Dreck am Stecken

Während im geschichtlich einseitig fixierten Deutschland das Thema Vertreibung noch seiner adäquaten cineastischen Darstellung harrt, ist man in anderen Ländern bereits weiter mit der Aufarbeitung jener vielen Schrecken des 20. Jahrhunderts. Die 1960 geborene türkische Architektin und Filmregisseurin Yesim Ustaoglu hat sich in ihrem neuesten Film mutig eines dunklen Kapitels ihres Heimatlandes angenommen. Die Geschichte spielt in der Türkei des Jahres 1975. Die 60jährige Ayshe (Ruchan Caliskur) lebt mit ihrer älteren, gebrechlichen Schwester in einem anatolischen Fischerdorf. Als die Schwester während einer Volkszählung stirbt, verstärkt sich Ayshes Gefühl der Verlassenheit. Nur zum zehnjährigen Nachbarsjungen Mehmet (Ridvan Yagci), der sie einer Großmutter gleich verehrt, unterhält sie eine wirklich enge emotionale Bindung. Mehmet treibt sich auch gerne mit dem jungen Vagabunden Chengiz herum, dessen kommunistischer Vater ins Ausland verschwunden ist. Zu einer Hochzeitszeremonie begeben sich Ayshe und die anderen Dorfbewohner traditionell in eine kleine, nur zu diesem Zweck gelegentlich bewohnte Hochlandsiedlung. Doch Ayshe kapselt sich dort zunehmend ab, weigert sich gar, wieder ins Dorf mit den anderen zurückzukehren. Ein düsteres Geheimnis scheint sie zu umwehen, und die Trauer um ihre Schwester mischt sich mit einem tiefen Empfinden von Isolation. Die Dorfbewohner geraten ins Tratschen, erst recht als der Fremde Tanasis (Dimitri Kaberidis) auftaucht. Ist sie gar wirklich eine „Ungläubige“? Durch ein Gespräch mit Tanasis wird sich Ayshe der wahren Ursache ihrer Lebensunlust bewußt. Tanasis und die alte Frau teilen dieselben ethnischen Wurzeln, und diese liegen in Griechenland. Auf Ayshe lastet das Schuldgefühl, einst als Zehnjährige ihren jüngeren Bruder im Stich gelassen zu haben. Statt ihm bei der Deportation nach Griechenland zu folgen, entschloß sich das junge Mädchen damals, ihre Identität zu verleugnen und in der Sicherheit einer türkisch-muslimischen Adoptivfamilie zu bleiben. Die alte Frau begreift nun, daß sie nach Griechenland reisen und ihren Bruder suchen muß. „Waiting for the Clouds“ beschäftigt sich mit dem politisch heiklen Thema der Zwangsumsiedlung türkischer Griechen und pontischer Christen nach dem Ersten Weltkrieg. Hunderttausende waren davon betroffen und siedelten sich danach zumeist im Gebiet des griechischen Thessaloniki an. Im Gegenzug wurden auch Türken aus Griechenland nach Asien ausgesiedelt. 1994 legte das griechische Parlament den 19. Mai als Gedenktag des türkischen Völkermords an den pontischen Griechen fest. Die Griechen behaupten, daß ihre Landsleute zwischen 1916 und 1923 Opfer einer systematischen politischen Ausrottungsstrategie wurden. Schätzungen gehen davon aus, daß während der organisierten Evakuierung im Winter 1916 zwischen 350.000 und 500.000 pontische Griechen bei der wochenlangen Reise an Kälte, Hunger und Krankheit gestorben sind. „Waiting for the Clouds“ spielt an den Originalschauplätzen der historischen Ereignisse. Bei der Beschäftigung mit der Thematik, Archivbesuchen und Treffen mit Zeitzeugen stieß die Regisseurin in ihrem Land auf wenig Sympathie. „Die Intellektuellen stehen dem Thema mit der gleichen Ignoranz gegenüber wie der kurdischen Problematik“, weiß sie zu berichten. Es regiere das große Schweigen. Trotz ihrer politischen Kritik ist „Waiting for the Clouds“ aber keine Anklage, sondern ein stiller Film, in dem es um Versöhnung mit sich selbst und der Vergangenheit geht, um Identitätssuche durch innere Einkehr. Er spielt in fast archaisch erscheinenden Landschaften, am Meer unter klarem Sternenhimmel, auf wolkenverhangenen Steilwegen, in der Weite einer kargen Berglandschaft. Die wettergegerbten, früh gealterten Gesichter der Bauernfrauen zeugen von einem einfachen, entbehrungsreichen Leben. Abgesehen von den Hauptfiguren wurden alle Rollen mit einheimischen Laien besetzt. Ustaoglu plädiert einerseits für die Rückbesinnung auf kulturelle Wurzeln, wendet sich andererseits aber gegen die Idee einer einheitlichen Nation, wie sie zum Beispiel in der Türkei, aber auch in Frankreich gelehrt wird. Diese Kritik am integralen Nationalismus, der stets die mehr oder minder stark ausgeprägte Tendenz beinhaltet, andere Kulturen eliminieren zu wollen, ist allerdings auch vor Einseitigkeiten nicht ganz gefeit. Anhänger des türkischen Nationalismus werden in dem Film nur als überstrenge Pauker und randalierende Trunkenbolde überzeichnet, kommunistische Exilanten hingegen mit dem Nimbus feingeistiger Humanisten versehen, als ob diese Leute nicht auch genug Dreck am Stecken gehabt hätten. Trotz dieser fragwürdigen Tendenz ist Ustaoglu ein Film gelungen, der sehr nahegeht, gerade wenn man den hiesigen Umgang mit Vertriebenen und auslandsdeutschen Minderheiten kennt.

EIKE-Konferenz Wissenschaftlich gegen den Klimairrsinn!
Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles