Teil des Problems, nicht der Lösung

Für den Kanzler ist die Sache einfach, jedenfalls macht er sie sich einfach. „Patriotismus ist das, was ich jeden Tag tue“, erklärte Gerhard Schröder kurz und bündig in einem Welt-Interview. Die SPD-nahe, von der Friedrich-Ebert-Stiftung herausgegebene Monatszeitschrift Neue Gesellschaft / Frankfurter Hefte tut sich da schon erheblich schwerer. Vor einem Jahr hatte Eckhard Fuhr dortselbst (JF 12/04) behauptet, „daß unter den Deutschen die Vaterlandsliebe längst wieder keimt und artikuliert wird – und zwar in der Mitte der Gesellschaft, nicht in der ressentimentgeladenen Gegenkultur des absterbenden national-konservativen Milieus“. Seinem apodiktischen Urteil, der Patriotismus sei nach links gewandert und die Linke in die Mitte, folgt nun ein Jahr später im aktuellen März-Heft das Schwerpunktthema „Patriotismus von links“. Zu Wort melden sich erneut Fuhr, die Publizisten Klaus Harpprecht und Peter Grafe sowie die Historiker Bernd Faulenbach (Bochum) und Peter Brandt (Hagen). Den Schluß bildet ein kurzes, auf die deutsche Einheit rückblickendes Interview mit dem früheren SPD-Bundesminister Erhard Eppler. Den politicus diaboli spielt Klaus Harpprecht, ehedem Redenschreiber und Berater von Willy Brandt. Zwar stellt auch er fest, daß Patriotismus hierzulande eine „seltsame Konjunkturschwemme“ zu erleben scheine, doch empfiehlt er Mißtrauen gegen Begriffe wie „kollektive Identität“, die nirgendwo existiere, und „gesundes Nationalbewußtsein“, das „immer den Keim einer gemeingefährlichen Geisteskrankheit“ in sich trage. Harpprecht: „Die ‚kollektive Identität‘ existiert nur als Mythos. Mit anderen Worten: als Lüge, die am Ende immer tödlich und im Zweifelsfall auch mörderisch ist.“ Belege dafür muß er freilich schuldig bleiben. Aufgeklärter wirkt der Beitrag von Bernd Faulenbach. Der Vorsitzende der Historischen Kommission der SPD geht der Frage nach, ob Kurt Schumachers Patriotismus noch für die Gegenwart taugt. Wo Harpprecht dem ersten Nachkriegsvorsitzenden der SPD „schrill-nationale Trompetensignale“ vorwirft, wünscht Faulenbach den gesellschaftlichen Führungsgruppen etwas von Schumachers Haltung, nämlich ein auf das Gemeinwohl bezogenes, zum persönlichen Opfer bereites Denken. Peter Grafe konstatiert, daß die Nachkriegszeit mental ausläuft, und lotet die Chancen eines Perspektivenwechsels aus, der auf Identitätsbildung in der Berliner Republik zielt. Ähnlich wie Peter Brandt, der für eine Überwindung der Negativ-Fixierung auf Auschwitz plädiert, hält Grafe die Nation für einen Bezugsrahmen, der Identität und Loyalität mit der Gemeinschaft, dem Kollektiv stiftet. Dem US-amerikanischen Politiker Adlai Stevenson (1900-1965) wird der Satz zugeschrieben, daß Patriotismus „nicht ein kurzer und wütender Ausbruch des Gefühls ist, sondern stille und unerschütterliche Hingabe während des ganzen Lebens“. Hierzulande drängt sich der Verdacht auf, daß das Gerede über Patriotismus nicht Teil der Lösung der deutschen Krise, sondern selbst ein Teil des Problems ist. Doch immerhin: Die SPD diskutiert wenigstens, während die Union eine Patriotismus-Debatte immer nur ankündigt. Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte, c/o Friedrich-Ebert-Stiftung, Hiroshimastraße 17, 10785 Berlin. Internet: www.frankfurter-hefte.de . Das Einzelheft kostet 5,50 zzgl. Versand..

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