Joachim Kuhs

 

Fotostrecken mit Blondi

Walter Frentz war der typische schwäbische Tüftler. Einer, der sich seine Welt selber bastelt. Nicht in Gedanken wie Landsmann Hegel, aber in bunten Bildern. Diesen Eindruck mußte wenigstens gewinnen, wer den greisen „Kameramann des Führers“ auf einem seiner zahllosen Film- oder Diavorträgen erlebte, mit denen er durch bundesdeutsche Volkshochschulen tingelte. Vom Dritten Reich war dabei nie die Rede. Wenn auch mancher Zuschauer nicht Frentz‘ Reisebilder aus fernen Ländern sehen, sondern etwas von der Aura erhaschen wollte, die jemandem gewiß noch anhaften müsse, der sechs Kriegsjahre hindurch im engsten Umkreis des „größten Feldherrn aller Zeiten“ (NS-Propaganda) gelebt hatte. Aber da war keine Aura. Da präsentierte sich eben nur der wuselig-eckige, autistische, in seine Bilder und Erlebnisse verpuppte Tüftler. Nicht anders nahmen ihn Millionen von Fernsehzuschauern wahr, als Frentz, geboren 1907 in Heilbronn, gestorben 2004 in Überlingen, in seinen letzten beiden Lebensjahrzehnten zum vielbefragten Zeitzeugen wurde, der, wie Bilder aus seinem Nachlaß nun belegen, sogar Guido Knopps lange geplanten, ultimative Einsichten versprechenden Film über „Hitlers Hunde“ hätte illustrieren können. Dieser legendäre Nachlaß bietet aber natürlich viel mehr als Fotostrecken mit „Blondi“. Das wissen all die, die Bildbände mit den gewachsten Konterfeis von „Eichenlaubern“ und „Schwertern“ besitzen. Die Wehrmachtsoffiziere, die sich diese höchsten Kriegsauszeichnungen im Führerhauptquartier abholten, saßen Frentz nach der Verleihung Modell. Bereichert um NS-Prominenz und ausländische Staatsgäste, kamen so 3.000 Aufnahmen zustande, die der Meister nach 1945 auch an verlegerische Interessenten verkaufte. Wohl auch, um es bei diesem etwas einseitigen Nachruhm nicht zu belassen, hat sich Hanns-Peter Frentz entschlossen, das Archiv seines Vaters zu öffnen, dessen zwischen 1932 und 1945 entstandenes Werk in seiner ganzen Breite zu dokumentieren: von den ersten Reisefilmen in den Wildwasserschluchten Jugoslawiens bis zum nicht geringen Anteil an Leni Riefenstahls Olympiade-Kunstwerk, vom triumphalen Einzug Adolf Hitlers in das aus polnischer Umklammerung befreite Danzig am 19. September 1939 bis zu den „last sittings“ im Führerbunker unter der Reichskanzlei im März 1945, die einen alten kranken Mann zeigen, der vor dem Modell von Linz seinen architektonischen Visionen nachhängt. Als Herausgeber kann Hans Georg Hiller von Gaertringen daher nun ein opulentes Werk im Atlasformat vorlegen, das nicht weniger als 172 Farbbilder sowie 123 Duoton-Ablichtungen enthält. Eingebettet ist diese fotografische Chronik in eine Reihe zeit- und filmhistorischer Essays, die für „kritische Distanz“ sorgen sollen. Ungeachtet dieses Umfangs ist das natürlich nur eine spärliche Auswahl aus Frentz‘ nachgelassenem Fundus. Und die Selektion gehorchte dabei ganz offenkundig dem Imperativ, die Magie dieser Bilder wenigstens nicht zu voller Entfaltung kommen zu lassen. Darum vermißt man die meisten der Aufnahmen, die Frentz, wie der Münchner Zeithistoriker Klaus A. Lankheit hier eher nebenbei bemerkt, in die „Tradition der Landschaftsmalerei der Romantik“ stellen. Berühmt, und doch in diesem Band fehlend, ist etwa die an Caspar David Friedrich anknüpfende Rückenansicht, die Adolf Hitler 1942 im Haus der Deutschen Kunst aus dem Fenster schauend festhält. Wenn aber schon Faszinationsminimierung das Kompositionsprinzip des Bandes bestimmt, dann hätten die zumeist der jüngeren Historikergeneration angehörenden Verfasser der kommentierenden Begleitaufsätze dem Betrachter auch verraten können, mit welchen filmkünstlerischen Mitteln Frentz Faszination erzeugte und warum sie noch heute zu „fürchten“ sei. Dafür genügt sicher nicht der Hinweis auf die spezifische Dynamik der Bilder, die dem Zuschauer suggeriert, „dabei“ zu sein, also den in die Filmgeschichte eingegangenen olympischen Marathon von 1936 mitzulaufen oder am 23. Juni 1940 mit dem Sieger über Frankreich, neben seinen Künstlern Speer, Giesler, Breker sitzend, durch die noch im Morgenschlummer liegende „Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“ zu rasen. Aus der Fülle solcher Inszenierungen, deren filmischer Ertrag in den letzten Dezennien in sämtliche Dokumentationen „tausendjähriger“ Vergangenheit eingegangen ist, deren fotografische Ausbeute in keinem Bildband über die NS-Zeit fehlt, setzt sich, wie der Filmpublizist Kay Hoffmann mit warnender Emphase betont, bis heute die kollektiv-visuelle Erinnerung an das Dritte Reich zusammen. Da Frentz glaubte, er sei nur „das Auge des Führers“, blicken wir also seit sechzig Jahren aus dessen Perspektive auf ein von ihm geschaffenes „Gesamtkunstwerk“ (Hans Jürgen Syberberg), worin sich Realität und Mythisierung unentwirrbar mischen. Wie vermag denn die mit Frentz‘ so effektiver Hilfe erreichte Selbstidealisierung Hitlers nicht nur den von der Wochenschau gebannten Zeitgenossen, sondern noch deren Enkel und Urenkel so zu imponieren, daß Hiller von Gaertringen und seine Mitstreiter bemüht sind, qua Auswahl diese Anziehungskraft zu brechen, um kein „emotionales Potential“ zu aktivieren? Dies ist eine für die politische Ästhetik wie für die „Geschichte der deutschen Seele“ im 20. Jahrhundert immerhin zentrale Frage, die hier keine Analysen, sondern nur marginales volkspädagogisches Geraune provoziert. Mit „Sehnsüchten nach einer vermeintlich heroischen Zeit mit einfachen Zielen und einfachen Lösungen“, wie Lankheit meint, könnte diese magische Bildwirkung gewiß zu tun haben. Aber man muß kein Experte für politische Ikonologie sein, um zu wissen, daß mit solchen Einlassungen die Deutung der Frentz-Bilder zu beginnen und nicht, wie es in diesem Band geschieht, zu enden hätte. Hans Georg Hiller von Gaertringen (Hg.): Das Auge des Dritten Reiches. Hitlers Kameramann und Fotograf Walter Frentz, Deutscher Kunstverlag, München/Berlin 2006, gebunden im Großformat, 256 Seiten, 39,90 Euro

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