Bewertung eines Leichtgewichts

Am 16. Oktober 1946 trat Alfred Rosenberg im Nürnberger Gerichtsgefängnis zu seinem letzten Gang an. Geistlichen Beistand lehnte er mit einem knappen „Nein, danke“ ab. Der US-Henker vollstreckte das Todesurteil des alliierten Siegertribunals zwei Stunden nach Mitternacht. Seine Richter hatten am 1. Oktober 1946 in ihrer Urteilsbegründung Rosenberg in den zentralen Anklagepunkten für schuldig befunden. Demnach habe er sich an der Planung und Durchführung von Angriffskriegen dadurch beteiligt, daß er diese allgemein ideologisch „vorbereitete“ und konkret im Vorfeld des deutschen Ausgriffs nach Dänemark und Norwegen Gespräche zwischen Vidkun Quisling und Hitler vermittelte. Ferner habe er als Reichsminister für die besetzten Ostgebiete Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu verantworten gehabt. Jeden dieser „Verbrechenskomplexe“ führte die maßgeblich von US-Juristen konstruierte Anklage auf eine „Nazi-Verschwörung“ zwecks Erlangung der „Weltherrschaft“ zurück, für die Rosenberg als „Priester der ‚Herrenrasse'“ den „Plan“ entworfen habe. Mit Göring, Ribbentrop, Keitel und Jodl zählte Rosenberg damit zu den fünf von 21 „Hauptkriegsverbrechern“, die in allen Anklagepunkten schuldig gesprochen wurden. Rosenbergs Zugehörigkeit zu dieser Kerngruppe scheint für seinen Biographen Ernst Piper eine glänzende Bestätigung seiner Hauptthese von der „vernachlässigten NS-Figur“ zu sein. Viel zu lange, so Piper in seiner opulenten, an der Universität Potsdam bei Manfred Görtemaker und Julius H. Schoeps eingereichten Habilitationsschrift, habe die Zeitgeschichtsforschung Rosenberg als vermeintlich einflußlosen „Parteipapst“ unterschätzt. Verlegersproß Piper will uns also zur Würdigung der – selbstverständlich „kritisch“ gesehenen – „wahren Größe“ des NS-„Chefideologen“ verhelfen. Natürlich muß er dabei immer wieder einräumen, daß insoweit doch kein falsches Bild vom zu Recht „vergessenen Gefolgsmann“, vom „Requisit“ aus der Frühzeit der „Bewegung“ (Joachim Fest) Adolf Hitlers kursiert, als Rosenberg als „Techniker und Praktiker der totalitären Herrschaft“ kaum eine Rolle gespielt hat. Als Außenminister hatte er sich nicht empfehlen, als Kultusminister sich gegenüber dem Studienrat Bernhard Rust nicht durchsetzen können. Abgefunden wurde er mit dem monströsen Titel und dem Parteiamt eines „Beauftragten des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP“. Als er endlich im Sommer 1941 nach dem Angriff auf die Sowjetunion als Reichminister für die besetzten Ostgebiete in eine staatlich-exekutive Funktion eingerückt war, demonstrierten ihm seine beiden rabiat-untermenschlichen „Reichskommissare“ Hinrich Lohse („Ostland“) und Erich Koch (Ukraine) umgehend die engen Grenzen ministerieller Macht. Als durchsetzungsfähiger Machtpolitiker, dies muß auch Piper bilanzieren, sei Rosenberg daher wohl eher ein Leichtgewicht gewesen. So stützt er denn seine Revision der Rosenberg-Forschung darauf, daß er die Bedeutung des Ideologischen für die Erlangung und Ausübung nationalsozialistischer Herrschaft zwangsläufig wesentlich höher ansetzt als etwa Joachim Fest. Rosenberg sei für die „programmatische Fundierung des Erlösungsantisemitismus“ der „wichtigste Kopf in Hitlers Mannschaft“ gewesen. Da Piper sich rühmt, das Erscheinen von Ernst Noltes „Der europäische Bürgerkrieg“ (1987) im Verlag seines Vaters verhindert zu haben, baut er an dieser Front sogar eine dezidierte „Anti-Nolte“-Position auf: Nicht die Herausforderung durch den „jüdischen Bolschewismus“, also durch eine konkrete „asiatische Tat“, stand an der Wiege der NS-Bewegung, sondern ursprünglicher sei der Judenhaß von Männern wie Hitler und Rosenberg gewesen, dessen Wurzeln im 19. Jahrhundert lägen. Mit Yehuda Bauer argumentiert Piper daher, daß die „antisemitische Ideologie eine zentrale Determinante der Shoah“ gewesen sei. Nicht der Antibolschewismus, wie Nolte meint, sondern der „Antisemitismus“ sei das „Prius“ im welthistorischen Prozeß, der zur „Vernichtung der europäischen Judenheit“ geführt habe. Darum könne man den publizistischen Furor Rosenbergs als Verfasser einschlägiger Werke zur „jüdischen Weltverschwörung“ oder zu „Sowjet-Judäa“ wie als Leitartikler des Völkischen Beobachters gar nicht überschätzen. Ohne die von Hitlers „Überwachungsbeauftragten“ geleistete „antisemitische Ausrichtung“ der öffentlichen Meinung und seine Anstrengungen, das Volk auf ein „Mordprogramm einzustimmen“, hätte es „die Gaskammern von Auschwitz-Birkenau nicht gegeben“. In dieser schlichten Hypothese erschöpft sich Pipers Neubewertung. Für einen konzisen Aufsatz, in dem ein Intellektueller hegelianisch dafür plädiert, die politische Macht von Ideen nicht zu unterschätzen, hätte das gerade ausgereicht. Damit aber fast 900 Seiten zu bestreiten, ist nur möglich, wenn Piper einen Berg kreißen läßt, um die Maus dieser Hypothese zu gebären. Erbarmungslos hängt er daher an Rosenbergs Vita die Frühgeschichte der NSDAP samt üppiger Referate zur Innenpolitik Weimars dran, breitet die Geschichte der Machtergreifung aus und erzählt noch einmal alles über kunstpolitische Grabenkämpfe, in denen Rosenberg und Goebbels um das weltanschaulich korrekte NS-Verhältnis zur Moderne rangen. Wie es überhaupt Pipers Schwäche ist, aus Sekundärliteratur Tertiärliteratur zu fabrizieren, obwohl er den Gang in die Archive nicht scheute, sogar – um Rosenbergs Schulzeugnisse willen – bis ins ferne Stadtarchiv von Reval. Aber muß man alles, was man bei Hildegard Brenner über die Kunstpolitik, bei Reinhard Bollmus über das „Amt Rosenberg“ samt „Hoher Schule“, bei Helmut Heiber über das „Institut zur Erforschung der Judenfrage“, bei Frank-Lothar Kroll und Claus-Ekkehard Bärsch über den „Mythus des XX. Jahrhunderts“ als „politische Religion“ oder bei Anja Heuss über den „Kunst- und Kulturraub“ des „Einsatzstabes Rosenberg“ erfährt, in einer Habilschrift, die doch eigentlich dem wissenschaftlichen „Fortschritt“ dienen soll, in derart epischer wie ermüdender Breite wiederkäuen? Daß Piper bei dieser fortwährenden Abschreiberei zudem eine stattliche Anzahl von „Böcken“ schießt, erhöht die Lesefreude nicht. Die Degradierung Großadmiral Raeders zum Admiral, die Beförderung Generaloberst Dietls zum Feldmarschall, die Rede von der „Reichswehrführung“ im Jahr 1939 mögen dabei Quisquilien sein, nicht aber die Verlegung der Marienburg von der Nogat ins im September 1941 „eroberte Territorium“ der UdSSR oder Erich Kochs wundersamer Aufstieg zum „Oberpräsidenten von Preußen“. Darin zeigt sich eine Desorientierung, die letztlich auch dazu führt, daß Piper, der den Leser zudem mit einer endlosen Reihe infantil-hämischer Zwischenbemerkungen („Schlechte Zeiten für Kunsträuber …“) anödet, sich von Klaus Hildebrand vorhalten lassen mußte, unser Wissen über Rosenberg „kaum grundlegend revidiert“ zu haben, wobei es speziell seiner Weltanschauungsanalyse an „intellektueller Durchdringung“ fehle (FAZ, 23. November 2005). Da hat sich der Bonner Zeithistoriker noch zurückhaltend-höflich ausgedrückt. Foto: Ernst Piper: Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe. Karl Blessing Verlag, München 2005, gebunden, 831 Seiten, Abbildungen, 26 Euro

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles