärer hat er sich hart erarbeitet. In den 1990er Jahren löste er einen Pressesturm aus, als er zum Jugoslawien-Krieg eine abweichende Meinung äußerte und versuchte, den Unterschied zwischen der westlichen und der serbischen Perspektive auf den Nationalitätenkonflikt verständlich zu machen. Inzwischen ist klar, daß seine Essays viel mehr an geschichtlicher Tiefenschärfe und politischer Voraussicht enthalten haben als alle humanitaristischen Medienkommentare. Er hat beträchtliche Summen gespendet für die serbischen Enklaven im (unter EU-Mithilfe) muslimisierten Kosovo und nahm an der Beerdigung des in der Haft verstorbenen Ex-Präsidenten Slobodan Milosevics teil. Ob ihn das zum Narren oder zu einem der letzten Weisen in Europa macht, darüber geht der Streit. Am 6. Dezember wird Peter Handke 65 Jahre alt.

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