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Liebe, die von ihrem Ende weiß

Zahllose Bücher und Filme über die Liebe beschäftigen sich mit der Suche nach dem Kern eines Mysterium: Was macht Liebe aus, was ist ihr Wesen? Und doch gelangt man immer nur zu Ausschnitten, Szenen, Bildern, die das Mysterium in einer Momentaufnahme zu bannen versuchen. Der englische Regisseur Michael Winterbottom („Welcome to Sarajevo“, „Wonderland“, „In this World“) versuchte sich nun an einem Liebesfilm, experimentell, verblüffend und die Sehgewohnheiten herausfordernd. „9 Songs“, ganze neun Lieder, bilden das Gerüst für Momentaufnahmen einer frischen Liebe in London, die von ihrer kurzen Dauer weiß. Man sieht ein junges Pärchen im Laufe eines Sommers Konzerte von acht verschiedenen Bands besuchen, dazwischen kurze Augenblicke ihrer Zweisamkeit, die geprägt ist vom überkommenen Credo der Hippie-Ära „Sex, Drugs and Rock’n’Roll“. Die gesamte Handlung erschöpft sich in Sexsequenzen, dem gelegentlichen Gebrauch von Drogen und dem Besuch großer Konzerte in opulenten Musiktempeln wie der Brixton Academy. Nur andeutungsweise erfährt man, daß Matt (Kieran O’Brien), ein Klimaforscher, und Lisa (Margo Stilley), eine amerikanische Austauschstudentin, sich bei einem Konzert kennenlernen und verlieben. Fetzenhaft erscheinen die dargebotenen Szenen, die aus Matts Flashbacks während einer Antarktis-Expedition resultieren. Die Geschichte erhält durch die Schnelligkeit der Erzählung – der Film dauert ganze 69 Minuten, gedreht wurde für nur 160.000 Dollar in acht Tagen, die Dialoge entwickelten sich durch Improvisationen – und den konsequenten Einsatz von Videokameratechnik eine eigene Dynamik und Ästhetik sowie eine den Betrachter in den Bann ziehende Stimmung. Auf der Insel erregte „9 Songs“ stark die Gemüter. Der „unanständigste Film, der je in unseren Kinos war“, lautete das Urteil der britischen Boulevardpresse. Die Kritik entzündete sich vor allem daran, daß „9 Songs“ auch den Geschlechtsakt explizit zeigt, und tatsächlich ist der Film stellenweise pornographisch. Doch ebenso unzweifelhaft liegt das Hauptaugenmerk des Regisseurs auf den Empfindungen des jungen Paares. Winterbottom verteidigte deshalb seinen Film: „Bücher beschäftigen sich explizit mit Sex wie mit jedem anderen Thema auch. Das Kino ist hingegen extrem konservativ und prüde. … Bei dem Film geht es auch um die Frage: ‚Was ist falsch daran, Sex zu zeigen?'“ „9 Songs“ ist sicher ein gewöhnungsbedürftiger, aber auch in vieler Hinsicht außergewöhnlicher Film.

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