Feuer und Schwert gegen die Liebe

Am dritten Dezember schlug der Wind über Nacht um, und es wurde Winter. Bis dahin war der Herbst milde gewesen, lind. Das Laub hatte goldrot an den Ästen gehangen, die Hecken waren noch grün gewesen. Wo der Pflug die Erde aufgeworfen hatte, glänzte sie fett und fruchtbar.“ Die so anschaulich beschriebene Idylle einer englischen Landschaft, die nach schwerer Erde, schwarzen Wolken, Melancholie und Weltuntergang riecht, wird allerdings schon bald zu einem wahren Alptraum werden. Heerscharen von Habichten, Möwen und Bussarden mit hackenden Schnäbeln und der flinken Präzision von Maschinen läßt Daphne du Maurier in ihrer knapp dreißig Seiten langen Erzählung „The Birds“ (1952; „Die Vögel“) über die ahnungslose Menschheit herfallen. Das Unheil liegt hier wortwörtlich in der Luft und kommt dann auch wirklich wie ein Blitz vom Himmel herunter. Und als Leser lauscht man atemlos dem Splittern schützender Türen und malt sich aus, wieviel jahrmillionenalte Erinnerungen in diesen kleinen Gehirnen hinter diesen stechenden Augen wohl aufgespeichert sind. 1963 hat Alfred Hitchcock Daphne du Mauriers unprätentiöse Kurzgeschichte kongenial verfilmt, doch leider vergaßen viele Kinobesucher über diese Version apokalyptischen Ausmaßes, wem der Meister des Thrillers seinen Stoff eigentlich verdankte. Daphne du Maurier wurde am 13. Mai 1907 in London geboren. Ihr Vater Gerald du Maurier war Schauspieler, ihr Großvater George du Maurier Schriftsteller. Als junges Mädchen wuchs sie wohlbehütet mit ihren Schwestern in London und Paris auf, wurde von einem Privatlehrer unterrichtet und widmete sich in ihrer Freizeit dem Segeln und Reisen. In dieser Zeit entstanden ihre ersten kleinen Erzählungen, die vorwiegend in Cornwall spielten, wo sie seit ihrem 19. Lebensjahr lebte. In der kleinen Ortschaft Par in Cornwall ist sie am 19. April 1989 verstorben. Bereits ihr zweiter Roman „Jamaica Inn“ (1936; „Gasthaus Jamaica“) wurde zu einem großen Erfolg. Es geht um eine Bande von Strandpiraten, die an der sturmgepeitschten, zerklüfteten Küste von Cornwall mit falschen Signalen Schiffe auf die Klippen locken, um Besatzung und Passagiere umzubringen und die Ladung zu plündern. Ihr Domizil ist das Gasthaus Jamaica, in das es die junge Mary Yellan verschlägt, die schließlich allein auf sich gestellt den Kampf mit der Bande aufnimmt, deren heimlicher Anführer ein heruntergekommener Junker ist. 1939 verfilmte Alfred Hitchcock den Roman mit Charles Laughton in der Hauptrolle. „Rebecca“ (1938) ist wohl Du Mauriers berühmtestes Buch. Es ist eigentlich ein Aschelbrödelmärchen um ein schüchternes junges Mädchen, das sich seinen Lebensunterhalt als Gesellschafterin reicher Damen verdient. Über Nacht wird sie durch die Heirat mit dem wohlhabenden Witwer Maxim de Winter zur Herrin eines großen Landsitzes an der englischen Küste: Schloß Manderley. Doch alles in dem riesigen Anwesen atmet die Erinnerung an Rebecca, de Winters verstorbene erste Frau. Wie ein Phantom bewegt sich die Haushälterin Mrs. Danvers, die Rebecca immer noch zwanghaft vergöttert, durch Manderley. Sie versucht sogar die neue Herrin zum Selbstmord zu treiben, und legt, als dies nicht gelingt und das Geheimnis um den Tod von Rebecca endlich ans Licht kommt, einen Brand, dem sie selbst zum Opfer fällt. Mit den Flammen, die Manderley einäschern, ist auch die Erinnerung an Rebecca überwunden. Kein anderer Autor hat Alfred Hitchcock so viele Stoffe für seine Filminszenierungen geliefert wie Daphne du Maurier. Der große Regisseur schätzte gerade diese Erzählerin besonders, ihm imponierte ihre einfühlsame Charakterzeichnung, die subtile Psychologie und spannende Handlungsführung. Hitchcock ließ sich auch von den Literaturkritikern nicht beeindrucken, die sich über Du Mauriers konventionellen und melodramatischen Stil lustig machten. Und sein sicherer Instinkt gab ihm recht, längst sind die Filme Klassiker. Neben ihren großen Romanen wie „My Cousin Rachel“ (1951; „Meine Cousine Rachel“), ein Jahr später von Henry Koster mit Olivia de Havilland und Richard Burton verfilmt, oder „The House on the Strand“ (1969; Ein Tropfen Zeit“) hat sich Daphne du Maurier immer wieder dem Schreiben von Kurzgeschichten gewidmet. Aber gerade diese kleinen Erzählungen haben es in sich. So wird in „Don’t Look Now“ (1971; „Dreh dich nicht um“) ein durch den tragischen Unfalltod seiner Tochter noch unter Schock stehendes englisches Künstlerehepaar in Venedig durch das Zusammentreffen mit zwei älteren Schwestern beunruhigt, von denen die eine über seherische Fähigkeiten verfügt. Die mysteriösen Erlebnisse in der Lagunenstadt enden schließlich blutig, als dem Mann bei der nächtlichen Verfolgung eines weinenden kleinen Mädchens mit einem roten Kapuzenmäntelchen – ein gleiches trug seine Tochter, als sie im See ertrank – von einer zwergenhaften, wahnsinnigen Serienmörderin die Kehle aufgeschlitzt wird. Atmosphäre des Außergewöhnlichen Die Ambivalenz der Figuren und die unterschwellige Bedrohung dieser – vom Ende abgesehen – eher „sanften“ Horrorgeschichte nutzte Nicolas Roeg zwei Jahre später für seine grandiose filmische Adaption von „Don’t Look Now“ („Wenn die Gondeln Trauer tragen“) mit Julie Christie und Donald Sutherland, die vor allem durch ihre erlesene Farbgebung und reizvollen Bildkompositionen bestach. Als doppelbödig erweist sich auch das Alltägliche und Vordergründige in der Kurzgeschichte „Ein Grenzfall“ (1971), einem literarischen Kabinettstück, das durch seine raffinierte Handlung, glänzend geschürte Spannung, eine Atmosphäre des Besonderen und Außergewöhnlichen und eine schicksalhafte Pointe überrascht. Getarnt als Journalistin schleicht sich eine junge Schauspielerin in das Vertrauen des Jugendfreundes ihres gerade verstorbenen Vaters. Doch entpuppt sich dieser Kapitän Nick Barry als Anführer einer Gruppe irischer Freischärler. Später nimmt er sie mit auf eines seiner nächtlichen Kommandounternehmen, und Shelagh erlebt eine romantische Liebesgeschichte mit ihm. Als glühende Anhängerin des irischen Freiheitskampfes fliegt sie nach London zurück. Zurückgekehrt auf die Bühne muß sie jedoch zu ihrem Entsetzen erkennen, daß ausgerechnet dieser Mann ihr leiblicher Vater ist: „Sie sah keine Kulissen und keine Versatzstücke mehr, zwischen denen sie schauspielerte, sondern Straßen, in denen Fenster einzuwerfen und Häuser anzuzünden waren, in denen jedes Mittel recht war, Steine, Ziegel, Benzin, in denen sie Haß und Verachtung austoben durfte. Denn Feuer und Schwert sind das einzig wirksame Mittel gegen die Liebe.“ Foto: Daphne du Maurier lieferte die literarische Vorlage für Hitchcocks „Die Vögel“: Wie ein Blitz stößt das Unheil vom Himmel herunter

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