Glück und Leid der Dichtung

Müd, müd von alledem schrei ich nach Todesruh“ – dieser Verzweiflungsschrei des lyrischen Ichs in Shakespeares Sonett 66 weist unmittelbar auf die Spannung, die einen Großteil der Shakespeareschen Lyrik prägt. Denn die lange Liste der Klagen gegen jene von Jonathan Swift lamentierte Verschwörung der Idioten, die dem geistigen Menschen das Leben zu allen Zeiten zur Qual machen, wird in den letzten zwei Zeilen nur dadurch in ihrer entsetzlichen Wucht gemildert, daß die vom Sprecher geliebte Person als Rettungsanker angerufen wird: Müd, müd von alledem, würd‘ ich mich von der Welt befrein,/Ließ ich im Sterben nicht mein Liebstes ganz allein. Das Leiden an den fatalen politischen Zuständen der Welt ist das eine – daraus mag die Liebe den Dichter erretten; welche Rettung aber gibt es aus den in den Sonetten vielfach bezeugten Höllenqualen der Liebe selbst? Keine andere als die symbolische Überwindung des Leides durch die zugleich harte wie geschmeidige Form des Gedichts. Im Schreiben des Gedichts, mag es auch von der je konkreten Lebenserfahrung ausgehen, nimmt der Dichter sein eigenes Ich in eine Reflexion unter dem Blickwinkel der Ewigkeit hinein und macht damit sein Schicksal zu etwas für alle Menschen allgemein Gültigem, in dem sich auch die Heutigen spiegeln können. Shakespeares Sonette haben ihren mal mehr, mal weniger spürbaren existentiellen Untergrund in der vielfältigen erotischen und sexuellen Dimension des menschlichen Daseins, und viele seiner Leser haben über die Jahrhunderte ihre eigenen Erlebnisse in Liebesdingen im Spiegel der Sonette zu lesen versucht. Die unbestreitbare Tatsache, daß etliche der Sonette an einen (unbekannten) schönen jungen Mann gerichtet sind, hat zudem zu der heiß umstrittenen These geführt – wirkungsmächtig lanciert von Oscar Wilde in seiner Erzählung „Das Bildnis des Mr. W. H.“ -, Shakespeare sei homosexuell gewesen. Das hier einschlägige Sonett 20 läßt einen solchen Schluß jedoch keineswegs als zwingend erscheinen – weshalb etwa Wolf Biermann derb und recht frei übersetzen konnte: Mir kann dein kleines Ding da vorne gar nicht schmecken/Ich steh nun mal nicht auf verruchte Eskapaden. Andere glauben an den Nutzen einer Suche nach der „wahren“ Identität der berühmten „Dark Lady“, an die die späteren Sonette adressiert sind. Im Gefolge der Romantiker teilten viele den Irrglauben, damit den Schlüssel zum richtigen Verständnis der Sonette oder gar der Persönlichkeit Shakespeares in die Hand zu bekommen. Tatsächlich aber geht dabei der Blick gerade auf das Entscheidende, nämlich die Gedichte selbst, verloren. Zwar mag die ungeklärte Identität der Adressaten zur Popularität der Sonette beitragen – wirklich wichtig ist sie für eine ästhetische Würdigung mitnichten. So kann es auch kaum verwundern, daß diese Sonette mit ihre Mischung aus Rätselhaftigkeit und poetischer Kraft zur wohl meistübersetzten Lyrik aller Zeiten gehören – mehrere Gesamt- und Teilübersetzungen in die deutsche Sprache sind zur Zeit auf dem Markt, darunter solche von Stefan George, Paul Celan oder Christa Schuenke sowie jüngst die ebenfalls sehr lesenswerte des Architekten und Shakespeare-Liebhabers Günter Plessow. Der Frankfurter Anglist Klaus Reichert, 1983 mit dem Wieland-Übersetzerpreis ausgezeichnet (nach einem der ersten Shakespeare-Übersetzer in deutschen Landen), setzt nun diese illustre Reihe fort. Er ist durch seinen Respekt vor dem Text geradezu dazu prädestiniert, seine jahrzehntelange Auseinandersetzung mit dem Dichter in eine Übertragung der Sonette münden zu lassen. Denn Reichert hatte sich schon andernorts entschieden gegen die auf dem Theater grassierenden „Verwilderungen und blindwütigen Aktualisierungen“ der Shakespeareschen Texte ausgesprochen und für eine Geduld zur Sache plädiert, die „sich auf nichts anderes einläßt als die Texte selber“. Wird nun seine Übertragung der Sonette diesem hohen Anspruch gerecht? Neu an Reicherts Übertragung ist, daß er es wagt, auf etwas zu verzichten, worum sich sonst jede Übersetzung der Sonette bemüht – auf das Versmaß und den Endreim. Diese Entscheidung für den Verzicht auf die strenge lyrische Form wiegt schwer. Biermann versuchte noch, das Reimschema aufzunehmen, wählte zugleich aber eine entschieden derbe, freiere Lesart, deren anfänglicher Reiz indes leider bald verfliegt. Einer ähnlichen Gefahr entgeht auch Reicherts Übersetzung nicht immer. Deren Problem besteht darin, daß sie einerseits nicht Lesehilfe, aber auch nicht wortgenaue Übersetzung sein will, andererseits jambisch rhythmisierte „Prosagedichte“ anstrebt – daher denn auch die von Reichert selbst eingestandene Kompliziertheit seiner Sprache, die zum Teil noch über die des englischen Originals hinausgeht. Dies aber ist nicht überzeugend. Denn der Text Shakespeares wird so keineswegs klarer, manchmal auch unnötig abstrakt, wie im Sonett Nr. 1, wo Reichert übersetzt: Von schönsten Wesen wünschen wir ein Mehr; andere Übersetzungen zeigen deutlicher, daß es um Vermehrung im Sinne von Fortpflanzung geht. Daß Reichert über literarisches und poetisches Fingerspitzengefühl verfügt, zeigt sich bei seiner Übertragung zwar immer wieder an einzelnen Stellen; aber aufgrund seiner merkwürdigen, nicht wirklich lesefreundlichen Rhythmisierung, die bei den wichtigen Wörtern aussetzt, erscheint dies eher zufällig. Die Klappentext-Behauptung, dieser Übersetzung gelinge es, „feine und feinste Sinn- und Klangschichten zu retten“, kann man angesichts der insgesamt flau wirkenden Prosa nicht nachvollziehen. So bleibt diese Prosaübertragung bestenfalls, was sie selbst nicht sein will – eine Lesehilfe für das immer wieder faszinierende, nie wirklich zu erschöpfende Original. Holzstich um 1880 von William Shakespeare (1564-1616) William Shakespeare: Die Sonette – The Sonnets. Deutsch von Klaus Reichert, Salzburg: Jung und Jung, 2005. 335 Seiten, kartoniert, 24,90 Euro. Wolf Biermann: Das ist die feinste Liebeskunst. 40 Shakespeare-Sonette, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2004. 159 Seiten, Leinen, Euro 16,90 Kritik der Liebe. Shakespeare’s Sonnets & A Lover’s Complaint, wiedergelesen und wiedergegeben von Günter Plessow, Verlag Karl Stutz, 2003. 233 Seiten, Leinen, 18 Euro

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