Joachim Kuhs

 

Spielfreudig

Vierzig Jahre Status Quo bedeuten: 120 Millionen Tonträger, fünfeinhalbtausend Liveshows auf der ganzen Welt – und vor allem natürlich vierzig Jahre lang jene drei Akkorde, auf deren Basis die verbliebenen Urmitglieder Francis Rossi (voc, git) und Rick Parfitt (git), die sich 1965 erstmals trafen, mitsamt ihren später zur Band gestoßenen Begleitern Andrew Bown (key), John Edwards (b) und Matt Letley (dr) ihren knalligen, dampfenden Boogierock zelebrieren. Obwohl ihre musikgeschichtliche Bedeutung in den 1990er Jahren rapide zurückging und sich ihre weiterhin fleißig veröffentlichten Alben weitaus schwächer verkauften als in den zwei Dekaden zuvor, sind Status Quo bis heute nicht aus der Rockszene wegzudenken. Als die Boogierocker im Herbst 1990 aus Anlaß ihres 25jährigen Bühnenjubiläums in dem hochgelobten (und zugleich kommerziell ertragreichen) Medley „The Anniversary Waltz“ insgesamt 16 Rock’n’Roll-Standards der fünfziger und sechziger Jahre miteinander verschmolzen, brachte dies die Altrocker auf die Idee, sich auch künftig immer wieder mal allseits bekannter Rock- und Popklassiker anzunehmen und sie im spezifischen Quo-Sound einzuspielen. 1996 avancierte nach diesem Muster eine Neufassung des Beach-Boys-Surfhymnus „Fun, Fun, Fun“ zu einem einträglichen Hit. Und noch auf ihrer letzten CD „Riffs“, erschienen im Winter 2003/04, knüpften sich die fünf Briten so unterschiedliche Evergreens wie „I fought the Law“ (Bobby Fuller Four, 1966), „Don’t bring me down“ (E.L.O., 1979) oder das Bluestraditional „Tobacco Road“ vor, kleideten sie in das unverwechselbare Quo-Gewand und garnierten diese Sammlung mit kessen Neueinspielungen ihrer eigenen größten Hits von „Whatever you want“ bis zu „Rockin‘ all over the World“. Zu ihrem 40jährigen Bandjubiläum, das Status Quo in diesem Herbst zusätzlich mit einer umfangreichen Deutschlandtournee feiern, gönnen sich die teilweise schon über 60jährigen Vollblutmusiker nun wieder eine Scheibe mit Eigenkreationen. Wie anzunehmen war, bieten der geradlinige Rock’n’Roll und die gewohnten Blues- und Boogieanleihen die unverrückbare Basis der 13 neuen Kompositionen, die am 19. September von der britischen Company Sanctuary auf dem 55minütigen Album „The Party ain’t over yet …“ veröffentlicht werden. Allen Vorurteilen und Erwartungen zum Trotz experimentieren die ergrauten Herren jedoch auf dieser Grundlage plietsch und frech vor sich hin und zeigen vollkommen neue Facetten. So ergänzen (vom Synthesizer erzeugte) schottische Dudelsackklänge den schnittigen Titelsong, nächtlich-urbane Fragmente gibt’s in der Mid-Tempo-Ballade „This is me“ ganz zum Schluß zu hören. Dazwischen finden sich Dampfhammer-Boogie („Gotta get up and go“, „You never stop“), schnörkelloser Rock’n’Roll („All that counts is Love“, „Velvet Train“), Folkmelodien („Familiar Blues“), aufregend aufgeregter Großstadtrock („The Bubble“) oder von kreischenden Slidegitarren geführter Südstaaten-Blues („Belavista Man“). Fröhliche Country-Einsprengsel zieren den Poprocker „Nevashooda“, „Goodbye Baby“ ist ein knackiger Abschiedskracher in Chuck-Berry-Manier. Noch vor zehn, fünfzehn Jahren hätte man diese ansprechende Lust am Ausprobieren, diese sympathische, jugendlich-frisch wirkende Sprunghaftigkeit kaum für möglich gehalten. Die Balance zwischen Geliebtem und Gewohntem auf der einen und unerwarteten Verfeinerungen und sachten Veränderungen auf der anderen Seite macht dieses Album besonders beachtenswert. Für das Rock’n’Roll-Altersheim sind Status Quo definitiv noch viel zu jung, zu spielfreudig, zu kraftvoll und zu lebenslustig!

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