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Traum von der Gotteseinheit

Franz Werfels Prager Urerlebnisse waren Judentum, Deutschtum, Tschechentum, Österreichertum und Katholizismus. Die Hinwendung zu letzterem geschah bereits während der Kindheit durch sein Kindermädchen Barbara, der er in seinem Schlüsselroman „Barbara oder Die Frömmigkeit“ (1929) liebevoll gedachte. Zugleich schilderte er dort das tragikomische Ende des großen österreichischen Reiches, aus dessen Zusammenbruch der reine Glaube sich gegen die Werteinflation des Materialismus behauptete. Am 10. September 1890 in Prag als Sohn eines jüdischen Kaufmanns geboren, wuchs Werfel im deutsch-jüdischen Kulturraum der Moldau-Metropole auf. Als Gymnasiast lernte er Franz Kafka und Max Brod kennen, mit denen ihn eine lange und enge Freundschaft verband. Nach einer Lehre bei einer Hamburger Speditionsfirma begann er als Lektor beim Leipziger Kurt-Wolff-Verlag. Werfel avancierte zu einem der Begründer des literarischen Expressionismus und gab zusammen mit Kurt Pinthus und Walter Hasenclever die avantgardistische Serie „Der jüngste Tag“ heraus. Über Nacht berühmt wurde er jedoch durch den Lyrikband „Der Weltfreund“ (1912), dem ein Jahr später der zweite Gedichtband „Wir sind“ folgte. Von der Literaturkritik als legitimer Nachfolger des amerikanischen Naturlyrikers Walt Whitman gefeiert, verlagerte er den Schwerpunkt seines dichterischen Schaffens nun zunehmend auf Dramen und Romane. Seine prophetische Vorahnung des kommenden Krieges hatte Werfel nicht getrogen. 1914 wurde er eingezogen, machte den Krieg an der Ostfront mit und wurde schließlich ins Kriegspressequartier in Wien versetzt. Das Erlebnis des Krieges machte den Bruch des von Anfang an tief religiösen Dichters mit der materialistischen Weltanschauung endgültig. In einer gemeinsam mit dem links-pazifistischen Aktivisten Kurt Hiller verfaßten Polemik erkannte Werfel sowohl das Alte als auch das Neue Testament als göttlich offenbart an. Sein wichtiger Essay „Die christliche Sendung“ (1916) erklärt die weltumarmende Geste seiner frühen Gedichte als mitleidenwollende Identifizierung mit jeglichem Schöpfungslos aus urchristlicher All-Liebe. In odischer Sprache kämpfte er gegen die Entfremdung in der Welt, pries hymnisch die gemeinsame Kindheit, Freundschaft und Gottesliebe und verkündete mit an Tolstoi geschulten Gedanken eine societas Dei. Die Greuel des Krieges lasteten schwer auf ihm, und so begann er, die Eitelkeit persönlichen Erlösertums erkennend, die große Abrechnung mit der menschlichen Unzulänglichkeit in der magischen Trilogie „Spiegelmensch“ (1920). In den allen Phasen der Revolutionsromantik frönenden Wiener Caféhaus-Kreisen lernte Werfel durch Franz Blei Alma Mahler kennen, die Witwe des Komponisten Gustav Mahler. Seine Heirat mit der berühmten Femme fatale, in deren Salon sich die großen Geister Europas trafen, war fortan entscheidend; ihre Gestalt lebte in seinen Werken. Dezidierte Zivilisationskritik, aber vor allem das Wissen um die existentielle Urschuld und der Durst nach Sühne erfüllten den Dichter, der in der Allegorie, in der Darstellung der „mystischen Tatsachen“ das wahre Wesen aller Dichtung sah. Die schamhafte Liebe von Schöpfer und Geschöpf, der Traum von der verlorenen Gotteseinheit und der die Vollendung hintertreibende „ewige Schöpfungsfehler“ Mensch als Quelle des Bösen, dessen Samen sich ewig fortsetzt und dem auch der edle Mensch nicht entgeht, aber auch die Erinnerung an die Vorschöpfungsharmonie, die noch keine Sünde kannte: Dies sind die wesentlichsten Themen der Vater-Sohn-Novelle „Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig“ (1920) wie von „Schweiger“ (1922). Das Drama „Paulus unter den Juden“ (1926) behandelte den Augenblick der schicksalhaften Trennung des Christentums vom Judentum, der Ablösung des Gesetzes durch die Liebe Gottes. Die metaphysische Tragik der verpaßten Buße ist auch das Thema des Romans „Der Abituriententag“. 1933 erschien „Die vierzig Tage des Musa Dagh“. Werfels großes Epos über den packenden Freiheits- und Verteidigungskampf der Armenier gegen die erbarmungslose Vernichtungspolitik der Türken während des Ersten Weltkrieges gehört auch wegen der doppelten Symbolik zu seinen besten Werken: das Moses-Schicksal, das Mysterium der Staatswerdung. Seine immer stärker werdende Gottesoffenheit und Todesvertrautheit kamen auch in dem Bibelspiel „Der Weg der Verheißung“ zum Ausdruck, einer frühen Antwort auf die Judenverfolgungen. Vergeblich warnte er vor irdischen Paradiesen In mehreren großen Reden wie „Von der Glückseligkeit des Menschen“ warnte Werfel vergeblich vor den Lockungen materialistischer Paradiese auf Erden. Seine Flucht vor den Nationalsozialisten führte ihn zunächst nach Frankreich, dann 1940 zu Fuß über die Pyrenäen und schließlich von Lissabon nach Amerika. Bekannt ist sein Gelübde in Lourdes, wenn die Flucht gelinge, wolle er zu Ehren der Heiligen Bernadette ein Buch schreiben. „Das Lied von Bernadette“ (1941) mit seiner Symbolik von der Unbegreiflichkeit der göttlichen Auswahl und der Sendung der Poesie ist wie auch der zwei Jahre zuvor erschienene Roman „Der veruntreute Himmel“ ein sprachlich virtuoses Glanzstück. Das beste Produkt seiner Spätzeit ist jedoch zweifellos die Tragikomödie „Jakobowsky und der Oberst“ (1945), die in der Handlung – die abenteuerliche Flucht zweier weltanschaulich grundverschiedener Männer, eines katholischen polnischen Aristokraten und eines polnischen Juden, vor den anrückenden Deutschen – allegorisch die Parallelmission des Judentums und Christentums abwandelt. Noch einmal kommt sein tiefer Gottesglaube und seine Neigung zum Katholizismus, zu dem er aber nicht konvertierte, in dem postum erschienenen bedeutenden Essay „Zwischen Oben und Unten“ (1946) zum Ausdruck. Werfels Synthese aus Judentum und Christentum, in denen er die europäische Kultur und Tradition am bildkräftigsten ausgedrückt sah, fand in seinem in den USA entstandenen Reiseroman „Stern der Ungeborenen“ (1946) ihren Abschluß, in dem der astromentale Mensch zwar die höchste Stufe materialistischer Glückseligkeit erreicht hat, um schließlich wie alles Endliche zu zerbrechen und von neuem anfangen zu müssen. Am 26. August 1945 erlag Franz Werfel in seinem Haus in Beverly Hills einem Herzinfarkt. Foto: Franz Werfel (1890-1945): Mitleid mit jeglichem Schöpfungslos

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