Gefährliche Schieflage

Wieder fällt ein Stück Tradition bei der Bundeswehr. Auf dem Fliegerhorst Fürstenfeldbruck wurden alle Straßennamen getilgt, die an Fliegerasse des Ersten oder Zweiten Weltkrieges erinnerten. Jetzt heißen alle Wege auf dem Fliegerhorst „Straße der Luftwaffe“ (JF 8/06). Damit erreicht die Namensstürmerei bei der Luftwaffe einen weiteren unrühmlichen Höhepunkt. Im vergangenen Jahr, die rot-grüne Regierung war noch im Amt, hatte Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) zu einem schweren Schlag gegen Tradition ausgeholt. Struck kramte einen mit einer Zufallsmehrheit von SPD, Grünen und PDS 1998 zustande gekommenen Bundestags-Beschluß hervor, worin aus Anlaß des 60. Jahrestages der Bombardierung der spanischen Stadt Guernica gefordert worden war, alle an Angehörige der deutschen „Legion Condor“ erinnernden Namensbezeichnungen bei der Bundeswehr zu tilgen. Betroffen waren das Jagdgeschwader in Neuburg an der Donau, das bisher den Namen Mölders trug, sowie eine Kaserne in Visselhövede in Niedersachsen. Daß es vom Bundestagsbeschluß, der für die Regierung keinerlei Verbindlichkeit hatte, bis zur Umsetzung sieben Jahre gedauert hatte, begründete Struck seinerzeit mit neuen Erkenntnissen über Werner Mölders, der sich bei Militärfliegern rund um den Globus mit der von ihm entwickelten Vierfingerformation einen unsterblichen Namen gemacht hatte. Nicht so in Deutschland. Dem Katholiken Mölders wurde von einem Gutachter des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes Nähe zum NS-Regime unterstellt. Beweise gab es nicht, der Gutachter bewertete nur einige Fakten anders. Wer geglaubt hatte, die Namensstürmerei sei mit dem Farbenwechsel im Verteidigungsministerium vorbei, sah sich getäuscht. Auch unter dem neuen Minister Franz Josef Jung geht das Abräumen der Tradition weiter. Besonders Fürstenfeldbruck soll „sauber“ sein, denn dort will die Luftwaffe Ende März ihr 50jähriges Bestehen frei von den „Lasten“ der Vergangenheit feiern. Dabei wurde aber zu gründlich vorgegangen. In Fürstenfeldbruck gab es noch eine nach Mölders benannte Straße, die wegmußte. Auch die Erinnerung an eine Handvoll weiterer Piloten, die bei der Legion Condor im Einsatz waren, wurde getilgt. Aber man ging weiter: Abgehängt wurden Namensschilder, die an Hauptmann Oswald Boelcke (1891-1916) erinnerten. Boel-cke war einer der besten Flieger des Ersten Weltkrieges. Nach ihm wurde ein Bundeswehr-Geschwader benannt. Ausradiert wurde bei dieser Gelegenheit auch die Erinnerung an Boelckes Kameraden Max Immelmann (1890-1916), nach dem ebenfalls ein Geschwader benannt ist. Immelmanns Taktik, aus großer Höhe auf seinen Gegner herabzustoßen, brachte ihm den Ehrennamen „Adler von Lille“ ein. Die Namensstürmer machten aber auch vor ausländischen Piloten nicht halt und hängten an diese erinnernde Straßenschilder ab. Weltweit lächerlich machte sich die Luftwaffe mit der Entfernung des Namens Antoine de Saint-Exupéry. Der französische Flieger war 1944 abgestürzt. International bekannt wurde er durch seine Bücher, darunter das wunderschöne Kinderbuch „Der klein Prinz“. Auch die Erinnerung an einen führenden amerikanischen Flieger wurde ausradiert. Es ging um „Hap“ Arnold, einen Zeitgenossen der Gebrüder Wright. Arnold gilt als Schöpfer der eigenständigen amerikanischen Luftwaffe. Er hatte, anders als der Brite „Bomber Harris“, stets die Auffassung vertreten, Bombardierungen dürften sich nicht gegen zivile, sondern nur gegen militärisch bedeutsame Ziele richten. Die Luftwaffe hatte eine Straße nach Arnold benannt, um den US-Streitkräften für ihre Hilfe beim Wiederaufbau der deutschen Luftstreitkräfte zu danken. Immerhin wird Fürstenfeldbruck als Wiege der Nachkriegs-Luftwaffe angesehen. Die deutschen Streitkräfte hatten den Platz vor 50 Jahren von den Streitkräften der Vereinigten Staaten voll funktionsfähig übernommen. Jetzt hängte man das Schild, das an Arnold erinnerte, ab mit dem offiziellen Argument, man habe den Bundestags-Beschluß zu Guernica zu erfüllen. Hinter dem Entzug des Namens von Mölders und der Tilgung von Straßenbezeichnungen steckt System. In der Truppe ist von geheimen Anweisungen des Generalinspekteurs die Rede, alle Bezeichnungen zu entfernen, die an den Zweiten Weltkrieg oder die Zeiten davor erinnern. Tradition ist nicht mehr gefragt, es sei denn, es handelt sich um unumstrittene Widerstandskämpfer. Die Bundeswehr kommt damit in eine gefährliche Schieflage, weil sie sich dem Geschichtsverständnis der „Wehrmachts-Ausstellung“ annähert, nach der alle Soldaten der Wehrmacht unter Generalverdacht gestellt wurden, Verbrecher gewesen zu sein. Die CDU-Politiker, die heute das Ministerium führen, sind nicht mehr bereit, den Kurs zu ändern. So bat der Staatssekretär Friedbert Pflüger (CDU) um „Verständnis, daß Bundesminister Dr. Franz Josef Jung an der Entscheidung von Minister Dr. Struck festhalten wird“. Ehrenmal: Der Plan von Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU), für die im Auslandseinsatz gefallenen Bundeswehrsoldaten in Berlin ein Ehrenmal errichten zu lassen, ist auf Kritik gestoßen. Die Grünen lehnten eine reine Gedenkstätte für Soldaten ab und forderten, auch an getötete zivile Helfer und Diplomaten zu erinnern. Derweil wird im Internet ( www.bundeswehrehrenmal.de ) weiter für die Idee eines zentralen Denkmals für die Soldaten der Bundeswehr geworben. Bislang sind 63 Soldaten im Auslandseinsatz getötet worden, davon 39 durch Feindeinwirkung. Foto: Picture-Alliance / dpa Im Internet: www.wz-berlin.de/zkd/aki/files/AKI-Memorandum.pdf Verteidigungsminister Franz Josef Jung (l.), Vorgänger Peter Struck: Fragwürdige Kontinuität Foto: Picture-Alliance / dpa

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