Schokoriegel zu Ehren des Kriegsmannes

Soldaten sind Mörder!“ In Zeiten, in denen dies straffrei proklamiert werden darf, erscheint es nicht verwunderlich, wenn der bisherige Soldatenpatron Martin von Tours, um dessen Festtag am 11. November sich zahlreiche Bräuche gebildet haben, zum Patron der Wehrdienstverweigerer und Deserteure werden soll. Wer diesen überaus populären Heiligen so im Sinne des Zeitgeists gewürdigt sehen möchte, hat nicht mehr jene Szene im Blick, die zahllose deutsche und europäische Künstler zu eindrucksvollen Werken inspiriert hat: Der junge römische Offizier Martin teilt am Stadttor von Amiens seinen Mantel mit dem Schwert und reicht die eine Hälfte einem in bitterer Kälte frierenden Bettler. Die Zeitgeistjünger greifen mit Vorliebe auf eine Szene zurück, die sich im Jahre 356 in einem römischen Militärlager bei Worms abgespielt haben soll: Dort kündigt Martin seinem Oberbefehlshaber (dem späteren Kaiser Julian Apostata) an, er werde aus dem Militärdienst ausscheiden. Nach Martins erstem Biographen Sulpicius Severus mit den Worten: „Ich bin ein Soldat Christi, es ist mir nicht erlaubt, mit der Waffe zu kämpfen.“ Severus hat die Szene dramatisch und rhetorisch als Höhepunkt eines Märtyrerlebens gestaltet. Wie man die Szene bewertet, hängt davon ab, ob man sich im Streit der Historiker für ein frühes oder spätes Geburtsjahr Martins entscheidet. Martinus (nach dem römischen Kriegsgott Mars benannt: der Kriegerische!) wurde als Sohn eines heidnischen Legionskommandeurs in Pannonien geboren und – vom Vater für die militärische Laufbahn bestimmt – mit 15 Jahren Soldat. Mit 18 Jahren ließ er sich taufen. Ist das Geburtsjahr Martins 316, so hatte er bei der Szene im Wormser Lager 25 Jahre wechselvollen Militärdienst hinter sich: Ein Ausscheiden wäre durchaus normal gewesen. Setzt man als Geburtsjahr 336 an, so wäre Martin nur fünf Jahre Soldat gewesen, sicher ein sehr tüchtiger Soldat mit seinem raschen Aufstieg zum Offizier bei der berittenen kaiserlichen Garde. Aber auch in diesem Falle wäre es schwierig, Martin zum Geistesverwandten heutiger Wehrdienstverweigerer oder Deserteure zu stilisieren. Martin, der ab 356 eine geistliche Laufbahn als Mönch, später als Bischof von Tours durchlief, blieb in Auftreten und Wortwahl bis an sein Lebensende durch seine soldatische Herkunft geprägt. Wenn er nach seinem Tode zum Nationalheiligen der kriegerischen Franken wurde, so hängt das nicht nur mit der Wunderkraft dieses Heiligen zusammen, sondern auch mit seiner Vergangenheit als „Kriegsmann“, die einem so kämpferischen Frankenkönig wie Chlodwig und anderen fränkischen Adelskriegern durchaus sympathisch sein mußte. Er galt als Nationalheiliger der kriegerischen Franken Etwa 300 Jahre nach der Mantelteilung tauchte der angebliche Mantel Martins bei den Franken wieder auf; diese „capa“ (davon abgeleitet: Kapelle) wurde zum fast magischen Hoffnungssymbol, das die fränkischen Truppen in die Kriege begleitete. Man muß also schon arg manipulativ mit der Martinstradition umgehen, wenn die Stilisierung dieses römischen Offiziers zum Vorbild der Wehrdienstverweigerer und Deserteure gelingen soll. Viel wirkungsvoller ist der Zugriff des Zeitgeistes auf die Martinstradition, wenn man die innere Aushöhlung des Martinsbrauchtums betrachtet, die mit der zunehmenden Entchristlichung Europas einhergeht. Das Schmausen um den Martinstag herum, etwa das Verzehren von Martinsgänsen und das Verkosten des jungen Weins, läßt sich zumindest partiell auf ältere heidnische Bräuche zurückführen, war aber im frühen Mittelalter dem Fasten zur Vorbereitung auf das Weihnachtsfest zugeordnet: vor dem strengen Verzicht noch einmal kräftiger Genuß, und das zu Ehren von Sankt Martin, dessen Leben und Wirken angesichts der vielen Martinskirchen, -kapellen und -altäre im ganzen christlichen Europa den Menschen bekannt war. Dies dürfte heute bei vielen nicht mehr der Fall sein. Im Raum des karolingischen Reiches bildete sich über Jahrhunderte hinweg um Sankt Martin ein Lichterbrauchtum heraus (Kerngebiet: die Lande an Rhein und Maas), das für Kinder und Jugendliche seinen Reiz hatte: Martinsfeuer, Umzüge mit Lichtern und Laternen, Heischegänge (Einsammeln von Gaben). Versuche, dieses Brauchtum monokausal aus Schriftlesungen der Liturgie am Martinstag herzuleiten, sind letztlich nicht überzeugend, ebensowenig aber auch Bemühungen, eine Brauchtumskontinuität bis in vorchristliche Zeiten (unter Abwertung der christlichen Impulse) zu konstruieren. Bei diesem Martinsbrauchtum ging es in früheren Jahrhunderten oft recht derb und ungebärdig zu; dies führte immer wieder zu Verboten durch die Behörden und auch pädagogisierenden Eingriffen aus dem Bereich des Bildungsbürgertums. Clara Viebig hat in ihrem Roman „Die Wacht am Rhein“ (1902) einen Düsseldorfer Martinsabend aus der Zeit des Vormärz sehr eindrucksvoll beschrieben: Stimmungsvoll-Rührendes gemischt mit grellen Grobheiten. In früheren Jahrhunderten ging es oft recht derb zu Die Martins-Lichterbräuche sind heute an vielen Orten des deutschen Kulturraums anzutreffen: als Erlebnismöglichkeiten für Kinder. Wo die Martinszüge auf katholische Tradition zurückgehen, wird oft zum Abschluß (oder als Zwischenstation) die Szene der Mantelteilung nachgespielt. Wo die Reformatoren das Martinsbrauchtum nicht abschaffen konnten, wurde es auf Dr. Martinus Luther umgewidmet; auch hier läßt sich die Mantelteilung als Szene einbauen. Die traditionellen Martinslieder besingen Martin und seine Tat als „Muster der Barmherzigkeit“. Das Einüben solcher Lieder in Kindergarten und Schule, die Vermittlung von Grundkenntnissen, welche Martins Tat im Lichte christlicher Glaubensüberzeugung verstehbar machen – daran hapert es heute vielerorts. Wenn die Blaskapellen zum Schluß „Großer Gott, wir loben dich“ intonieren, bleiben die Kinder meist stumm: Lied unbekannt! In Gebieten, in denen die christliche Kultur schon seit längerem stark oder gänzlich säkularisiert ist, wählt man für die Umzüge nur noch die Laternenlieder ohne deutlichen Bezug auf Martin: „Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne“ oder „Ich geh mit meiner Laterne“. Halloween macht den Martinszügen Konkurrenz Diese Tendenz greift auch auf die Gebiete mit traditionellem Martinsbrauchtum über. Der Martinstag wird zum „Event“: ein Lichtermeer und viele, viele Süßigkeiten, die man an den Haustüren und in Geschäften ersingt. Multikulti-Befürworter überspielen gerne das immer stärkere Schwinden der christlichen Kernbezüge im Martinsbrauchtum und tun so, als bilde sich in kindlichen Gemütern am Rhein und anderswo schon ein Grundelement aufklärerischer Universalreligion unter Abstreifung landschaftsgebundener und nationaler Bezüge heraus. So konnte man in einer großen rheinischen Tageszeitung lesen: „Die Martinszüge im Rheinland machen evangelische und katholische, orthodoxe, muslimische, shintoistische und buddhistische Kinder mit gleicher Begeisterung mit … In den Chor der rheinischen Stimmen haben längst japanische, türkische, griechische, spanische, italienische, portugiesische und arabische eingestimmt“. Bleibt zu fragen, ob multikulturell und multireligiös „modernisierte“ Martinszüge erfolgreich mit einem aus den USA importierten, völlig kommerzialisierten Pseudobrauchtum konkurrieren können, das Jahr um Jahr immer kräftiger um sich greift und Kinder, Jugendlich und Erwachsene in seinen Bann zieht: Halloween. Foto: Lucas van Leyden, „Der Hl. Martin teilt seinen Mantel“ (Holzschnitt, 1508), Kind bei einem Laternen-umzug am St. Martinstag im oberbayerischen Baierbrunn: Längst wird der Martinstag als Event gefeiert

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