Der Kampf um lukrativen Markt hat begonnen

Vor zehn Jahren waren „ACE“- und „Energy-Drinks“ oder „probiotische“ Joghurts noch selten in den Regalen der Lebensmittelhändler, inzwischen gehören sie zum Standardsortiment von Aldi, Netto, Penny & Co. Funktionelle Lebensmittel, allen voran Milchprodukte mit angeblich gesundheitsförderndem Charakter, sind gefragt wie nie zuvor. In der ansonsten eher gesättigten Ernährungsbranche ist der Kampf um den lukrativen Markt voll entbrannt. Wer momentan auf „Functional Food“ setzt, befindet sich auf der Gewinnerstraße. Das Wachstumspotential für Lebensmittel, die einen positiven Einfluß auf Gesundheit und Wohlbefinden versprechen oder angeblich Krankheitsrisiken reduzieren, wird weltweit mit über 230 Milliarden US-Dollar beziffert. Derzeit werden in Europa etwa 16 Milliarden und in Deutschland rund eine Milliarde Euro umgesetzt. Die Nachfrage, so schätzen die Marktanalysten, verspricht auf absehbare Zeit ein Marktvolumen in sechsfacher Höhe. Mit einem Anteil von knapp zwei Dritteln sind es innerhalb der EU die Milchprodukte, die im FF-Segment dominieren. Einst weckten Joghurtprodukte mit Milchsäurebakterien nur das Interesse von Gesundheitsfanatikern, heute findet der Konsument ein nahezu unüberschaubares Sammelsurium an funktionellen Milchprodukten mit klar definiertem Gesundheitsnutzen wie etwa den mit Pflanzensterolen versetzten Trinkjoghurt zur Senkung des Cholesteringehalts, eine Trinkmilch mit Olivenöl und mehrfach ungesättigten Omega-3-Fettsäuren zur Stärkung des Herzens oder ein inulinhaltiges Milchgetränk für eine effizientere Kalzium- und Magnesiumverwertung gegen brüchige Knochen im greisen Körper. Die deutschen Molkereien bauen auf die neue Generation der „weißen Linie“. Sie sind agil wie nie zuvor und machen selbst mit den Milcherzeugern gemeinsame Sache. So wie eine Thüringer Molkerei, die gemeinsam mit der Friedrich-Schiller-Universität Jena ein Verfahren entwickelte, bei dem die Milch schon im Euter der Kuh aufgewertet wird. Viel Gras, wenig Mais und dafür kaltgepreßten Rapskuchen – so der Speiseplan für Milchkühe, deren mit ungesättigten Fettsäuren veredelte Milch schließlich den Cholesterinspiegel beim Menschen senken soll. Den manipulativen Weg über die Heugabel fand auch das Forschungsinstitut für die Biologie landwirtschaftlicher Nutztiere (FBN) in Dummerstorf bei Rostock: Die FBN-Forscher reicherten auf diese Weise Milch mit den Vitaminen A, B und D an. Selbst bei den für den Menschen essentiellen Spurenelementen scheint das zu funktionieren, was bis vor kurzem noch nicht selbstverständlich war: Mehr Selen für die Kuh gibt mehr Selen in der Milch. Angesichts des weltweit zunehmenden Selenmangels beim Menschen ist dies ein nicht uninteressanter Aspekt. Wie notwendig solche Impulsgeber für die Milchwirtschaft sind, zeigt ein Blick auf die derzeit überspannte Situation auf dem hiesigen Markt. Daß sowohl die Erlöse für die Milcherzeuger als auch die Spannen für die Milchverarbeiter stetig sinken, muß nicht weiter wundern. Zum einen nämlich gibt es den Rohstoff Milch in der EU in Hülle und Fülle, zum anderen wird nicht mehr Milch getrunken als sonst. Um zumindest den Milchabsatz zu stabilisieren, will die Milchindustrie bestehende Marktsegmente halten und neue Absatzkanäle erschließen. Kein leichtes Unterfangen, denn die Forschung und Entwicklung neuer Produkte ist zeit- wie arbeitsintensiv und äußerst kostspielig. Um beispielsweise einen Cholesterinsenker im Markt zu plazieren, benötigte der Unilever-Konzern für die Entwicklung, für mehr als 40 klinische Studien und für das streng ausgelegte „Novel Food“-Prüfverfahren der EU mehrere Jahre und über 100 Millionen Euro. Bei allem Esprit sind hier die meisten deutschen Molkereien als Mittelständler schlichtweg überfordert. Auch lähmen langatmige EU-Genehmigungsverfahren die Zulassung innovativer Produkte und deren Markteinführung . Die harte Linie der Lebensmittelgesetzgebung tut ihr übriges. Das nachträglich verhängte Vermarktungsverbot einer melationhaltigen „Nachtmilch“ für Einschlafgeplagte zeigt, daß die Legislative keine Grauzonen duldet. Kurioserweise ist in diesem Zusammenhang zu erwähnen, daß momentan weder in Deutschland noch in der EU eine rechtsverbindliche Definition für diesen gefragten Produktsektor besteht. Nicht zuletzt steht „Functional Food“ per se auf dem ernährungsphysiologischen Prüfstand, und hinter den Kulissen streiten Naturwissenschaftler und Mediziner nach wie vor über Sinn und Unsinn aufgepeppter Lebensmittel. Trotz allem hat sich in den vergangenen fünf Jahren in Deutschland die Zahl der gesundheitsbewußten Käufer verdoppelt. Im nächsten Jahr sollen es schon über sieben Millionen sein – mit steigender Tendenz und zunehmendem Anteil „lebensfroher“ Menschen zwischen 55 und 70 Jahren in unserer Gesellschaft. Gerade um diese „Tweeniors“, die unter den Marketing-experten als primäre Zielgruppe gehandelt werden, wird ein Kampf entbrennen, der an Intensität und Finesse noch gewinnen wird. Die Milchwirtschaft wird sich allerdings den Kuchen teilen müssen. Denn in den Verkaufsregalen werden Aloe-Vera-Milchdrinks um die Gunst des Käufers buhlen und sich mit jodierten Hühnereiern und selenierten Schweineschnitzeln aus dem Lager der Landwirtschaft einerseits und „Feelgood“-Suppen, „Anti-Aging“-Margarine aus Soja oder „Push-up-Drinks“ mit Taurin aus den Hallen der Großindustrie andererseits messen lassen müssen. Eine Herausforderung für gewitzte Produktmanager und eine ebensolche für den mündigen Verbraucher. Foto: Qualitätsprüfung von Joghurt: Strenge Genehmigungsverfahren

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