Gemeinschaft der Bußbereiten

Spätestens seit Joschka Fischers Äußerung, die rot-grüne Koali-tion habe das Land so nachhaltig verändert, daß er sich vorstellen könne, mit der Bundesflagge herumzulaufen, und seitdem die ihm weltanschaulich nahestehende Landesbischöfin von Hannover, Margot Käßmann, meinte, es sei Zeit darüber nachzudenken, was es heiße, Deutscher zu sein, kann man wissen, daß Fragen nationaler Symbolik und nationaler Identität wieder auf der Tagesordnung stehen. Die Berliner Republik macht tastende Versuche, ihr Selbstverständnis auszurichten und ihre Repräsentationsformen zu bestimmen. Das bedeutet für die tonangebenden Kreise vor allem, die frühere Allergie gegen jedes „Staatstheater“ zu überwinden und sich dann zu vergewissern, mit welchen Beständen man rechnen darf. Insofern ist Peter Reichel mit seinem Buch „Schwarz-Rot-Gold“, das eine „Kleine Geschichte deutscher Nationalsymbole“ bieten soll, zum richtigen Zeitpunkt auf den Markt gekommen. Daß Marktgerechtigkeit für die Veröffentlichung eine entscheidende Rolle spielt, man es also mit Konjunkturliteratur zu tun hat, läßt sich vor allem an zwei Aspekten ablesen: der Fremdheit des Autors gegenüber der Materie, die er bearbeitet, und der Ausrichtung an Vorgaben, die man als „staatsbürgerkundlich“ bezeichnen könnte. Was die Fremdheit betrifft, so wird sie zuerst an der Art deutlich, wie inhaltliche Schwerpunkte gebildet wurden. Nirgends findet man eine Reflexion dazu, was eigentlich genau als nationales Symbol betrachtet werden kann und was nicht. Weder hält sich Reichel konsequent an traditionelle Vorgaben (Flagge, Hymne, Denkmal), noch versucht er alle denkbaren Themen abzuhandeln. Es gibt zum Beispiel keine Kapitel über nationale Ikonen (Arminius, Heinrich I., Friedrich der Große, Bismarck usw.) oder Auszeichnungen wie das Eiserne Kreuz, die ohne Zweifel zu den nationalen Symbolen gehören. Auch fehlt jeder Hinweis auf die Hoheitszeichen der Länder (nicht zu reden von denen der verlorenen Gebiete), die in Deutschland traditionell eine große Rolle spielen, und das Kapitel über „Denkmäler und Staatsbauten“ behandelt zwar Paulskirche und Bundeskanzleramt, aber es gibt keine Darstellung zur Diskussion des Nationaldenkmals, wie sie in Deutschland seit dem Ende des 18. Jahrhunderts geführt wurde. Vor allem aber fehlt eine Behandlung des deutschen Wappens. Das Stichwort „Adler“ ist in ein jämmerliches Glossar verwiesen, wo der ganze Zusammenhang kurz und ungenau dargestellt wird. Ungenauigkeit ist auch sonst ein Übel des Buches. Erkennbar wird das vor allem an dem Abschnitt zur Geschichte von Schwarz-Rot-Gold, um die es ja im Zentrum gehen soll. Der deutsche „Dreifarb“ läßt sich eben nicht, wie Reichel schreibt, von der Fahne des Freikorps Lützow ableiten, denn dem war das Führen einer Fahne durch den preußischen König verboten worden; sie gehen vielmehr (auch wenn man entgegenstehende Vermutungen hätte nennen können) auf die Uniformfarben der Lützower zurück. Weiter verwirrt den Autor, daß beim Zusammenbruch Deutschlands und Österreichs 1918 ausgerechnet Groß- und Alldeutsche als erste für Schwarz-Rot-Gold eintraten. Er mutmaßt, sie hätten sich vorübergehend mit der Demokratie arrangieren wollen, während es in Wirklichkeit um eine „völkische“ Interpretation von „Wotans Farben“ ging. Gute Gründe für das Festhalten an Schwarz-Weiß-Rot sieht Reichel sowenig wie die eigentlichen Motive für die Annahme dieser Farben durch die Weimarer Nationalversammlung, nämlich die Hoffnung auf den Anschluß Deutsch-Österreichs; schließlich sind ihm auch die staatsrechtlichen Überlegungen fremd, die in der Bundesrepublik 1948/49 zu dem – keineswegs unumstrittenen – Entschluß führten, zu Schwarz-Rot-Gold zurückzukehren. Wenden wir uns damit dem zweiten Aspekt zu, dem „staatsbürgerkundlichen“ Ansatz. Wenn man sich die Frage vorlegt, was Fischer genau mit den gravierenden Veränderungen gemeint haben könnte, von denen er sprach, so kommt einem zuerst die Etablierung jener Zivilreligion in den Sinn, die seit den achtziger Jahren das Bekenntnis deutscher Schuld zum Zentrum aller symbolischen Handlungen gemacht hat. Es gehört zum Wesen dieses Konzepts, daß es die Nation nur als eine Gemeinschaft von Bußbereiten verstehen kann. In Reichels Buch äußert sich dies darin, daß er bei vier Symbolen, die er behandelt, einen direkten Bezug auf dieses Moment deutscher Staatsräson herstellt (der 8. Mai und der 9. November, die Neue Wache und das Holocaust-Mahnmal in der „Hauptstadt der Reue“). Der Gerechtigkeit halber sei erwähnt, daß der Verfasser erkennen läßt, wie problematisch ihm die Umwidmung des 8. Mai zum „Tag der Befreiung“ erscheint. Das ist aber auch das äußerste an kritischer Distanz, das man erwarten darf, schon die Reflexionen zum 20. Juli und die Versuche, dessen antifaschistische Neudeutung zu verhindern, wirken mehr als problematisch. Es handelt sich dabei sowenig um Zufälle wie bei der Neigung, die Symbole ihrer historischen Dimension zu berauben, sondern hängt mit der Ausrichtung des ganzen Buches an den Maßgaben politischer Korrektheit zusammen, die es unmöglich macht, der eigentlich gestellten Frage nahezukommen, nämlich: Wie können die Deutschen angesichts der Brüche in ihrer nationalen Geschichte zu einem stabilen Selbstverständnis kommen und dieses in symbolischen Formen adäquat ausdrücken? Reichels Antwort, dem „demokratischen Verfassungsstaat gemäß ist das ‚Pathos der Nüchternheit'“, wirkt wie eine Verlegenheitsformel und stimmt natürlich in der Sache nicht. Die älteren Demokratien – gerade die revolutionären Ursprungs, Amerika und Frankreich – haben ein Zeremoniell entwickelt, das dem der Monarchien nicht nachstand. Nun ist es eine Sache, wenn ein Verlag wie das Haus C. H. Beck ein mäßiges Buch produziert, eine andere, wenn die Bundeszentrale für politische Bildung davon eine Sonderauflage druckt und an „Multiplikatoren“ gegen einen symbolischen Preis verteilt. In der Vergangenheit hat die Bundeszentrale dem Thema nationale Symbolik immer eine gewisse Aufmerksamkeit gewidmet und im Rahmen ihrer Zeitschriften, als Broschüre oder als Sonderdruck verläßliche Grundinformationen zur Verfügung gestellt. Zuletzt wurde noch eine kleine Publikation Arnold Rabbows gedruckt, der ohne Zweifel zu den besten Kennern der Materie gehört. Ob irgend jemand aus dieser einflußreichen Behörde einen Blick in Reichels Buch geworfen hat, um es mit dem zu vergleichen, was man selbst zum Thema anbietet? Dr. Karlheinz Weißmann ist Historiker. 2002 veröffentlichte er in der Edition Antaios das Buch „Mythen und Symbole“. Die Berliner Republik macht tastende Versuche, ihr Selbstverständnis auszurichten und ihre Re-präsentations-formen zu bestimmen. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat dem Thema immer Aufmerksamkeit gewidmet und verläßliche Informationen publiziert. Peter Reichel: Schwarz-Rot-Gold. Kleine Geschichte deutscher Nationalsymbole. C.H. Beck, München 2005, gebunden, 224 Seiten, einige S/W-Abbildungen, 17,90 Euro Die Sonderauflage kann bezogen werden über die Bundeszentrale für politische Bildung, Adenauerallee 86, 53113 Bonn, Tel.: 0 18 88 / 515-0, E-Post: info@bpb.de Foto: Propagandakarte der österreichischen Deutschnationalen aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg: Wie können die Deutschen angesichts der Brüche in ihrer nationalen Geschichte heute zu einem stabilen Selbstverständnis kommen und dieses in symbolischen Formen adäquat aus- drücken?

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