Der König des Sekundären hat abgedankt

Hans Marchwitza (1890-1965) war ein Arbeiterdichter. Sein Leben als Bergmann in oberschlesischen Gruben war so hart, wie seine Literatur unlesbar war. Die SED brauchte aber einen Vorzeigeproleten, der die Höhen der Kultur erklommen hatte, und Marchwitza ließ es sich – wer ist schon frei von Eitelkeit? – gefallen, werkelte weiter, ließ sich ehren. Dreimal erhielt er den Nationalpreis, zuletzt 1964, was „einer höhnischen Brüskierung der in der DDR wohnhaften Schriftsteller“ gleichkam. Der Satz stammt von Marcel Reich-Ranicki, der die bissigste, aber auch einfühlsamste und gerechteste Charakterisierung dieses heute vergessenen Autors verfaßte. Reich-Ranickis Aufsatz weist alle die Qualitäten auf, die sein Publikum lange an ihm schätzte: Belesenheit, Wortwitz, soziale und politische Empathie, menschliche Größe. Um so fassungsloser macht es, wie der mittlerweile 85jährige selber im Marchwitza-Stadium verdämmert. Martin Walser hat er „Bestialität“ im Verhältnis zu den Juden unterstellt, Ernst Nolte nannte er „eine trübe, ja verächtliche Figur der deutschen Zeitgeschichte“, und über den ehemaligen FAZ-Herausgeber Joachim Fest verbreitete er, daß er die NS-Zeit – man denke! – „relativiere“. Die Symptome der Eitelkeit und des herostratischen Größenwahns sind unübersehbar, was an der Unterwürfigkeit der deutschen Presse gegenüber dem „Kritikerpapst“ nichts ändert. Auch die „Zeitung für Deutschland“ hält ihn als Galionsfigur in Ehren und verbreitet den Eindruck, seine Injurien stünden mit dem Werk der von ihm Begeiferten auf einer Höhe. Geschäftsinn, Opportunismus und der Zwang zur politischen Korrektheit fließen zu einem klebrigen Gebräu zusammen. Vor allem aber geht es um Reich-Ranickis Rolle als Repräsentant und Speerspitze des Kulturbetriebs. Das ist der Ort des „Sekundären und Parasitären“, wo „Konsum von Ästhetik und politisch-gesellschaftliche Macht“ miteinander verflochten sind und der „Egalitarismus (…) das Überragende zu domestizieren“ sucht (George Steiner). Man muß also die Maßstäbe zurechtrücken. Walsers Meisterwerke – der „Tod eines Kritikers“ zählt nicht dazu – stehen für sich selbst und werden bleiben. Punktum. Ernst Nolte ist der bedeutendste deutsche Geschichtsdenker der letzten Dekaden. Es gibt keine Stelle in den Büchern Reich-Ranickis, die die Annahme gestatten, er könne sich an gedanklicher Tiefe und Komplexität mit Nolte messen. Für Joachim Fests Hitler-Biographie ist in der italienischen Presse gerade eine gigantische Werbekampagne angelaufen. Zwar ist sie als Geschichtswerk überholt, als deutscher Roman aber bleibt sie wichtig. Walser, Nolte und Fest haben Reich-Ranicki nicht oder nicht mehr nötig. Für den König des Sekundären sieht die Sache ganz anders aus. Zu Reich-Ranicki bleibt allenfalls noch zu sagen, was er vor 41 Jahren in nachsichtigen Sätzen über den alten Arbeiterdichter geäußert hat. Man kann sie sehr leicht auf ihn und auf die heutigen Umstände übertragen: „Natürlich handelt es sich nicht darum, Hans Marchwitza am Zeug zu flicken. Dem jetzt Vierundsiebzigjährigen sei der Wohlstand gegönnt und meinetwegen auch der Ruhm. Und nicht unsere Sache ist es, ihn zu belehren, daß man aus ihm einen Popanz gemacht hat.“ Sogar in den sozialistischen Bruderstaaten, fuhr Reich-Ranicki fort, sei eine derartige Propagandakomödie, die „bei gutgläubigen Lesern, zumal bei Jüngeren, zur katastrophalen Verwirrung der Kriterien führen“ könne, undenkbar, denn in Ungarn oder Polen gebe es „zumindest Reste eines literarischen Bewußtseins, einer literarischen Tradition und auch, trotz des Terrors, einer literarischen Öffentlichkeit. Gibt es das in der DDR überhaupt nicht mehr?“

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