Auf den polnischen Revoluzzer war Verlaß

Johannes Paul II. war ein Popstar, wird in sämtlichen Nachrufen betont. Man zählt fleißig auf, wie viele Länder er wie oft besuchte, daß die Strecke soundso viel mal reichte, um den Mond zu umrunden, wie viele Enzykliken er verfassen ließ und daß er sehr beliebt war bei den Jugendlichen. In Erinnerung ist seine lockere Art, das Telegene, die weltlichen Gedichte, sein Faible für Theater und Fußball und sein Eintreten für Frieden und Menschenrechte. Kein Nachruf vergißt vorsichtig zu erwähnen, daß dieser Papst auch eine konservative Seite hatte. Von reaktionärer Starrsinnigkeit wird gar gesprochen, die es ihm nicht ermöglichte, die Kirche Klarschiff zu machen für die Zukunft. Weil er sich nicht in allen Bereichen vor dem Zeitgeist verneigte. In drei wichtigen Bereichen blieb er dem katholischen Glauben treu: Priester sind nur Männer, die Familie besteht aus Mann, Frau und Kindern, sie entsteht mit dem Ehesakrament und ohne Verhütungsmittel, und Abtreibung ist Mord. Diese Pfeiler waren es, die ihn in den Augen der modernen Sozialingenieure als Stockkonservativen erscheinen ließen. Auch wenn die katholische Soziallehre zweifelsfrei Ausfluß der Dogmata sind, haben sie in dem Gesamtwerk der Kirche – der mystischen Braut Christi – eine untergeordnete Stellung. Viel wichtiger ist die Frage, was der Mensch zu tun und zu lassen hat, um das ewige Heil zu erlangen. Muß er an Christus glauben? Ganz bewußt? Muß er dazu Mitglied der „einen heiligen katholischen und apostolischen Kirche“ sein? Muß er regelmäßig an Feiern teilnehmen? Gibt es Priester, die „mehr“ können als die Laien? Kann man Gott physisch begegnen – etwa in dem heiligen Altarsakrament? In all diesen und vielen anderen Fragen dieser Art hatte die Kirche jahrhundertelang kristallklare Antworten, es gab kein Geschwafel, keine „Jeinerei“ – das Ja war ein Ja und Nein ein Nein. Sein Pontifikat war eine Zeit der Relativierung Das Pontifikat von Johannes Paul II. war hingegen eine Zeit der Relativierungen, der Entschärfung von Konturen. Er trat an, um das Vermächtnis seiner Vorgänger Paul VI. und Johannes XXIII. zu vollenden. Die Botschaft machte er durch seine Namenswahl umgehend publik. Die Aufgabe war, der Kirche die Prinzipien von „1789“ zu injizieren. An dem Zweiten Vatikanischen Konzil in Rom Anfang der 1960er Jahre, das zum unblutigen Sturm auf die Engelsburg werden sollte, hatte Karol Wojtyla als junger Bischof aktiv mitgewirkt. Er war im Bilde. Seine Auffassung von Gott und der Welt hatte sich an der „nouvelle théologie“ des Jesuiten Henri de Lubac SJ. orientiert, die sich wiederum um zwei Kernthesen kristallisierte: Fortschritt und Relativismus. Mit von der Partie waren der Jürgen Habermas der katholischen Kirche, der Theologe Theilhard de Chardin, und natürlich der unverzichtbare Modernist Karl Rahner. Der Jesuitenpater Rahner brachte das Konzept des „anonymen Christentums“ ins Spiel, wonach praktisch jeder Mensch unbewußt Christ ist und somit automatisch Anteil am Heil hat. Eine abenteuerliche Konstruktion, die dem Neuen Testament Hohn spricht. Sie entbindet die Kirche von der Missionstätigkeit, von jeder Art des Unterrichts, sie fordert keine gute Taten mehr, keine Reue, sie kennt keine Sünde und macht die Beichte überflüssig, wie auch den Priester und selbst den Gläubigen. Grassierender Priestermangel? Immer weniger Gottesdienstbesucher? Kein Wunder! De Chardins theologische Wurzeln, die auch bei Wojtyla zum früchtetragenden Baum werden sollten, liegen in noch bemerkenswerteren Schichten. De Chardins evolutionistisches Schlüsselkonzept der Noosphäre stammt von dem sowjetischen Kosmisten Wladimir Iwanowitsch Wernadskij (1863-1945) und gehört damit zu den dämonischsten Philosophien, die sich Menschen je ausgedacht haben. Wernadskij, ein Schüler des Begründers dieser Irrlehre, Nikolaj Fjodorowitsch Fjodorow (1828-1903), unterrichtete Anfang der 1920er Jahre an der Pariser Sorbonne unter anderem den Kumpel de Chardins, Eduard Le Roy, der den Begriff „Noosphäre“ erfand. Angeblich soll Le Roy auch Schüler Bergsons gewesen sein. Damit sind es aber nur noch wenige Schritte bis zum Hermetic Order of the Golden Dawn und der Hermetic Brotherhood of Luxor. Alles Hirngespinste? Vielleicht – vielleicht aber auch nicht. Politiker und Atheisten trauern aufrichtig um ihn Unbestreitbar ist, daß Johannes Paul II. eine Reihe von medienwirksamen Auftritten hatte, die nicht angetan waren, den katholischen Glauben zu stärken. Er küßte den Koran, betete in der Moschee von Damaskus, besuchte eine Synagoge in Rom, betete auch vor der Klagemauer in Jerusalem und veranstaltete mit dem Gebetstreffen von Assisi, bei dem sich alle möglichen Religionsführer „auf gleicher Augenhöhe“ austauschten, einen himmelschreienden Skandal. Der jüngste Coup, der außerhalb theologisch interessierter Zirkel praktisch nicht zur Kenntnis genommen wurde, bestand in der offiziellen Anerkennung einer Messe ohne Wandlungsworte. Es handelt sich dabei um das ostsyrische Hochgebet des Addai und Mari, daß nur vage „Anspielungen“ auf die für eine gültige Konsekration unerläßlichen Wandlungsworte beinhaltet. Wenn diese Richtung von Rom weiter beschritten wird, steht das gesamte katholische Priestertum und mit ihm die Realpräsenz Gottes in der heiligen Hostie zur Disposition. Progressisten bejubeln die Anerkennung bereits als endgültigen Bruch mit der überkommenen „Wortmagie“ am Altar, die den Weg frei mache zur „vollen Einheit der Schwesternkirchen“. Das UN-Weltparlament der Religionen läßt grüßen. Angesichts dieser noch lange nicht vollständigen Schreckensbilanz der Ära Wojtyla ist es nicht verwunderlich, wenn sämtliche Politiker dieser Welt den Tod des polnischen Revoluzzers aufrichtig beklagen. Auf ihn war Verlaß. Anstatt den Kommunismus feierlich – wörtlich – zu verurteilen und Rußland Maria zu weihen, wie es die Muttergottes von Fatima gefordert hatte, traf er sich mit den Führern der sozialistischen Terrorregime und lächelte sanft in die Kameras. Und: Ist es nicht merkwürdig, wenn bekennende Atheisten, die aktiv an einer Gesellschaft ohne Kirche und Gott arbeiten, um den trauern, der ihr radikalster Feind sein sollte?

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