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Ihr Vermächtnis bleibt aktuell

Sie war jung, strahlend schön, lebenshungrig, gebildet, rhetorisch begabt, nach außen hin als alleinerziehende Mutter selbstbewußt wirkend und mit ihrem Debütroman „Klassenliebe“ schwer angesagt in allen Feuilletons. 1973 war Karin Struck der aufgehende Stern im (west-)deutschen Literaturbetrieb. Am 14. Mai 1947 in Schlagtow bei Greifswald als Arbeiterkind geboren – die Familie flüchtete 1953 in die Bundesrepublik -, setzte Karin Struck sich literarisch mit ihrer Herkunft und ihrem Einstieg in die linke Intellektuellenwelt immer wieder auseinander. SDS, DKP ( inklusive Schulung in der DDR), Grüne, Friedensbewegung – all das bildete den Rahmen für ein kämpferisches und bisweilen bekennerhaftes Schriftstellerleben. „Klassenliebe“ wirkte wie ein veröffentlichtes privates Tagebuch und wurde damals als „Neue Subjektivität“ in der Literaturszene gehandelt. Das Ausbreiten privater Kümmernisse und Sorgen im Kontext einer linksideologisch dominierten Umwelt gab den Lesern reichlich Stoff zur Identifikation, zumal Karin Struck auch in ihren Schilderungen erotischer Konflikte und Krisen die seinerzeit gewünschte Offenheit lebte. Schon damals verlangte der Suhrkamp Verlag von der Autorin, daß sie Zeilen strich („Ich kann Ulrike Meinhof gut verstehen, wenn sie Bomben wirft“) – ein Phänomen, das sich bis zu ihren letzten Büchern fortsetzte. Karin Struck war im Wortsinn immer „radikal“. Ihre Themen – Identitätskonflikte, Selbstfindung, sexuelle Abhängigkeit und Frauenbewußtsein – waren aber zeitbedingt; bisweilen schrieb die Autorin sprachlich hart an der Grenze zur Trivialität. Das letzte ihrer Bücher bei Suhrkamp hieß „Kindheitsende“ (1982), ein schonungsloser und den Leser heftig fordernder Roman über ihre eigenen gescheiterten Ehen, ihren Versuch, in der Sexualität und später der Mutterschaft einen Ausweg zu finden; ein Buch, in dem sich bereits die Distanzierungen zu all den früheren Ausbruchsversuchen andeuteten. 1991 gab es um die Autorin wieder heftige Aufregung. In ihrem Roman „Blaubarts Schatten“, im List Verlag erschienen, setzte Karin Struck sich literarisch sehr gekonnt mit der traumatischen Erfahrung einer Abtreibung auseinander; 1975 hatte sie selbst ihr drittes Kind abgetrieben. Nun verteidigte sie in „Blaubarts Schatten“ kompromißlos das Lebensrecht der Ungeborenen. Dabei lief sie sprachlich zu einer Form auf, die ihre früheren Bücher weit in den Schatten stellte. Innere Monologe und parallel laufende Handlungsstränge machten das Buch auch literarisch interessant. In den Schlußkapiteln entwickelte sie eine sprachliche Kraft, der man ein Pathos im Wortsinn zugestehen muß. Damit erschloß sie sich zwar viele neue Leser in einem anderen Milieu – sie erhielt Einladungen zu Lesungen von CSU-Kreisvorsitzenden und katholischen Frauengruppen -, aber für ihre alten linksgrünen Freunde wurde sie zur Persona non grata. Während sie für ihr Engagement zum Schutz ungeborener Kinder 1991 den Preis der Stiftung „Ja zum Leben“ erhielt, fiel sie bei der linksliberalen Presse in Ungnade. Der Stern nannte sie eine „neurotische Abtreibungsgegnerin“. Als sie 1992 mit „Ich sehe mein Kind im Traum“ noch ein Sachbuch über Abtreibung nachlegte und der JUNGEN FREIHEIT ein Interview gab („Die Mutterschaft kaputtzumachen, war und ist das Ziel der Emanzipation“), wurde Karin Struck endgültig zum erklärten Feindbild all derer, die sich früher gerne an ihrer Seite gezeigt hatten. Es wurde zunehmend still um die vierfache Mutter. Sie veröffentlichte noch einen Band mit Erzählungen („Männertreu“, 1993), in dem sie auch das bedrückende Schicksal eines DDR-Häftlings in einem russischen KZ nach 1945 beschreibt, sowie eine Hommage an Ingeborg Bachmann. Hier versuchte sie eine Annäherung nicht an Bachmanns Lyrik, sondern an ihr Leben und entdeckte darin Parallelen zu ihrem eigenen: Abhängigkeit vom Literaturbetrieb, Abtreibung, Zerstörung durch eine indifferente Männerwelt. 1996 konvertierte Karin Struck zum Katholizismus, nachdem sie schon 1982 in einem Interview mit dem Tübinger Theologen Karl Josef Kuschel eine Sehnsucht nach einem tragenden Grund im Leben artikuliert hatte. Jetzt warf sie der evangelischen Kirche eine Anbiederung an den Zeitgeist, mangelndes Eintreten gegen Abtreibung und eine „extreme Politisierung“ vor. Nun starb Karin Struck nach langem Krebsleiden am 6. Februar in München, die Beisetzung fand vorigen Freitag statt. Ob ihre Romane mehr als zeitbedingt sind, sei dahingestellt; aber als Kämpferin für das Recht der Ungeborenen auf Leben und als Mensch, der um seiner Überzeugung willen auch Ausgrenzung und Nachteile auf sich nimmt, bleibt Karin Strucks Vermächtnis unverändert aktuell. Die letzten Sätze aus „Blaubarts Schatten“ treffen auch heute noch ins Mark, sind unruhig und beunruhigend zugleich: „David, Blaubarts Kind, ist vor einem Monat und zehn Tagen drei geworden, ich denke jetzt oft daran, wie ich, als er noch in meinem Leib war, mit David gesprochen habe. (…) Kindchen, mein Kindchen. Noch bist du im Fruchtwasser, dich trocknet keiner aus, sie reißen dir nicht die Plazenta weg, die dich nährt, niemand wird dich zerstückeln. Nur über meine Leiche. Kindchen, mein Kindchen, sei ruhig. Die falschen Götter haben ausgespielt.“ Foto: Karin Struck, aufgenommen im September 1975: Vom aufgehenden Stern zum Feindbild

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