Erdig

Im April vergangenen Jahres veröffentlichte der aus der britischen Hafen- und Arbeiterstadt Newcastle stammende Bluesshouter Eric Burdon sein erstes Studioalbum seit 1988. „My Secret Life“ (JF 31-32/04) überraschte durch eine enorme Stilvielfalt bis hin zu Ausflügen in jazzige, swingende, gar chansonartige Gefilde. Kritiker und Fans zeigten sich hellauf begeistert, die Lobpreisungen überschlugen sich. Burdon fackelte nicht lange und begab sich auf eine ausgiebige Tournee, die ihn im Dezember 2004 auch nach Athen führte. Die besten Momente dieses eineinhalbstündiges Auftritts wurden für die CD „Athens Traffic Live“ (SPV), die am 29. August erscheint, in zwar nicht herausragender, aber durchgehend passabler Klangqualität festgehalten. Der „Unfehlbare“ (Sounds) hatte für diese Konzertreise eine Formation der Animals zusammengestellt, die natürlich mit der Urbesetzung nur noch den Namen gemein hatte. Gottlob wird dem Hörer von „Athens Traffic Live“ aber auch nicht die 175. Variation von „The House of the Rising Sun“ aufgedrängt. Überhaupt verzichtet Burdon weitgehend auf Evergreens aus seiner über 40jährigen, sehr wechselhaft verlaufenden Karriere. Statt dessen finden sich auf der Silberscheibe sechs der spannendsten Nummern von „My Secret Life“, dazu der eine oder andere Geheimtip aus Burdons umfangreichem Repertoire sowie Wiederaufbereitungen von Rock’n’Roll- und Blues-Standards, denen Burdon mittels seiner kraftvollen, ausdrucksstarken, stets erdig-ehrlich wirkenden Intonation eine außergewöhnliche Note verleiht. So frißt sich der 64jährige durch John Lee Hookers unruhigen, rauhen Talking Blues „Boom Boom“, gedenkt in abgeklärter und doch liebevoll-melancholischer Weise seiner Jugend im grauen Alltag der britischen working class („When I was young“), um kurz darauf das stille, so sehnsüchtig flehende irische Traditional „Factory Girl“ gefühlsstark vorzutragen. Das von US-Blueser Robert Blackley geschriebene „Once upon a Time“ beschreibt, getragen von einer poppigen, leicht ins Ohr gehenden Melodie, die wilden 1960er Jahre zwischen Vietnamkrieg und Studentenrevolte, während der hyperschnelle Rock’n’Roller „Devils Slide“ ein phänomenales Gitarrengewitter darstellt, durch das sich Burdon spürbar mit aller Kraft und ganzem Herzen hetzen läßt. Dann wird es plötzlich still im Saal: Burdon stimmt „Heaven“ an, die legendäre New-Wave-Ballade der Talking Heads, die er zu sparsamer instrumentaler Begleitung in einen grazil vor sich hin swingenden Crooner-Blues verwandelt. Später taucht er in die mystisch-bizarre Welt Leonard Cohens ein , indem er dessen Ballade „In my Secret Life“ zu wiederum angejazzten Klängen rezitiert. Dieser unerwarteten Leichtigkeit folgt der Radiorocker „Over the Border“, bevor eine knackige Version von Chuck Berrys „Little Queenie“ zum Höhepunkt der Show überleitet: einer knapp zwölfminütigen Fassung des US-Folksongs „Tobacco Road“, bei der nicht nur der Sänger alles aus seiner Stimme herausholt, sondern auch seine vier Begleiter ihr instrumentales Können zeigen. Nach diesem Konzertgenuß findet sich auf „Athens Traffic Live“ noch eine brandaktuelle Studioaufnahme von Eric und seiner Band: „Mercy’s Hand“, eine verschrobene Hippieballade, die von Martin Gershwitz‘ vertracktem Geigenspiel lebt, ansonsten aber kaum den Funken überspringen zu lassen vermag. Alles in allem bietet „Athens Traffic Live“ als Überbrückung bis zum neuen Studioalbum, das im Oktober erscheinen soll, eine sehr abwechslungsreiche Songkollektion in schwitziger Konzertatmosphäre, dargeboten von einem Sänger, der mehr als viele andere durchlebt und durchlitten hat und sich gleichwohl in Bestform präsentiert.

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles