Sprengstoff

Filme, die US-amerikanische Kinokassen nicht so recht zum Klingen bringen, landen diesseits des Atlantik nicht selten sang- und klanglos in den Videotheken, statt am Potsdamer Platz mit rotem Teppich und Nebendarstellerinnen im kleinen Schwarzen Deutschlandpremiere zu feiern. Zumeist sind solche Produktionen nicht besser und nicht schlechter als vieles andere, das Hollywood der Menschheit zumutet. Nun hat Joe Roth nach einer Romanvorlage von Richard Price einen bei allen Schwachstellen sehenswerten Thriller gedreht hat, dem der ursprünglich geplante europäische Kinostart versagt blieb, der nun aber seit kurzem auf DVD auch käuflich zu erwerben ist. In „Das Gesicht der Wahrheit“ geht es um den sozialen Sprengstoff zwischen Schwarz und Weiß. Blutverschmiert und verstört stolpert Brenda Martin (Julianne Moore) in die Notaufnahme eines Krankenhauses in New Jersey und erzählt eine wirre Geschichte von einem Autodiebstahl nahe einer hauptsächlich von Afroamerikanern bewohnten Hochhaussiedlung. Erst die hartnäckigen Fragen des erfahrenen Kriminalpolizisten Lorenzo Council (Samuel L. Jackson) fördern zutage, daß ihr vierjähriger Sohn in dem entführten Wagen geschlafen habe. Sobald die Nachricht von dem vermißten Kind publik wird, bricht unter Brendas Nachbarn in der gutbürgerlichen Vorstadt Gannon ein Sturm der Entrüstung los. Ein so massiver wie unautorisierter Polizeieinsatz in der Siedlung führt zur Konfrontation zwischen Bewohnern, die auf Bürgerrechte und gleiche Medienaufmerksamkeit für alle pochen, den eigentlich zuständigen Polizeibeamten und ihren streitlustigen Kollegen aus Gannon, darunter Brendas Bruder Danny (Ron Eldard). Um zu verhindern, daß diese explosive Mischung in die Luft geht, wendet Lorenzo sich an eine Selbsthilfegruppe betroffener Mütter. Brendas Begegnung mit deren Leiterin Karen Collucci (exzellent besetzt mit Edie Falco aus der Mafia-Seifenoper „Die Sopranos“), die bei weitem packendste Szene des gesamten Films, wirft entscheidende Fragen über den tatsächlichen Tathergang auf. Von nun an konzentriert sich „Das Gesicht der Wahrheit“ ganz auf das Rätsel um Brendas Sohn – die Krawalle auf den Straßen nimmt die Kamera aus dem Augenwinkel wahr, durch halb offene Fenster und auf im Hintergrund flickernden Fernsehbildschirmen. Was nach einem interessanten Kunstgriff klingt, löst jedoch schnell Frustration aus, zumal der Film sich nach der fesselnden ersten Stunde bald in allen möglichen offenen Fragen und Szenen, denen jegliche Motivation fehlt, verheddert. Daß die Spannung im durchwachsenen letzten Drittel nicht völlig abfällt, liegt an den Schauspielern. Wie bereits in Joseph Rubens „The Forgotten“ (2004) macht Moore nuanciert und einfühlsam die Verzweiflung einer Mutter am Rande des Nervenzusammenbruchs spürbar. Und Jacksons Verkörperung des mit menschlichen Makeln behafteten, aber zuverlässigen Polizisten ist seine beste Darbietung seit langem. Auch die Nebendarsteller tragen ihren Teil dazu bei, daß „Das Gesicht der Wahrheit“ zwar manchmal verwirrend, aber stets unterhaltsam bleibt.

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