Der Geist des Wollens und Gestaltens

Anlässe für gute Taten gibt es immer, auch für weniger gute. An der Universität Jena nahm man jetzt den hundertfünfundsiebzigsten Todestag Georg Wilhelm Friedrich Hegels und das Erscheinen seiner „Phänomenologie des Geistes“ vor exakt 200 Jahren zum Anlaß für ein schönes Symposion über die „Aktualität“ des großen Denkers. Was hat uns Hegel, jener Hauptvertreter des Deutschen Idealismus, heute zu sagen? Wer so fragt, hat zumindest keine Angst vor gelangweilten Mienen und gähnend leeren Stuhlreihen. „Phänomenologie des Geistes“ – schon der Titel liegt ja total quer zu sämtlichen modisch-modernen „Struktur“- und „Sachanalysen“. Der Geist hat nach heute erdrückend dominierender Meinung keine eigene Realität, geschweige denn Anspruch auf Weltgestaltung. Alles hängt angeblich ab von irgendwie „objektiven“, in den Genen oder in den Neuronen liegenden „Gesetzen“. Der Geist sei nur ein fahler Widerschein dieser „objektiven“ Gesetze, bestenfalls ihr Vollzugsorgan. In Jena erfuhr man nun schlicht das Gegenteil. Die Welt als ganze und alle ihre zeitlichen Manifestationen sind nach Hegel Ausfluß eines geistigen Wollens und Gestaltens, und wer diese Welt und ihre Phänomene mit ahnender Genauigkeit „erkennen“ will, der muß sich diesem Prozeß des Wollens und Gestaltens mit allen seinen Gefühls- und Gedankenkräften regelrecht anschmiegen. Es gilt für den Forscher nicht, der Welt „auf die Schliche“ zu kommen, sondern er muß sich ihr gleichsam verschwistern, und er muß darauf vertrauen, daß sich sein eigenes Innere mit dem Inneren der Welt in prinzipieller Übereinstimmung befindet. Begriffe, logische Prinzipien, Kategorien usw., so lehrt die „Phänomenologie“, sind nicht nur Denkgesetze, sondern reale Wesenheiten, göttliche Ordnungskräfte. Wer das akzeptiert, erlangt mentale Sicherheit, und er sieht sich dazu herausgefordert, äußerst sorgfältig und in höchster Verantwortlichkeit mit diesen Kräften umzugehen, an denen er teilhat. Die Bekräftigung solcher Herausforderung ist gewiß kein kleiner Ertrag eines schlichten Universitäts-Symposions, selbst wenn die staatlichen Evaluierer dafür kein „Exzellenzcluster“ ausstellen und kein Geld geben.

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