Joachim Kuhs

 

Bethlehem unter dem Vesuv

Die Menge schiebt sich an diesem strahlenden Dezembertag nur schrittweise durch die Via San Gregorio Armeno, im Herzen der Altstadt von Neapel. Hier, in diesem italienischen Krippenhaus-Viertel mit dem Grundriß eines Kreuzworträtsels, wo die Häuser aneinanderkleben wie Waben, wo man den blauen Dezemberhimmel nur zipfelweise erspähen kann, weihnachtet es das ganze Jahr über. Hier ist immer Bethlehem unter dem Vesuv. Nirgendwo auf der Welt wird das Krippenwunder so inbrünstig und platzend vor vitaler Volkslust präsentiert wie in Neapel. Das heißt mit viel Krach und Lärm, mit dudelnder Weihnachtsmusik, zuckenden Neonlichtern, mit in allen Farben glitzerndem Weihnachtsschmuck und vor allem mit Krippen, Krippen samt all ihrem Zubehör.

Ein ganzes neapolitanisches Viertel mit seinen Einwohnern lebt, arbeitet und spielt hier zu jeder Jahreszeit Weihnachten. Es ist die Welt der Krippen. Neapolitanischer Geschäftssinn und sentimentale Weihnachts- und Kindheitserinnerungen gehen hier Hand in Hand. Die Krippenmacher sind längst eine mächtige Kaste in Neapel. Die Geschäfte scheinen gut zu florieren, wenn man sieht, wie Einheimische und Fremde kaufen.

Doch die Capuanos – Vater Vincenzo und Sohn Luciano, beide sind wahre "maestri d’arte presepiale" – stimmen ein Klagelied an. "Der Verkauf läuft in diesem Jahr schleppender als zu den Vorjahren", klagen sie. Die Familie ist seit 1840 in der Krippenbaukunst tätig und eröffnete bereits im 18. Jahrhundert ihre Werkstatt in dieser Straße. Seitdem lebt die Familie vom Krippenbau. Vom Großvater auf den Vater und vom Vater auf den Sohn wird die Kunst immer weiter vererbt. "Eine Schule haben wir nicht besucht", verkünden sie stolz. "Mein Vater zeigt mir, wie man die Krippen baut, und auch ich werde eines Tages meinem Sohn dieses Wissen überliefern", so Luciano.

Die Familie Capuano ist besonders auf Hirtenfiguren spezialisiert. Während die Männer der Familie aus Terrakotta die Figuren formen, sind es die Frauen, die die Krippenfiguren anziehen. Nach uralten Vorbildern werden die Gewänder aus Baumwolle und Seide geschneidert. Aber die Capuano-Männer bauen natürlich auch die Krippen. Während Mutter Luciana in dem kühlen Kellergewölbe zum Hof hinaus auf einem kleinen Herd die mittäglichen Spaghetti für die Männer kocht, Tochter Elvira die Kleider näht und den Verkauf regelt, arbeiten Vater, Sohn und Schwiegersohn an Krippen. Alles geschieht unter den segnenden Händen der heiligen Patrizia, deren gewaltiges Bildnis in der Werkstatt hängt.

Aus Holz, Kork, Ton und Marmor werden die Krippenbauten hergestellt. Bereits in diesen kleinen Interieurs manifestiert sich die überbordende Lust des neapolitanischen Barocks bis auf den heutigen Tag. Auf diesen Brückenbühnen, die im Hofe stehen, gurgeln und rauschen Brunnen und Bäche, drehen sich kleine Mühlen von Motoren angetrieben, Feuer flackern auf, und auch im Ofen glüht roter Feuerschein, um winzige Brotlaiber und natürlich Pizza zu backen.

Die Phantasie der Neapolitaner scheint grenzenlos, besonders was das Kulinarische betrifft. Aus Keramik geformt, sieht man winzige Knoblauchbündel, Kohlköpfe, grüne und rote Paprikaschoten, Schinken, Würste und Schweinsköpfe und Fische aller Art. All diese Miniaturköstlichkeiten finden sich in den Krippen. Es sind wahre Meisterwerke, die hier entstehen.

Luciano Capuano lacht und freut sich, wenn die Fremden staunend vor seiner Krippen-Wunderwelt stehen. Der größte Krippen-Rohbau im Hof erreicht eine Höhe von 1,50 mal 1,50 mal 100 Zentimeter. Es ist eine Auftragsarbeit und kostet 4.000 Euro. Zwei Wochen lang waren die beiden Krippenmeister damit beschäftigt.

Ein Leben lang sammelt und kauft eine neapolitanische Familie neue Figuren und Accessoires zu ihrer Krippe und vergrößert sie von Generation zu Generation. Heute beherrscht das Volk die Kunst des Krippenbauens, die einst nur den Herrschern und dem Adel vorbehalten war. Denn daß der heilige Franziskus die Krippe an Weihnachten 1223 "erfunden" haben soll, ist eine hübsche Legende.

Unbestritten ist dagegen, daß der Bourbonenkönig Karl III. im 18. Jahrhundert mit seiner "Krippenverrücktheit" für eine beispiellose Blüte des Handwerks sorgte. Dieser Herrscher verbrachte seine Vorweihnachtszeit am liebsten an der Drehbank, um Krippenmobiliar zu schreinern. Unterdessen nähte seine Gemahlin Maria Amalia von Sachsen mit ihren Hofdamen fleißig die Kleidung für die Krippenfiguren. Aus dieser noblen Passion wurde für andere ein Beruf: Stukkateure, Bildhauer, Juweliere und Maler arbeiteten an den Bourbonenkrippen. Das religiöse teatro statico wurde zum Statussymbol des neapolitanischen Adels.

Im Geist der Aufklärung wurden dann die Krippen ins Museum verbannt, wo man sie heute noch bewundern kann. Die Krippenbegeisterung des Neapolitaner blieb, allerdings wurden die Materialien billiger, statt Holz nahm man Ton, statt Brokat Baumwolle. Das höfische Vorbild vor Augen, strebte das Volk nach der eigenen Krippe und schuf sich so sein volkstümliches Weihnachtsspektakel.

Zu einer echten neapolitanischen Krippe gehören elf Figuren, während die Zahl der Hirten unbegrenzt ist. Unverzichtbar sind Figuren wie Beninio der Schäfer, Pulcinella, die mitunter eine Pizza auf der Hand trägt, ferner Ciccibacca auf dem Faß, die Zigeunerin und natürlich Ochs und Esel. Die heilige Familie thront immer leicht erhöht in diesem überbordenen Kaleidoskop süditalienischen Lebens. Über dem heiligen Paar, Maria und Josef, schweben und jubilieren Engelscharen.

Natürlich versuchen manche Krippenbauer mit der Zeit zu gehen und versammeln Filmstars und Politiker um die Krippe. Wer sein tönernes Abbild hier findet, ist auf dem Gipfel der Popularität. So trifft man ebenso auf die Tonfigur von Ministerpräsident Berlusconi wie auf die seines Herausforderers Romano Prodi, beide als Hirten friedlich vereint. Auch Osama bin Laden reitet auf einem Elefanten zur Krippe.

In diesem Jahr gesellt sich erstmals die Figur von Antonio Fazio, dem mächtigen Bank-Gouverneur Italiens, in die Schar der Anbetenden. Er stand wochenlang wegen dubioser Bankenfusionen in den Schlagzeilen. Zu Werbezwecken schwebte seinerzeit auch Prinzessin Diana als Weihnachtsengel am Krippenhimmel. Doch sie blieb ein Ladenhüter.

Die Capuanos reagieren eher abweisend auf diese neuen Krippenmodelle. "Nein", sagt Vincenzo, "unsere Familie lehnt eine Aktualisierung und Politisierung der Krippe ab. Wir bleiben bei unseren einfachen anbetenden Hirten."

Fotos: Hauskrippe mit Anbetung der Hirten (Giuseppe Sammartino zugeschrieben, Neapel, Mitte des 18. Jahrhunderts, Ausschnitt): Einst Spielzeug des Adels, heute Ausdruck von überbordender Volkslust

Die Vielfalt italienischer Weihnachtskrippen ist bis zum 29. Januar 2006 in der Sonderausstellung "Gloria in Excelsis Deo" im Potsdam-Museum, Benkertstr. 4, zu bestaunen.

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