Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Eingeholt

Für mich endete der Zweite Weltkrieg mit dem Weg in die russische Gefangenschaft. Es ist überhaupt keine Frage, daß ich das nicht als Befreiung empfunden habe. Am 8. Mai 1945 morgens um vier Uhr brach die 10. Fallschirmjäger-Division aus ihren Stellungen vor Brünn auf, um als Nachhut den Rückzug unserer Truppen aus Böhmen und Mähren zu decken. Ich war mit vielen meiner Kameraden im März 1945, nach Beendigung unserer Pilotenausbildung in Klagenfurt, zu dieser neu aufgestellten Division versetzt worden. Zum „Erdeinsatz“, wie es hieß, da zum Fliegen kein Sprit mehr vorhanden war. Den Befehl zum Rückzug als Nachhut hatte Generalfeldmarschall Ferdinand Schörner gegeben, der sich allerdings schon mit einem Fieseler Storch abgesetzt hatte. Ziel unserer Division sollte der Raum Pilsen sein, den die Amerikaner angeblich schon erreicht hatten. Wir waren damals noch in dem naiven Glauben, es sei besser, in amerikanische statt in russische Gefangenschaft zu geraten. Wir wußten ja noch nichts von den rheinischen Todeslagern an der Ahrmündung, vom berüchtigten „Feld des Jammers“ bei Bretzenheim an der Nahe oder von anderen US-Lagern, in denen Zigtausende deutscher Soldaten elend zugrunde gingen. Wir wußten jedoch auch nicht, daß die Russen an den Flanken unserer Division vorgestoßen waren. Das wurde aber klar, als wir Feindberührung bekamen. Der neue Befehl lautete: Die Division löst sich auf. Jeder soll versuchen, sich in kleinen Trupps nach Pilsen durchzuschlagen. So gelang mir mit einem Trupp von zehn Kameraden die weitere Absetzbewegung. Am frühen Morgen des 9. Mai erreichten wir, während der Nacht teils auf der Straße, nachdem wir uns einem größeren deutschen motorisierten Kampfverband angeschlossen hatten, Deutsch-Brod. Dort war dann das Ende der Fahnenstange. Denn wie im Märchen rief der Russe: „Ich bin schon da!“ Wir schlugen uns also wieder in die Wälder. Überall fanden wir Berge von Waffen, Verpflegung und sonstigem Material geschlagener deutscher Wehrmachtseinheiten. Was tun? Wir hielten Kriegsrat. Da begegnete uns ein deutscher Jude, der uns vor dem plündernden und mordenden tschechischen Pöbel warnte. Er riet, uns in russische Gefangenschaft zu begeben. Bis auf zwei Kameraden, die sich, nur mit einer Pistole bewaffnet, weiter nach Westen durchschlagen wollten, entschieden wir uns für die Gefangenschaft. Nachdem wir uns der Gasmasken, Stahlhelme und Waffen entledigt hatten, deckten wir uns mit Zucker, Konserven und Tabak, mit Decken und Zeltbahnen ein. So versorgt traten wir auf die Straße, auf der uns die Russen mit der üblichen Forderung empfingen: „Uhri, Uhri!“ Brav übergaben wir unsere Uhren, alles andere ließen sie uns. Nachdem sich eine größere Anzahl deutscher Soldaten eingefunden hatte, brachte uns eine russische Wachmannschaft in ein Stadion, das als provisorisches Auffanglager für deutsche Gefangene diente. Die russischen Soldaten verhielten sich zu unserer großen Verwunderung sehr korrekt. Offenbar waren sie froh, daß der Krieg für sie zu Ende war. Leutselig versicherten sie uns: „Damoi, damoi!“ („Nach Hause, nach Hause“). Wir hatten jedoch einige Zweifel. Vielleicht wollten sie uns an der Flucht hindern oder was auch immer. Jedenfalls waren wir ihnen dankbar, daß sie uns in das Auffanglager begleiteten; denn unter den an den Straßenrändern stehenden Tschechen befand sich auch Mob, der uns mit Steinen bewerfen wollte, was die Russen mit Erfolg verhindern konnten. Im Auffanglager verbrachten wir dann die erste Nacht in russischer Gefangenschaft, der noch viele folgen sollten. Fritz Hübner, Köln Foto: Ein deutscher Soldat ergibt sich der Besatzung eines amerikanischen Panzers

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