Der ästhetische Irrtum

Im Jahr seines 90. Geburtstags ist der Ruhm Heinrich Bölls verblaßt und taugt der Schriftsteller bloß noch als Namensgeber für die Parteistiftung der Grünen und für einen ICE. Das ist nicht ganz gerecht und erklärungsbedürftig. Böll war, als er 1985 starb, der meistgelesene deutsche Gegenwartsautor, vor allem aber eine moralische Instanz, und zwar in viel höherem Maße als heute Günter Grass, dessen ätzende Selbstgerechtigkeit ihm abging.

Böll wurde am 21. Dezember 1917 als Sohn eines Schreiners in Köln geboren. Von 1939 bis 1945 war er Soldat, das Kriegserlebnis zeichnete ihn fürs Leben. In der Schilderung des Krieges und seiner unmittelbaren Folgen liegt seine bedeutendste künstlerische Leistung.

Das 1949 beendete, aber erst 1992 veröffentlichte Romanmanuskript "Der Engel schwieg" offenbart seine Fähigkeiten und Stärken. Es ist ein Buch über einen Kriegsheimkehrer in einer total zertrümmerten Großstadt. Bei der Schilderung der inneren und äußeren Zerstörungen und ihrer Interdependenzen dringt Böll in existentielle Tiefen vor. Nur wollte man, vier Jahre nach Kriegsende, das schon nicht mehr lesen. Es gab tatsächlich eine "Unfähigkeit zu trauern", im Sinne einer inneren Abwehr des Schreckens nämlich, um für die Forderung des Tages – und die hieß schlicht: überleben! – gewappnet zu sein.

Zum Jahrhundert-Chronisten fehlten die Voraussetzungen

Bölls unbestreitbare Fabulierkunst, seine Fähigkeit, Figuren, Situationen, Konstellationen gestochen scharf zu zu zeichnen, traten dort am klarsten hervor, wo die Fabeln und Sujets konkret waren: So in der Erzählung "Wanderer, kommst du nach Spa …" über einen tödlich verwundeten Gymnasiasten, in der Böll die harte, knappe, konzentrierte Erzählweise der amerikanischen short story adaptiert, oder in der meisterhaften satirischen Erzählung "Nicht nur zur Weihnachtszeit" (1952) über Tante Milla, die seit jeher dem Weihnachtsfest mit kindlicher Vorfreude entgegenfiebert. Der Krieg beendet die frohe Festlichkeit fürs erste. Nun, da Frieden herrscht und die Familie rasch wieder zu Wohlstand kommt, reagiert sie auf das Abräumen des Weihnachtsbaums mit stundenlangen Schreikrämpfen, die erst enden, als der Baum wieder aufgestellt wird. Jeden Tag, sommers wie winters, wird nun Heiligabend gefeiert. Am Ende engagiert die verzweifelte Familie eine Schar von Statisten, die allabendlich mit der Tante unter dem Tannenbaum sitzt: eine scharfsinnig-böse Parabel auf das ins Zombiehafte abgleitende beschädigte Leben im Nachkriegsdeutschland.

Aber wirklich berühmt wurde Böll als Jahrhundert-Chronist und Epiker der bundesdeutschen Gesellschaft, wofür ihm nun freilich die Voraussetzungen fehlten. Diese Position fiel ihm nicht durch künstlerische Qualitäten, sondern als Moralist und als Ankläger zu, der die Schuldigen der deutschen Katastrophen in eingängiger Weise an den Pranger stellte. Vor allem arbeitete er sich am rheinisch-katholischen Milieu (dem "katholischen Klüngel") und an der Amtskirche ab, deren Bedeutung und Einfluß er grotesk überbewertete. Bölls Verwurzelung im katholischen Rheinland schlägt hier in intellektuellen Provinzialismus um. Gerade dadurch aber wurde er zur literarischen Leitfigur eines Rumpflandes, das sich über seine Regionen definierte und über keine Metropole verfügte, an der diese sich messen lassen mußten.

Er hat dieses Manko durchaus gespürt. Im Roman "Billard um halbzehn" (1959) bediente er sich in schon aufdringlicher Weiser moderner, komplexer Erzähltechniken, um eine deutsche Familiengeschichte von der Jahrhundertwende bis in die Gegenwart symbolhaft zu überhöhen. Die Erzählperspektiven wechseln analog zu den karambolierenden Billardkugeln, aber am Ende fragt man sich: Wozu der Aufwand? Denn die Aussage bleibt simpel: Die Menschen scheiden sich in diejenigen, die vom "Sakrament der Lämmer", und die anderen, die vom "Sakrament der Büffel" gegessen haben.

Sein bekanntester Roman, "Ansichten eines Clowns" (1963), wurde in Millionenauflage verkauft. Titelfigur ist der Industriellensohn Hans Schnier, der sich dem bürgerlichen Leben aus Protest gegen den katholischen und Nazi-Mief verweigert. Alle Schlechtigkeiten dieser Welt bringt Schnier in endlosen Telefonaten und Monologen endlich einmal auf den Punkt: "Manager haben Nerven, Standvermögen, Worte wie ‚Sensibilität der Künstlerseele‘ sind für sie Worte wie ‚Dortmunder Aktienbier‘ (…). Sie wissen auch genau, daß selbst ein gewissenloser Künstler tausendmal mehr Gewissen hat als ein gewissenhafter Manager" usw. usf.

Es zeugt von der schwindenden ästhetischen Urteilskraft der bundesrepublikanischen Gesellschaft, daß solche Sätze nach Thomas Manns großen Novellen zur Künstler-Bürger-Problematik massenhaft Zuspruch fanden. Es sind keine zufälligen Aussagen, sondern sie drücken Geist und Gestus des gesamten Romans aus. Anders als in Thomas Bernhards "Holzfällen", wo das Räsonieren und Lästern zur Kunstform erhoben und der Absolutheitsanspruch des Erzählers durch dessen Eingeständnis relativiert wird, selber ein Kind des Milieus zu sein, das er so gnadenlos beschimpft, fallen Autoren- und Erzählerperspektive hier in nachgerade primitiver Weise zusammen.

Warum dann der Erfolg bei den Lesern? – Eben deshalb! Böll hatte den deutschen Mann der Zukunft: dem engagierten Antinazi und Gutmenschen, volltönend seine Stimme erheben lassen! Seine Eltern oder Großeltern hatten einst aktiv mit dem Nationalsozialismus paktiert, nun strebt auch er nach einer bevorzugten Positionen, indem er sich als Einsichtselite über die NS-Zeit geriert. Noch geschieht das in der Rolle des Opfers, des scheinbar Schwächeren (Schnier sitzt am Schluß als bettelnder Moritatensänger auf den Stufen des Bonner Hauptbahnhofs), aber für den Scharfblickenden war klar, daß dieser Typus zukunftsfähig war.

Als ein (West-)Berliner Kirchenblatt Heinrich Böll in bigotter Manier und völliger Verkennung der Zeitumstände vorwarf, er biete "den Menschen Steine statt Brot, noch schlimmer: wahrscheinlich für manche Skorpione statt Brot", spottete der in Ost-Berlin lebende Schriftsteller Johannes Bobrowski hellsichtig: "Mir scheint, / er (Böll – Th. Hinz) kennt die Kundschaft besser: die will gar nicht Brot, dann schon lieber/ Skorpione, nur scharf müssen sie sein und – vom Grill." Bölls vielgerühmte Zeitkritik war längst ein mundgerechtes Häppchen und zum Inventar der Bonner Republik geworden.

"Gruppenbild mit Dame" ist von unheimlicher Prophetie

In seinen Frankfurter Vorlesungen von 1963/64 versuchte er seine Schreibweise mit einer sogenannten "Ästhetik des Humanen" zu begründen, was von heute aus gesehen an Johannes Rau oder Helmut Kohl erinnert, die politische Probleme bevorzugt auf einer familiär-menschelnden Ebene diskutierten. Im Roman "Gruppenbild mit Dame" (1970) hat Böll diese Ästhetik konsequent ausgeführt. Die Hauptfigur Leni Pfeiffer, eine "deutsche Frau von etwa Ende Vierzig (…), die (die) ganze Last dieser Geschichte zwischen 1922 und 1970 mit und auf sich genommen hat", fühlt sich durch alle Zeitläufte hindurch denen verbunden, die "sozial fast zum Abfall" zählen. Ihr erstes Kind empfängt sie von einem russischen Kriegsgefangenen, ihr zweites von einem türkischen Gastarbeiter, den sie "erhört". Und "da auch der Koran der Madonna einen Platz eingeräumt hat", ist am Ende offen, ob sie Mohammedanerin wird. Folglich wird sie "von der Umwelt zur Vergasung freigegeben", doch die "Leistungsverweigerer" und Müllmänner der Stadt verhindern ihre Exmittierung. Das Buch ist von einer unheimlichen Prophetie: Nur hat heute, was Böll noch als randständig beschreibt, längst die Mitte der Gesellschaft erreicht und die Macht ergriffen!

Scharfer Schnitt durch die Innereien der Mediokratie

Der Büffel-Lämmer-Dualismus ist bis zur Einfalt gesteigert. Lenis zeitlose Güte und Unbefangenheit gegenüber allem Menschlichen soll sich unter anderem darin äußern, daß sie – das Dritte Reich dauert bereits einige Jahre an -noch immer nicht begriffen hat, daß die Juden Ausgestoßene sind: eigentlich ein Grund, an ihrem Geisteszustand zu zweifeln! Die feministische Literaturkritik dagegen bemängelte lediglich, daß Böll in Leni "das Idealbild einer liebenden Frau und Mutter (kreierte), die ohne Mann nicht glücklich sein kann", und "seine weibliche Hauptfigur ins Klischeehafte und Traditionelle" hineingleite: was nur zeigt, daß solche Ansätze den Blick auf die tatsächlich relevanten Fragen verstellen.

Bölls "Ästhetik des Humanen" krankt daran, daß sie ihre eigenen Voraussetzungen nicht erkennt und historisch reflektiert. Der Autor macht sich die Relativität seiner Weltbeschreibung und seines Standpunkts nicht bewußt, sondern setzt beide absolut. Er wird zum Dogmatiker und als Künstler ein Meister des Kitsches. Genau diese Mischung aus Beschränktheit, moralischem Größenwahn und Kitsch beherrscht bis heute das Land. Ausgerechnet "Gruppenbild mit Dame" gab den Ausschlag dafür, daß ihm 1970 der Nobelpreis für Literatur zufiel. Der Bedarf an einem "guten Deutschen" beschränkte sich nicht auf Deutschland …

Das meiste, was danach noch kam, ist nicht der Rede wert, ausgenommen die Erzählung "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" (1974). Eine harmlose junge Frau wird von einer entfesselten Hetzpresse und im Zusammenspiel mit den staatlichen Behörden zur Terroristin gestempelt und greift, ihrer Ehre beraubt, am Ende gegen ihren schlimmsten Peiniger, einen schmierigen Journalisten der (Bild-)"ZEITUNG", zur Waffe. Böll unternimmt hier einen scharfen Schnitt durch die Innereien der modernen Mediokratie, die dem Einzelnen als eine totalitäre Vernichtungsmaschinerie entgegentritt. Ähnlichkeiten mit aktuellen Kampagnen "gegen Rechts" sind weder zufällig noch von Böll wissentlich antizipiert, sie sind einfach unvermeidlich.

Um dieser Erzählung und einiger Frühwerke willen hat Heinrich Böll es verdient, nicht vergessen zu werden.

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles