Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Wie die Erde noch zu retten ist

Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert des Eintritts ins Atomzeitalter, es war das Jahrhundert der Entkolonisierung, der sexuellen Befreiung, das Jahrhundert der „Extreme“ (Eric Hobsbawn), der „Leidenschaft des Realen“ (Alain Badiou), des Triumphes der „Metaphysik der Subjektivität“ (Martin Heidegger), das Jahrhundert der Technologie, der Globalisierung … Zweifelsohne treffen all diese Umschreibungen zu. Überdies war das 20. Jahrhundert jedoch dasjenige, in dem der Konsumrausch und die Verwüstung des Planeten ihren Höhepunkt erreichten und sich im Gegenzug ein ökologisches Bewußtsein herausbildete. Für Peter Sloterdijk, der die Moderne im Zeichen des „Prinzips Überfluß“ stehen sieht, war das 20. Jahrhundert zuvorderst das Jahrhundert der Verschwendung. „Während für die Tradition die Verschwendung die Sünde gegen den Geist der Subsistenz par excellence bedeutete, weil sie den immer knappen Vorrat an Überlebensmitteln aufs Spiel setzte, hat sich im Fossilienenergiezeitalter ein durchgreifender Sinnwandel der Verschwendung vollzogen – man darf sie inzwischen ruhigen Tons als die erste Bürgerpflicht bezeichnen.“ Zu Beginn des 21. Jahrhunderts, das sich als eine Zeit ankündigt, in der die „Fluidität“ (Zygmunt Bauman) überall das Solide ersetzen wird – das Vergängliche anstelle des Haltbaren, das Netzwerk anstelle der Organisation, die Gemeinschaft anstelle der Nation, flüchtige Gefühle anstelle lebenslanger Leidenschaften, kurzfristige Verpflichtungen anstelle stets gleichbleibender Aufgaben, nomadische Beziehungen anstelle verwurzelter sozialer Bande, die Logik des Meers (oder der Luft) anstelle jener des Landes -, müssen wir feststellen, daß der Mensch innerhalb von hundert Jahren Vorräte verbraucht hat, für deren Aufbau die Natur 300 Millionen Jahre brauchte. Die Gesellschaften der Antike begriffen instinktiv, daß kein gesellschaftliches Leben möglich ist ohne Rücksicht auf das natürliche Umfeld, in dem es sich abspielt. In „De senectute“ zitiert Cicero Caecilius Statius: „Er pflanzt Bäume an, die erst der Nachwelt nützen“, und kommentiert: „Ja, jeder Landmann darf, wenn er auch noch so alt ist, auf die Frage, für wen er pflanze, ohne Bedenken antworten: ‚Für die unsterblichen Götter, deren Wille es war, daß ich diese Güter nicht nur von den Vorfahren ererben, sondern sie auch meinen Nachkommen überliefern sollte.'“ (7, 24) Tatsächlich war der Erhalt der natürlichen Ressourcen bis zum 18. Jahrhundert in allen menschlichen Kulturen die Regel. Einst war jeder Bauer ein Experte auf dem Gebiet der „Nachhaltigkeit“. Dasselbe galt oft auch für die Machthaber. Ein typisches Beispiel liefert Ludwigs IIV. Finanzminister Colbert, der die Abholzung der Wälder regulierte, um den Baumbestand zu sichern, und Eichen pflanzen ließ, die 300 Jahre später als Schiffsmasten Verwendung finden sollten. In der Neuzeit haben die Menschen umgekehrt gehandelt. Sie haben sich verhalten, als wären die „Reserven“ der Natur unerschöpflich – als wäre unser Planet nicht in allen seinen Dimensionen ein endlicher Raum. Indem sie bis zum Exzeß von der Vergangenheit gezehrt haben, haben sie die Zukunft ausgelaugt. Heute stehen wir vor zwei Hauptproblemen: zum einen der Zerstörung des natürlichen Lebensraums durch Umweltverschmutzung, die wiederum unmittelbare Auswirkungen auf das menschliche Leben sowie das aller anderen Lebewesen hat, zum anderen der Erschöpfung von Rohstoffen und natürlichen Ressourcen, ohne die heutzutage keinerlei ökonomische Aktivität mehr möglich ist. Über die Umweltverschmutzung ist genügend geschrieben und gesagt worden, um an dieser Stelle nicht ausführlich darauf eingehen zu müssen. Rufen wir uns ins Gedächtnis, daß die 25 Mitgliedsstaaten der OECD jährlich vier Milliarden Tonnen Müll produzieren. Der steigende Anteil von Kohlendioxid in der Atmosphäre verursacht eine Konzentration von Treibhausgasen und damit Erderwärmung, die wiederum zu einem beunruhigenden Anstieg der Meeresspiegel führt, die Bodenerosion beschleunigt und die Auswirkungen von Dürreperioden verschlimmert. Unwetter, tropische Zyklone, Waldbrände, Flut- und Hitzewellen nehmen an Häufigkeit und Intensität zu. Unterdessen schreitet die Abholzung der Wälder mit furchterregender Geschwindigkeit voran (jedes Jahr wird eine Waldfläche zerstört, die der Fläche Griechenlands entspricht), während die natürlichen Reserven zur Neige gehen. Der Ertrag der Erdölförderung wird in naher Zukunft abnehmen (JF 13/04), die Nachfrage weiter steigen. Die erneuerbaren Energien haben derzeit einen Anteil von lediglich 5,2 Prozent am weltweiten Energieverbrauch. Es wäre vergebens, allzu große Hoffnungen in sie zu setzen. Was die „nachhaltige Entwicklung“ angeht, ein Schlagwort, das seit 1973 (Brundtland-Bericht) durch die Medien geistert, so vermag sie das Unausweichliche bestenfalls hinauszuzögern. Der Grundgedanke der nachhaltigen Entwicklung reduziert die Umwelt auf eine feststehende Variable – sie verteuert die Funktionskosten eines Systems, das sich dem unendlichen Wachstum der Produktion von Waren verschrieben hat. Dabei wird das Prinzip des grenzenlosen Wachstums nirgends in Frage gestellt, sondern nach Möglichkeiten gesucht, daran festzuhalten, ohne daß es zur ökologischen Katastrophe kommt. Ein solcher Versuch gleicht der Quadratur des Kreises. Wenn man eingesteht, daß die wirtschaftliche Entwicklung die Hauptursache für die Zerstörung der Umwelt ist, ist es vollkommen illusorisch, die Bedürfnisse der Gegenwart auf „ökologischem“ Weg befriedigen zu wollen, ohne das Wesen dieser Bedürfnisse zu hinterfragen. Der französische Ökonom und Philosoph Serge Latouche hat immer wieder angemahnt, daß die Theorie der nachhaltigen Entwicklung sich darauf beschränkt, Kontrollverfahren oder -techniken zu entwickeln, um die Auswirkungen der Probleme zu behandeln, ohne gegen ihre Ursachen vorgehen zu müssen. Sie erweist sich insofern als besonders trügerisch, weil sie die Menschen in dem Glauben beläßt, die Krise sei zu lösen, ohne daß man die Logik des Marktes, die Ökonomisierung aller Lebensbereiche bis hinein ins menschliche Vorstellungsvermögen, die Geldwirtschaft und die grenzenlose Expansion des Kapitals anficht. In Wirklichkeit ist sie letztlich zum Scheitern verurteilt, sofern sie einem System von Produktion und Konsum verhaftet bleibt, das selber der Hauptverursacher ebenjener Schäden ist, die sie zu beheben trachtet. Unter diesen Gegebenheiten ist es völlig natürlich, daß eine andere Theorie Raum greift: jene, die das Wachstum rückgängig machen will. Dieser Gedanke mag manchem Angst einjagen oder utopisch erscheinen. Auf jeden Fall verdient er weitergedacht zu werden, und in vielen Ländern tun Wirtschaftsexperten und Wissenschaftler dies bereits. Wachstumsrücknahme bedeutet eine Alternative in Gestalt eines Bruchs. Es wird sich jedoch nur unter der Bedingung einer allgemeinen geistigen Wende durchsetzen lassen. Serge Latouche spricht völlig zu Recht davon, „das Imaginäre zu dekolonisieren“. Damit geht die Verpflichtung einher, den Produktivismus in allen seinen Formen zu bekämpfen. Das Ziel lautet nicht, die Uhren zurückzudrehen, sondern derzeitiges Denken hinter sich zu lassen. Es geht darum, aus unseren Köpfen den Primat der Wirtschaft und den Konsumwahn zu vertreiben, die den Menschen sich selber fremd machen: darum, mit der Welt der Dinge zu brechen, um die Welt des Menschen wiederaufzubauen. Foto: Trockenes Wasserreservoir in der englischen Grafschaft Sussex (Juli 2005): Ein neuer Gedanke greift Raum, der utopisch erscheinen mag

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