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Frage und Antwort sind niemals eins

Religion ist alles und nichts zugleich. Weil die moderne Gesellschaft sich an die Stelle Gottes setzte, folgt uns sein Schatten jetzt überall nach. So ist die religiöse Frage zur universellen geworden. Das erzwingt separate Erkundungen. So beim Institut für Staatspolitik (IfS), das vom 9. bis 11. September dreißig Zuhörern in sieben Vorträgen ausgesuchte Aspekte aus dem Geflecht von Glaube-Wissen-Politik vorstellte. Den Abdruck der Referate sowie weiterer Stimmen wird eine Sondernummer der IfS-Zeitschrift Sezession im Oktober besorgen. Ehre, wem Ehre gebührt: Karlheinz Weißmann, Wegweiser und Moderator der Akademien, ist in zahlreichen Kulturwissenschaften zu Hause, wechselt mühelos von einem Spezialdiskurs zum andern und weiß Fakten in Resultate echter Erkenntnis umzubilden. Solche lieferte gleich seine Einführung in den „Nutzen der Religion“. Weißmann spannte seinen diskursiven Horizont weit aus, kommentierte die Säkularisierungsthese und ihre Erben. Nachdem der Tod der Religion sich nicht erfüllte, wird deren positiver Wert jetzt neu betont. Der Glaube, der Mensch und Gottheit fest verbindet, erscheint als „konservative Instanz ersten Ranges“ – Garant für soziokulturelle Kohärenz. Bloß fraglich, wie’s weitergeht, hat die moderne Gesellschaft Gott doch systemisch zur „Funktion“ entwertet und seiner strukturellen Kraft beraubt. Wie Integration herstellen in ausdifferenzierter Gemeinschaft, wie die widersprüchlichen Funktionsbereiche zusammenführen im „großen Ganzen“? Die menschliche Person, entwertet zur Restgröße, wird freilich „individualistisch“ reagieren. Individualismus, Pluralität, Säkularismus sind alle eins. Das fördert Banalisierung, aber auch Entscheidungen und Aufbrüche. An sie knüpfte Georg Alois Oblinger an, der im 21. Jahrhundert den modernen Atheismus enden sieht. In seinem Panorama einer „Zukunft des Christentums“ konstatierte der katholische Pfarrer das Ende der Volkskirche, auch habe Liberalisierung den Glauben bloß geschwächt. Von den Stichworten: Sehnsucht nach Bindung, Werten, Spiritualität und Sakralität aus verdeutlichte er den Epochenwandel, der vom sozialen Aktionismus der 1960er und 1970er heute in kontemplative Vertiefung führt. Katholische Charakteristika wie: Liturgie, Symbol, Andacht, Heilige und Wallfahrten werden neu belebt, karitative Orden schrumpfen, geistliche erhalten Zulauf. Hier entspringt die Ablehnung einer „selbstsäkularistischen Kirche der Beliebigkeit“ und die neue Forderung nach „unverwechselbarer Identität“. Die moderne Karriere des Identitätsprinzips stimuliert kontroverstheologisch die Weichenstellung hin auf ein kommendes Zeitalter klarer Profile, deutlicher Trennung und streitbarer Abgrenzung. Konflikt liegt in der Luft, drängt zur politischen Strategie. Alternativ dazu begegnet der Entzweiung von Gott und Welt, Glauben und Wissen die Mystik als Denkform und Frömmigkeit. Die filtert Einheit im antagonistischen Tohuwabohu, geht aus von Einzelheit und Dualismus, strebt nach dem absolutem Punkt. Historisch prägt sie den inklusiven Monismus Indiens, der die mosaische Differenz abweist. Religionen widerlegen sich nicht, sie ergänzen sich. „Jede Religion beschäftigt sich mit einem Teil der universellen Wahrheit“ (Vivekananda). Komplementär geht die Wendung nach innen. „Denn im Inneren finden wir das alle Menschen zutiefst Verbindende, das in zahllosen Ausdrucksformen immer dasselbe Eine ist“ (Hakl). In diesem Sinn gehen Mystik, Hermetik, Traditionalismus parallel. Das zeigt auch Mircea Eliades Werk, über das Winfried Knörzer sprach. „Eliades Begriff des Heiligen“ als Seinsprinzip antwortet kulturkritisch moderner Entfremdung und konzipiert die höchste Idee als Kategorie intensiver Erfahrung. Von der aus hat die traditionale Welt sich polarisiert – nach dem Kode „heilig/profan“. Erst dessen Raum und Zeit strukturierende Ordnungsfunktion verlieh der Wirklichkeit Sinn. Anders als Rudolf Otto rekonstruiert Eliade Sakralität „realistisch“ über Symbole und Mythen, die dialektisch Wesen und Erscheinung binden. Seine Seinslehre qualifiziert die Logik des Mythos als Absolutum: Aufgehoben in ihm sind alle traditionellen Glaubensformen, transzendiert ist die Linie der Geschichte. Dem Christentum wird diese mythische Auskunft einer „ewigen Wahrheit“ und „universellen Erfahrung“ nicht genügen. So suchten Protestanten, die im 19. Jahrhundert den Verfall ihrer Konfession erlebten, nach spezifischen Antworten religiöser Umgründung: Bei schwindender „Weltfrömmigkeit“ boten sich an die Konversion, Atheismus und „Übermensch“, die Hinwendung zu asiatischen Meditationsformen oder die „Kunstreligion“. Deutsche Romantiker hatten dies Projekt der neuen Mythologie entwickelt. Der geniale Künstler soll die neue Mitte stiften und existentielle Transformation anregen, Kultur die progressive Entgöttlichung stoppen. Ein esoterisches Geschäft, blickt man auf Novalis, Skrijabin, George! All das erläuterte Siegfried Gerlich am Musikdrama Richard Wagners, der gewaltigsten Umsetzung des romantischen Projekts. Der Einzelne verwandelt durch die Heiligkeit der Musik, dem profanen Alltag entrückt, in sein wahres Wesen gebracht! Gerlich verdeutlichte dies exemplarisch am Erlösungsmythos des „Parsifal“. Parallel zu romantischer Einweihung gewann die idealistische Philosophie ihre universale Kraft im Durchbruch zu Gott zurück. Hegel erklärt, nicht der Allmächtige verhindere das Erkennen seiner, höchstens der Mensch selbst. Der verschanze sich in seiner „Endlichkeit“. Doch ist es nicht die „sogenannte Vernunft und ihre Schranke, welche Gott erkennt, sondern der Geist Gottes im Menschen. Es ist Gottes Selbstbewußtsein, welches sich im Wissen des Menschen weiß.“ Doch ist die Philosophie rasch fortgeprescht, hat auf „Verwissenschaftlichung“ und Reduktion gedrängt – zu eitler Fachwissenschaft, in öffentliche Bedeutungslosigkeit. Mit der Negativität totaler Skepsis ist der äußerste Punkt des cartesianischen Zyklus nun erreicht. Borniert verkennt man die Dekadenz des Vernunftbegriffs. Erst „Nach dem Nihilismus“ wird anstelle leeren Fragens das Antworten sich wieder als des Menschen schöpferischer Auftrag im Kosmos zeigen! Die in Begründungsfragen sich erschöpfende Kulturperiode ist abgelaufen. Vom alten Kritizismus zeigt leider auch Erik Lehnert sich noch beeindruckt. Auf den Bahnen Weischedels („Der Gott der Philosophen“) fragte er nach dem „Glauben der Philosophie“; sprach kenntnisreich zu deren Tradition und Gegenwart. Erst der Metaphysikzerfall hat „Religionsphilosophie“ hervorgebracht. Kants „Rettungsversuch“ verlief indes fatal, setzt er doch Gott als Postulat der praktischen Vernunft. Damit war Religion zur bloßen Moral verkürzt. Wichtig Lehnerts Pointe vom Freiheitspotential der Transzendenz: Religiös durchbricht sie den Filz kausaler Verstrickung. „Anti-Cartesianismus“ transportierte auch Angelika Willigs Generaleinwand gegen das Auslaufmodell westlicher Rationalität und ihre bittere Frage nach dem (Un-)Sinn reflexiver Endlosschlaufen. Eine Granate, die einschlug. Denn auch den Institutsleitern bleibt das Problem der Umsetzung „spielerischer Intellektualität“ in „existentielle Verbindlichkeit“ der quälende Stachel im Fleisch. Wesen und Erscheinung, Frage und Antwort sind niemals eins. Stets vermittelt, ist doch die Relation heute strikt sozialisiert. Institutionen: Wissen, Politik, Medien als überkomplexe Systeme mit offenem Ausgang breiten sich wuchernd aus. Sie schneiden Wahrheit von unbedingter Geltung, den Einzelnen aber vom Orientierungsbedürfnis ab, derweil die Inhalte im uferlosen Diskurs abdriften. Massendemokratie und Mediengesellschaft lassen nur Relatives gelten, verhindern das Unbedingte. Heil dem Gedanken, der diese liberale Kontingenzmaschine unterläuft, statt strukturell sie zu verschärfen! Doch bleibt ein intellektuelles Dilemma. Nach dem ergiebigen Thema der „politischen Theologie“ und „politischen Religionen“ (Till Kinzel) schloß Weißmann mit einem großen Referat über „Islam und Rechte“. Seine sorgfältige Durchmusterung zahlreicher Positionen von Nietzsche bis zur Eurasischen Bewegung dokumentierte einmal mehr die ideologischen Verwerfungen und weltanschaulichen Austauschbeziehungen der Gegenwart. Mit einer Identitätsbeschwörung von Christentum und Europa klang die beziehungsreiche Tagung aus. Bild: Albrecht Dürer, Hände des Papstes und eines Apostels (1506): Freiheitspotential der Transzendenz Weitere Informationen: Institut für Staatspolitik, Rittergut Schnellroda, 06268 Albersroda, Tel./Fax: 03 46 32 / 9 09 42

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