Joachim Kuhs

 

Ganz normale Menschen

Nach dem Abschluß der Polizeischule nimmt der junge Antoine Derourère (Jalis Lespert) begeistert seine Arbeit bei der Pariser Kriminalpolizei auf. Er wird der Einheit von Caroline Vaudieu (Nathalie Baye) zugeteilt, die nach einer Alkoholentziehungskur und zwei Jahren Pause immer noch die Anerkennung ihrer Kollegen besitzt. Im Zuge der gemeinsamen Aufklärung des Mordes an einem polnischen Obdachlosen lernen sich Antoine und Caroline besser kennen und schätzen. Caroline fühlt sich in dem manchmal unbeholfenen jungen Mann an ihren verstorbenen Sohn erinnert. Als Antoine und sein Kollege Louis Mallet (Antoine Chappey) einen russischen Verdächtigen kontrollieren wollen, begehen sie mehrere Fehler. Während sein Partner sich erst einmal ein Bierchen in der Eckkneipe genehmigen will, stürmt Antoine übermütig und unroutiniert allein voran und wird lebensgefährlich verletzt. Nun wird die Ermittlung für Caroline zu einer persönlichen Angelegenheit. „Eine fatale Entscheidung“ ist ein souverän erzählter Kriminalfilm. Er verfügt über einen stringenten Handlungsbogen, über durchweg glaubhaft und engagiert agierende Schauspieler. Die Darsteller bekamen die Texte erst spät zu lesen, konnten aber frei agieren und improvisierten viel, so daß keine der Szenen gestellt wirkt. Allen voran besticht Nathalie Baye in der Rolle als zurückhaltende Kommissarin mit nüchterner Fassade, aber vielen inneren Schwächen und Zerbrechlichkeiten. Gleichwohl muß man zu Xavier Beauvois‘ unterhaltsamen Streifen bemerken, daß er schon aufgrund seiner schlichten Ästhetik weniger als Kinofilm, sondern eher wie ein Fernsehfilm wirkt. Der Vergleich zu Polizei-Streifen des neueren dänischen und schwedischen Films drängt sich auf. Das ist nicht das schlechteste, schließlich gelangen bisweilen weitaus uninteressantere und langweiligere Werke in die Kinos. Ohne das schauspielerische Engagement also schmälern zu wollen und bei aller Anteilnahme, die der unbeholfene Jungpolizist und die desillusionierte Kommissarin beim Betrachter zu wecken in der Lage sind, verwirrt jedoch der Sprung zwischen den beiden Hauptfiguren. Wird die erste Hälfte vom jungen Antoine und dessen langsamer Gewöhnung an die neue Arbeitswelt geprägt, so ändert sich die Aufmerksamkeit der Kamera im zweiten Teil des Streifens. Antoine liegt nun reglos im Krankenhaus, und die anfangs eher am Rande agierende Caroline gerät ganz in das Blickfeld des Betrachters. Ein interessantes Experiment, von dem man aber nicht genau weiß, wohin es führen soll. „Eine fatale Entscheidung“ wurde unter anderem gefördert mit Mitteln aus Frankreich, Baden-Württemberg und der Europäischen Union. Worin die Absicht einer derartigen Förderung liegt, kann man nur zum Teil den Verlautbarungen Xavier Beauvois‘ entnehmen. Er begab sich für die Recherche zu seinem Film in ein Polizeirevier und begleitete die Ordnungshüter bei ihren Einsätzen. Dies brachte ihn immerhin zu der für ihn offenbar innovativen Erkenntnis, daß Polizisten normale Menschen mit normalem Alltag und normalen Alltagssorgen sind: „Sie sind viel weniger pervers als all die Künstler und Leute vom Film, die ich kannte. Die Polizisten sind ganz normale Menschen, sie haben gar nicht diese Cowboy-Seite, die man von Filmen her kennt.“ Man muß schon sehr in der Traumwelt der Künstlerszene versunken sein, um derartiges fast als Sensation zu verkünden. Daß diese Vermutung auf die richtige Fährte führt, zeigen weitere Äußerungen des Regisseurs anläßlich des Kinostarts seines Streifens. So hätten ihm „richtige Polizisten bestätigt“, daß es „wirkliche jugendliche Straftäter gar nicht mehr gibt“. Beauvois posaunt statt dessen seine Theorie heraus: „Es gibt nur noch einige LKW-Raubüberfälle und russische Zuhälter. Die großen Verbrechen verüben die Angestellten im Management. Das alte Zeitalter der kleinen Gauner (…) ist vorbei.“ Daß angeblich 95 Prozent der Straftäter im französischen Polizeigewahrsam ausländischer Herkunft seien, erklärt er beschönigend: „Sie haben am wenigsten, daher machen sie also mehr Blödsinn, das ist ganz logisch.“ So reiht Xavier Beauvois eine platte Behauptung an die andere, und man ist fast erleichtert, von diesem ganzen Quatsch in seinem Film kaum etwas zu spüren. Zu seinem künstlerischen Anspruch verkündete er: „Ich glaube, daß meine Filme immer über den momentanen Zustand der Gesellschaft reflektieren. Die jungen Leute sind desillusioniert, sie wissen nicht, warum sie überhaupt wählen gehen sollten. Irgendwie ist alles viel zu kompliziert, man versteht nichts, es herrscht Krieg, es gibt Attentate und Elend, technisch gesehen weiß man gar nicht, was man noch erfinden sollte, da wir doch bereits alles haben (…) Die Jugendlichen rauchen und trinken mehr und mehr, weil sie an nichts mehr glauben. Ich möchte, daß meine Filme denselben Geruch haben wie die Gesellschaft, sie sollen so schmecken und riechen. Wenn sich die Gesellschaft verändert, soll mein Film in 50 Jahren ein Zeugnis vom Geruch und Geschmack ihrer Zeit sein.“ Nun, sein Film spielt zweifellos in der Gegenwart und spiegelt dadurch auch einen Teil ihrer Wirklichkeit wider. Ihn zum wichtigen Sozialdrama und Zeitdokument zu stilisieren, wäre dann allerdings reichlich hoch gegriffen. Eher unwahrscheinlich dürfte es sein, daß sich in fünfzig Jahren noch viele Zuschauer für diesen schlichten Krimi interessieren. Fotos: Polizist Antoine (Jalil Lespert) spielt mit seiner Dienstwaffe: „Sie haben gar nicht diese Cowboy-Seite“, Kommissarin Vaudieu (N. Baye)

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