Heldentod von eigener Hand

Die Zukunft leuchtet mir nicht helle, und ich habe so große Lust nicht mehr am Lebendigen“: Mit diesen Worten verabschiedete sich Karoline von Günderrode von ihren Freunden, bevor sie sich am 26. Juli 1806 am Rheinufer bei Winkel erdolchte. Die Dichterin war erst 26, doch hatte sie bereits fünf Jahre zuvor in einem Brief an ihre Freundin Gunda von Brentano den Wunsch nach einem gewaltsamen Tod geäußert: „Der alte Wunsch, einen Heldentod zu sterben, ergriff mich mit großer Heftigkeit; unleidlich war es mir, noch zu leben.“ Konfrontiert mit dem „unweiblichen Wunsch, mich in ein Schlachtengetümmel zu werfen, zu sterben“, und wissend „um das unselige, aber unverbesserliche Mißverhältnis in meiner Seele“ starb sie schließlich von eigener Hand, nachdem sie einen Brief ihres Geliebten Georg Friedrich Creutzer empfangen hatte, in dem dieser ihr Verhältnis endgültig beendete. Aus Anlaß ihres 200. Todestages zeigt das Goethe-Museum in Frankfurt am Main eine Ausstellung zu Günderrodes Leben und Werk. Aus den Beständen des Museums und zahlreichen Leihgaben von der Leiterin der Bibliothek des Freien Deutschen Hochstifts, Doris Hopp, zusammengestellt, wurden die Vitrinen der Günderrode-Schau nun in die Dauerausstellung der Galerieräume des Goethe-Museums eingefügt. Es sind Notizen, Briefe, Bilder aus zeitgenössischen Modejournalen, Porträts: Spuren eines von Idealismus und Romantik, Leidenschaft und Verzweiflung geprägten Lebens einer adligen jungen Frau, deren tragische Geschichte auch heute noch anrührt. Geboren wurde Karoline von Günderrode am 11. Februar 1780 als älteste Tochter eines markgräflich-badischen Regierungsrats in Frankfurt am Main. In Hanau aufgewachsen und bereits mit sechs Jahren vaterlos geworden, zog sie als 17jähriges Mädchen in das Cronstet-ten-Hynspergische evangelische Damenstift für verarmte Adelstöchter am Frankfurter Roßmarkt. Hier begann sie, geistig angeregt von der lebendigen Atmosphäre, zu schreiben. Unter dem männlichen Pseudonym „Tian“ verfaßte sie 1804 ein Bändchen mit „Gedichten und Phantasien“ und kurz darauf ein weiteres mit „Poetischen Fragmenten“. Beide erschienen zwar nur in kleiner Auflage, doch man verglich die junge Dichterin durchaus mit Novalis, Hölderlin, Kleist oder Schelling. Und die postum publizierte Sammlung „Melete von Ion“, mit der sie sich gänzlich der Dramatik zuwandte, legte in ihrem dichterischen Ernst tatsächlich Zeugnis ab für die gleichzeitig von Lebenslust, Weltflucht und Todessehnsucht geprägten poetischen Produktionen der Günderrode. 1799 verliebte sie sich in den Juristen Friedrich Carl von Savigny, der später preußischer Justizminister wurde. Der heiratete aber dann doch lieber ihre wesentlich irdischere Freundin Gunda von Brentano. Tief verletzt zog sich die sensible Karoline daraufhin in ihr Schreibzimmer zurück. Gleichwohl blieb man in Verbindung, allerdings war die Freundschaft zu Gundas jüngerer Schwester Bettina von Arnim weitaus enger. Clemens von Brentano, Gundas und Bettinas Bruder, verband mit Karoline eine Beziehung, die ausschließlich auf stürmischen erotischen Phantasien beruhte, eine enge Verbindung gingen die beiden nicht ein. Im Sommer 1804 lernte Karoline von Günderrode auf dem Heidelberger Schloß den Altertumswissenschaftler und Mythenforscher Georg Friedrich Creutzer kennen. Ihre Liebesbeziehung war jedoch von Anfang an schwer belastet, denn Creutzer war mit einer 13 Jahre älteren Frau verheiratet und dachte nicht daran, sich von ihr zu trennen. So traf sich das Paar heimlich, im Frankfurter Gut Kettenhof etwa, doch während Karoline ihrem Geliebten glühende Liebesbriefe schrieb und von einem gemeinsamen Leben träumte, brachte Creutzer die junge Frau ganz in seine Abhängigkeit und befahl ihr sogar, ihre enge Freundschaft mit Bettina von Arnim zu beenden. Als sie schließlich seine beiden Abschiedsbriefe erreichten, die er ihr durch ihre Freundin Susanne von Heyden überreichen ließ, war Karolines Verzweiflung inzwischen so groß, daß sie sich das Leben nahm. „Sie konnte nicht leben ohne Liebe“, schrieb Susanne von Heyden zwei Tage nach ihrem Freitod. 1978 setzte Christa Wolf der Günderrode mit ihrer Novelle „Kein Ort. Nirgends“ ein literarisches Denkmal. Daß sie auch weiterhin unvergessen bleibt, zeigt diese Ausstellung ebenso wie zwei zu ihrem 200. Todestag erschienene Bücher (Dagmar von Gers-dorff: Die Erde ist mir Heimat nicht geworden. Das Leben der Karoline von Günderrode; Karoline von Günderrode: Einstens lebt ich süßes Leben. Gedichte, Prosa, Briefe, Zeugnisse von Zeitgenossen, herausgegeben von Christa Wolf, beide Insel Verlag, Frankfurt und Leipzig 2006). Auch 200 Jahre nach ihrem frühen Tod liegen an ihrem sanierten, aber inzwischen wieder restaurierungsbedürftigen Grab an der sogenannten „Selbstmörderwand“ an der östlichen Kirchhofsmauer der katholischen Pfarrkirche St. Walburga in Winkel immer frische Blumen. Der Stein trägt den von ihr selbst gewählten Spruch: „Erde du meine Mutter/ und du, mein Ernährer der Lufthauch Heiliges Feuer, mir Freund/ und du, o Bruder der Bergstrom/ und mein Vater, der Äther,/ ich sage euch allen mit Ehrfurcht freundlichen Dank;/ mit euch hab‘ ich hienieden gelebt/ und ich gehe zur anderen Welt, euch gerne verlassend/ lebt wohl denn Bruder und Freund, Vater und Mutter, lebt wohl.“ Die Ausstellung im Frankfurter Goethe-Museum, Großer Hirschgraben 23-25, ist noch bis zum 29. Oktober montags bis samstags von 10 bis 18 Uhr, sonntags bis 17.30 Uhr zu sehen. Die Begleitpublikation kostet 12 Euro. Foto: Karoline von Günderrode: „Unleidlich war es mir, noch zu leben“

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