Persische Mystik

Zweimal kam der junge Ali Rahbari in Europa an. Nach mit Auszeichnung abgeschlossenem Dirigier- und Kompositionsstudium an der Wiener Musikhochschule war Rahbari in seine iranische Heimat zurückgekehrt, um in führender Position den Aufbau des Musiklebens voranzutreiben. 1977 kehrte er zurück, errang den 1. Preis im Internationalen Dirigierwettbewerb in Besançon, 1978 die Silbermedaille in Genf und gab 1979 auf Einladung Herbert von Karajans sein Debüt mit den Berliner Philharmonikern. Die Islamische Revolution machte Ali Rahbari eine Rückkehr in die Heimat unmöglich, er ließ sich in Wien nieder, nahm die österreichische Staatsbürgerschaft an und wurde unter dem Vornamen Alexander bekannt. Neben dem Konzert mit den Berliner Philharmonikern machte eine legendäre Schallplattenproduktion Alexander Rahbari schlagartig populär. Er spielte mit den Nürnberger Symphonikern für das Label Colosseum eine Anthologie persischer Musik ein. Allen sechs Komponisten der „Symphonischen Dichtungen aus Persien“, die 1980 auf vier Langspielplatten in einer Box erschienen waren, ist die Orientierung an der mitteleuropäischen Tradition des Komponierens, insbesondere der für den Konzertgebrauch zusammengestellten Suite und der Sonatenform gemeinsam. Die sich daraus ergebenden Dilemmata für iranische Komponisten werden in den Balletten „Sheherazade“ von Aminollah Hossein und „Bijan und Manijeh“ von Hossein Dehlavi, der „Suite Iranienne“ von Houchang Ostovar, aber auch in der „Mouvement Symphonique“ von Mohammad Taghi Massoudieh offenbar: Musik im Iran ist einstimmig, die Tonleiter entwickelt sich aus dem Einzelton, den seine Nachbartöne umspielen, zu denen fernerliegende Töne treten, aus denen schließlich die ganze Tonleiter, die Dastgáhhá, vor dem Hörer ausentwickelt wird. Auf den Apparat des europäischen Symphonieorchesters übertragen und zu „Paper Music“ – wie sie Bobby McFerrin genannt hat – verschriftlicht, bleibt von dieser Art und Weise, musikalisch zu denken, nicht mehr viel hörbar. Vielmehr entsteht der Eindruck erweiterter Diatonik, bisweilen freier Tonalität, vor allem jedoch mangelnder Durcharbeitung des Materials. Das „Persische“ wirkt nur mehr als folkloristisches Kolorit. Gattungsbezeichnungen wie „Rhapsodie“ oder „Ballett-Impressionen“, die Ahmad Pejman favorisiert, signalisieren Unabhängigkeit von den musikalischen Formen des Abendlands, die Stücke selbst jedoch scheinen deren Zwängen unterworfen geblieben zu sein. Als sei die gegenseitige Bereicherung von europäischen und persischen Musiktraditionen hier nur in einer Richtung verlaufen, diese in jener restlos aufgegangen, glaubt der Hörer ständig, alten Bekannten zu begegnen, den Impressionisten bei Dehlavi, Strawinsky und Strauss bei Pejman, Chatschaturjan bei Hossein oder mancherorts gar Operettenfinales aus deren Silberner Ära. Das wohl avancierteste und „persischste“ Stück der Sammlung ist von Alexander Rahbari komponiert. Seine „Persische Mystik in G“ von 1969 bietet fulminante Steigerungen, die jeweils auf ihrem Höhepunkt abbrechen, um den Ton G, an den sich Ornament um Ornament anrankte und der mit allen orchestralen Finessen umspült und zuschwemmt wurde, immer wieder neu freizugeben. Im Juni 2005 ist Alexander Rahbari im Iran angekommen. Während der Vorbereitungen zur Digitalisierung der hier vorgestellten Aufnahmen aus den Siebzigern (Colosseum Classics COL 9035-2.2) dirigierte Rahbari in seiner Heimat ein Konzert mit Dvoráks 9. und Tschaikowskys 4. Symphonie. Sie dürften dem mit den sechs Komponisten der „Symphonischen Dichtungen aus Persien“ Vertrauten nicht unvertraut geklungen haben.

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