Kampf dem Relativismus

Im Sprachgebrauch der Kirche heißt der Papst „Pontifex Maximus“, also der große Brückenbauer. Viele Liberale – besonders in Deutschland – hatten gerade in diesem Punkt Bedenken, ob Kardinal Ratzinger der richtige Mann für das oberste Hirtenamt ist. Wer diesen scharfsinnigen Theologen für engstirnig hielt, mußte sich spätestens wundern, als der Papst im September auf seinem Sommersitz Castel Gandolfo so unterschiedliche Kritiker wie Oriana Fallaci, Hans Küng und Bischof Fellay empfing. Da ein klarer Standpunkt jedoch erst zur Diskussion befähigt, suchte Kardinal Ratzinger von jeher das Gespräch mit den unterschiedlichsten Denkern. Und oftmals fanden sich überraschende Gemeinsamkeiten. Ein außergewöhnliches Zeugnis dieser Tatsache ist das vorliegende Buch. Im Mai 2004 hielt Marcello Pera, Präsident des italienischen Senats und damit zweithöchster Staatsmann Italiens, an der Päpstlichen Lateranuniversität einen Vortrag über die Problematik des Relativismus. Pera, geboren 1943, war Professor für Philosphie in Catania und Pisa bevor er sich 1996 mit weiteren Intellektuellen Silvio Berlusconi anschloß und in dessen Partei „Forza Italia“ bis 2001 sogar zum Vizepräsidenten aufstieg. Unabhängig vom Vortrag des konservativen Politikers sprach Kardinal Joseph Ratzinger am darauffolgenden Tag im Senat zum Thema „Europa in der Krise der Kulturen“. Später haben beide jeweils in einem Brief die Gedanken des anderen aufgegriffen und mit Anmerkungen versehen. Dieses Buch beinhaltet die beiden Vorträge und die beiden Briefe. Pera zeigt zunächst ein Symptom auf: Die westliche Kultur, die von der Demokratie geprägt ist, geht stets davon aus, daß keine Wahrheit für sich einen Absolutheitsanspruch erheben darf. Der Verzicht auf eine Verankerung des Christentums in der EU-Verfassung sei das äußere Zeichen dieses Prozesses. Wenn aber alles relativ ist und es keine absolute Wahrheit gibt, dann darf auch niemand behaupten, die westliche Kultur sei besser als andere. Generell darf überhaupt nicht mehr von besser oder schlechter gesprochen werden. „Jeder kann sich leicht davon überzeugen, wie diese Mischung aus Ängstlichkeit, Vorsicht, Anstand, Zurückhaltung und Furcht in die Fasern des Westens eingedrungen ist, wenn er über ein verräterisches Symptom nachdenkt. Es handelt sich um eine Form der Selbstzensur und Selbstbeschränkung, die sich unter jenem Mantel versteckt, der sich gewöhnlich Political Correctness nennt.“ Als Beispiel führt Pera das Verhältnis zum Islam an. Hier sieht er den Westen auf zweifache Weise gelähmt: „Zum einen, weil er nicht glaubt, es gebe gute Gründe für die Behauptung, besser zu sein als der Islam; zum anderen ist er gelähmt, weil er glaubt, wenn diese Gründe vorlägen, müßte er den Islam bekämpfen.“ Die Idee des Relativismus, nach der es keine Kriterien gäbe, um Kulturen zu beurteilen oder zu bewerten, wurde gerade durch das Aufkommen des internationalen Terrorismus und durch Ereignisse wie jene des 11. September in Frage gestellt. Für Pera ist der Relativismus daher nicht haltbar. Die Überlegenheit einer bestimmten Kultur wurzelt für ihn in persönlichen Präferenzen beziehungsweise im religiösen Glauben. Da das Christentum „diejenige Tradition ist, die der gesamten Geschichte des Westens am meisten Nahrung gegeben hat“, fordert der bekennende Atheist Marcello Pera eine christliche Prägung der Gesellschaft, da der europäische Kontinent im Begriff ist, seine Wurzeln zu vergessen. Pera äußert sogar die Hoffnung, daß die Katholiken aus ihren verschiedenen Lagern ausbrechen und eine gemeinsame Identität entdecken würden. Wie schon der Philosoph Pera, so bezieht sich auch der Theologe Ratzinger auf den von Samuel Huntington namhaft gemachten „Kampf der Kulturen“. Er sieht weniger die Gefahr sich bekämpfender Religionen, sondern befürchtet einen Zusammenstoß zwischen einer „radikalen Emanzipation des Menschen und den bisherigen Kulturen, die um Werte wußten und wissen, die aus dem Ewigen kommen und nicht zur Disposition unserer Wünsche stehen“. Auch Kardinal Ratzinger sieht das Christentum als die Grundlage der modernen Aufklärung. Für ihn kommt die Welt aus der Vernunft, die daher auch ihr Maß und Ziel ist. So mahnt der damalige Kardinal zu einem seines Erachtens dringlichen Dialog zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen. Die Vernunft soll hierbei die gemeinsame Basis bilden. Zugleich macht der spätere Papst den Nichtglaubenden einen Vorschlag, den er auch als Benedikt XVI. mehrfach wiederholt hat. So wie man zu Beginn der Aufklärung begann, Forschung zu treiben, als ob es Gott nicht gäbe („etsi Deus non daretur“), so solle heute jeder versuchen, die Welt so zu gestalten, als ob es Gott gäbe („veluti si Deus daretur“). Hier spricht Ratzinger die moralische Verantwortung des Menschen an, die weitgehend verlorenging, als Europa seine Wurzeln verlor. Nicht nur in der Analyse der derzeitigen Krise Europas stimmen die beiden ungleichen Denker größtenteils überein. Sie gelangen auch beide zu ähnlichen Forderungen. Es gilt, die christlichen Werte zu erhalten. Der Kardinal hat dem Philosophen eine Brücke gebaut, indem er ihm einen Dialog zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen anbot, um die Wurzeln unserer Kultur zu retten. Marcello Pera hat den Vorschlag aufgegriffen und spricht von einer „nichtkonfessionellen Zivilreligion“, welche – auch wenn sie den Glauben an Gott ablehnt – das Christentum und dessen Werte verteidigt. Denn die absolute Profanität führt seiner Ansicht nach zu Leere und Unzufriedenheit. Eine interessante Zusammenarbeit bahnt sich an. Glaubenstreue Christen und aufgeklärte Atheisten sind sich einig, daß jene Werte wieder allgemeine Verbindlichkeit erlangen müssen, die – nach den Worten des heutigen Papstes – „Europa gebaut haben und es wieder neu bauen sollen und können“. Foto: Papst Benedikt XVI. beim Kölner Priesterseminar St. Pantaleon, August 2005: Die absolute Profanität führt zu Leere und Unzufriedenheit Joseph Ratzinger, Marcello Pera: Ohne Wurzeln. Der Relativismus und die Krise der europäischen Kulturen. Sankt Ulrich Verlag, Augsburg 2005, 157 Seiten, gebunden, 16,90 Euro

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