Pankraz, Frank Schätzing und die Tiefen des Ozeans

Mit Abstand größte Knüller im Weihnachts-Buchgeschäft sind Prachtbände mit Unterwasseraufnahmen aus den sieben Meeren. Auch Frank Schätzings 1.000-Seiten-Wälzer "Der Schwarm" liegt nach wie vor gut im Rennen. Die Leute können nicht genug kriegen von Bildern und Geschichten aus ozeanischen Tiefen, je tiefer, desto besser. Zwar erfreut man sich nach wie vor auch an hübschen Genre-Szenen vom sonnenbeschienenen Korallenriff, aber das eigentliche Interesse gilt den Vorgängen darunter, welche in nachtschwarzer Finsternis spielen und apokalyptische Dimensionen offenbaren.

Titanenkämpfe von vorzeitlicher Schauerlichkeit toben dort unten, Pottwal gegen Riesenkrake, schwefelwasserstoffgestählte Einzeller gegen bleiche Endloswürmer. Viele der umherziehenden Ungeheuer verfügen über eigene Lichtkraftwerke, fluoreszieren von innen heraus oder tragen überraschend anmutige Beleuchtungskörper auf der Nase, die an Kandelaber aus der "Belle époque" erinnern. Die Kreatur jedoch, die sich in ihrem Schimmer zum kuscheligen Rendezvous treffen will, wird sofort und mit einem einzigen großen Schnapp aufgefressen, allein dazu sind diese Tiefseelaternen da.

Fast täglich wartet die Meeresforschung mit neuen, spektakulären Erkenntnissen auf. Es ziehen sich am Grund der Ozeane nicht nur gewaltige Gebirgsketten hin, deren Vulkane Feuer und Lava speien, sondern auch nillange und amazonasbreite Flußsysteme, die sich – obwohl doch alles um sie herum Wasser ist wie sie selbst – energisch von ihrer Umgebung abheben, sei es durch Temperatur, chemische Zusammensetzung oder spezifische Fauna. Man kann in sie "hineinfallen" wie oben auf dem Land in irgendeinen Sturzbach oder stinkenden Tümpel, und wer da von den umliegenden Meereswesen nicht richtig, nämlich ortsangepaßt, zu "schwimmen" versteht, kommt darin um wie irgendein hiesiger Nichtschwimmer im chlorierten Freibad.

Der Golfstrom, der unsere europäischen Küsten erwärmt und zum Blühen bringt, ist ein solcher "Fluß mitten im Meer". Soeben erschüttert die Mitteilung die Fachzeitschriften, daß dieser Golfstrom angeblich immer kälter wird, was eine wahre Katastrophe wäre für unser Ökosystem, viel schlimmer als der vielbekakelte "Klimawandel". Vielleicht ergibt sich aber auch ein glücklicher Ausgleich: Das Klima allgemein erwärmt sich, doch der Golfstrom wird kälter, so daß unterm Strich die Temperaturbilanz gleich bleibt.

Ob Vorgänge auf dem Land, inklusive menschliche Betriebsamkeiten, die Verhältnisse in den Ozeanen, wie oft behauptet wird, dauerhaft beeinflussen und langfristig verändern können, steht durchaus in den Sternen, man darf daran zweifeln. Nicht zweifeln kann man an der umgekehrten Ursache-Wirkung: daß nämlich Vorgänge in den Ozeanen unsere Verhältnisse auf dem Land beeinflussen, und zwar tiefgreifend und Epochen stiftend. Wir sind, läßt sich ohne weiteres formulieren, den Ozeanen ausgeliefert.

Sie zerreißen Kontinente und fügen sie wieder zusammen, sie schaffen Wüsten oder Regenwälder, sie bestimmen das tagtägliche Wetter über den Landmassen. Gerade das ablaufende Jahr hat wieder einmal die tausendfach Tod stiftenden Folgen gezeigt, die Ereignisse in den Ozeanen auch für Landbewohner haben können. Auf den Ozeanen entstehen jene gewaltigen Wirbelstürme, die anschließend an Land gehen und ihre verheerenden Schneisen schlagen. In den Ozeanen bilden sich jene Horrorwellen, Tsunami genannt, die manchmal ganze Populationen ausrotten und verglichen mit deren blindem Anrammen gegen das Land sich noch das böseste Erdbeben irgendwie "zivilisiert" ausnimmt.

Andererseits ist bei den Wissenschaftlern ausgemacht, daß die Ozeane nicht nur Tod, sondern auch und vor allem Leben stiften, ja, daß wohl alles Leben aus dem Wasser, und zwar aus dem Ozeanwasser, kommt. Unser erster gut identifizierter evolutionärer Vorfahr, der Echsenfisch Ichthyostega, dessen Überreste man in Grönland ausgegraben hat, war eindeutig ein Ozeanbewohner. Er kroch eines Tages eher zufällig und widerwillig aufs feste Land.

Immer war die Versuchung für endlich eingewöhnte Landbewohner groß, sich bei erster sich bietender Gelegenheit wieder ins Meer zurückzuziehen – weil sich darin offenbar besser (Pankraz möchte beinahe sagen: gottgemäßer) leben ließ. Eidechsen zogen und ziehen sich wieder zurück (Ichthyosaurier), Säugetiere (Wale, Delphine), sogar Vögel sind gerade dabei (Pinguine), und es kommt gewiß nicht von ungefähr, daß diese Spätheimkehrer nachgewiesenermaßen sehr klug und lernfähig sind und daß sie uns Menschen besonders am Herzen liegen und in manchem als Vorbild erscheinen; man denke nur an Luc Jacquets begeistert aufgenommenen Film "Die Reise der Pinguine".

Nie ist ein Forscher auf den Gedanken gekommen, daß das Leben irgendwo auf dem festen Land entstanden sein könnte. Entweder, so sagen sie, es wurde der Erde aus dem Weltraum zugeweht (die sogenannte "Panspermientheorie" von Arrhenius u.a.), oder es wurde im Ozean aus Aminosäuren zusammengekocht, mag sein unter Beihilfe von Blitz und Donner von oben, aber jedenfalls im Ozean (die "Ursuppentheorie" von Oparin u.a.).

Pankraz, um seine Meinung gefragt, würde sich ohne viel Nachdenken für die Ozeantheorie entscheiden. Aus dem Weltraum, so würde er argumentieren, kommt ja nur Fremdes, die Fernrohre melden uns nur trostlose Wüsteneien oder felsenähnliches, seit Milliarden von Jahren gefrorenes Wasser, "gekrümmte Räume", "schwarze Löcher". Wie sollte das mit Leben zu tun haben?

Der Ozean dagegen ist Heimat, trotz oder auch wegen seiner Gefahren und schrecklichen Untiefen. Die Alten, Herodot & Co., liebten die Meere bekanntlich nicht, fürchteten sie nur. Da lagen sie mit Sicherheit falsch.

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