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Harte Schale

Es war einmal in den unseligen 1980ern, als der Melodic Rock noch in den Kinderschuhen steckte und die Pomp-Rocker in Glitzerkostümen und eitlen Pfauen des Hair Metal unangefochten über Stadionbühnen und Äther herrschten, da wagte eine Band namens Night Ranger sich an Klangexperimente. Jack Blades, Jeff Watson, Kelly Keagy und Brad Gillis hießen die Innovatoren eines melodiösen neuen Sound, der die Wucht des Heavy Metal mit gitarrenlastigen Stücken zähmte. Heraus kamen eingängige, radiofreundliche Rockballaden, deren genreübergreifende Popularität schnell ersichtlich wurde: Mehr als 16 Millionen verkaufte Platten weltweit sprachen für sich, Nummern wie „(You Can Still) Rock In America“ und „Don’t Tell Me You Love Me“ gelten bis heute als Klassiker. Jetzt sind die Jungs (besser sollte man wohl sagen, die gestandenen Herren) zurück und haben nur ihren Keyboard-Spieler ausgewechselt: Statt Alan „Fitz“ Gerald haut nun Michael Lardie von Great White in die Tasten. Puristen, das sei vorweggenommen, werden wenig Freude haben an „Hole in the Sun“ (Frontiers Records), Night Rangers erstem Studioalbum seit „Seven“ (1998). Denn die Musiker können es nicht lassen – sie experimentieren immer noch. Die auf dem Computer erzeugten Scratch-Samples, die in „Tell Your Vision“ die Platte einläuten, gehen allmählich in ausgiebige Gitarrenattacken über. Kommt hier die harte, funkige Schale zu ihrem Recht, unter der sich der weiche Kern verbirgt? Na und wie, denn als nächstes bietet „Drama Queen“ berauschende Gitarrenakrobatik im Stile von Pete Townshend, die sich bis zum Duell zwischen Gillis und Watson steigert, bevor Blades gefühlvoller Gesang sich durchsetzen und für die ersehnte Atempause sorgen kann. Dann aber kommt es erst richtig hart auf hart. In „You’re Gonna Hear From Me“ drischt Keagy auf sein Schlagzeug ein wie ein Berserker – Headbangen ausdrücklich erlaubt! In den Baßakkorden von „Whatever Happened“ wiederum klingen eher Skater-Punk-Bands wie Motion City Soundtrack und Green Day an, und die straffe Rhythmussektion bringt das Titelstück endgültig zum Überkochen: ein Rock’n’Roll-Ausflug zu den Brutstädten des R&B. Um so zeitgenössischer kommt „White Knuckle Ride“ daher, ein mit Starkstrom unterlegtes düsteres Stück über den Alkoholismus. Ganz können sich Night Ranger die nostalgischen Anklänge an die achtziger Jahre natürlich nicht verkneifen. Die entspannte Pianoballade „There Is Life“ weckt Erinnerungen an frühere Hits wie „Sister Christian“ und „Sentimental Street“ und sorgt ebenso wie die gefühlvolle Akustik-Nummer „Revelation 4AM“ – exquisit vertont mit sanften Streichinstrumenten und ab und an einem zünftigen Gitarren-Riff – für Augenblicke der Besinnung inmitten des entfesselten Chaos. Schade, daß die stimmlichen Fähigkeiten, die Keagy hier unter Beweis stellt, auf seinem ebenfalls dieses Jahr erschienenen, eher mittelmäßigen Soloalbum „I’m Alive“ kaum zur Geltung kommen! Ebenfalls schade, daß „Hole In The Sun“ nicht mit dem zehnten Stück endet, sondern auf „Revelation 4AM“ noch zwei formelhafte Nummern folgen läßt: „Wrap It Up“ bietet faden Melodic Rock mit dem unvermeidlichen Übergang von leise/langsam zu laut/schnell, und auch der Akustik-Song „Being“ klingt nach reinem Füllmaterial. Ansonsten jedoch zeigt sich hier eine Band von ihrer besten Seite, die – Massengeschmack hin oder her – noch nie vor musikalischen Herausforderungen zurückgeschreckt ist. Mit zwei für die nahe Zukunft geplanten neuen Alben, einmal Elektro, einmal Akustik, können sich die Fans noch auf einiges gefaßt machen – trotz Gerüchten, daß Watson die Band verlassen hat und auf der bevorstehenden Tournee White­snake-Gitarrist Reb Beach für ihn einspringt.

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