Weltfußball ist eine Illusion

Die in den vergangenen Jahren so gerne bemühte Theorie, daß der Weltfußball enger zusammengerückt sei und es eigentlich kaum noch Gegner gebe, die man nach Belieben an die Wand spielen könne, hat sich bei der WM 2006 nicht bestätigen wollen. Die „Kleinen“, die Außenseiter und auch die „Geheimfavoriten“ haben, wenn es darauf ankommt, weiterhin keine Chance. Statt dessen sind es wie schon in den Jahrzehnten zuvor die großen Namen aus Lateinamerika und der westlichen Hälfte Europas, die den Ton angeben. Die asiatischen Teams, die vor heimischem Publikum 2002 noch für Furore sorgten, haben sich sang- und klanglos bereits nach der Vorrunde verabschiedet. Die Schwarzafrikaner, obwohl zum Teil gespickt mit Stars aus den europäischen Profiligen, bieten zwar Augenschmaus bis zum Überschreiten der Grenze des gegnerischen Strafraums, dann jedoch scheinen sie, als wäre es der Fluch dieses Kontinents, die Fußballweisheit, daß das Runde nun mal in das Eckige gehört, schlichtweg vergessen zu haben. Und auch die USA, 2002 erst im Viertelfinale knapp an Deutschland gescheitert und in der bizarren Fifa-Rangliste unter den besten zehn Mannschaften der Welt geführt, landeten in ihrer Vorrundengruppe mit einem einzigen Punkt auf dem kläglichen letzten Platz. Die Defizite und die daraus resultierenden Mißerfolge der Asiaten, Afrikaner und Nordamerikaner sind so hartnäckig, daß sie die Vermutung nähren, diese Nationen könnten für Fußball möglicherweise einfach nicht prädestiniert sein. Solches ist aber mit der hehren Idee der völkerverbindenden Kraft des Weltfußballs und natürlich auch der Hoffnung auf seine weltweite Vermarktung nicht vereinbar. Für Abhilfe soll schon seit längerem ein Kulturtransfer aus den Hochburgen in die Problemregionen sorgen. Abzulesen ist dieses fußballerische nation building bislang vor allem an Trainern, die lateinamerikanisches oder europäisches Knowhow in der terra incognita aussäen. Auch bei der WM zierten derartige Entwicklungshelfer von Zico bis Otto Pfister, von Roger Lemere bis Henri Michel die Trainerbänke fast aller Exoten. Unterdessen lassen sich Ansätze für einen neuen, zusätzlichen Trend erkennen: Akteure aus Nationen mit Überschußproduktion von Talenten, insbesondere aus Argentinien und Brasilien also, werden Staatsbürger und Auswahlspieler in Ländern, in denen sie weniger fürchten müssen, im Konkurrenzkampf unterlegen zu sein. Zu beobachten war dieses Phänomen beispielsweise bei Tunesien, Japan, Mexiko und den USA. Sollte es Schule machen, wird aus dem Bonmot, daß die Brasilianer eigentlich das Potential für vier starke Nationalmannschaften haben, doch noch einmal Turnierrealität werden.

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