Tod eines Meisters

Es gibt eine Sorte von Künstlern, die einfach nicht aus dem Leben wollen. Auch der Fotograf Henri Cartier-Bresson hätte es fast auf ein Jahrhundert gebracht, doch nahm ihn der Tod am Montag, dem 2. August, in seinem 95. Lebensjahr in Cèreste im Südosten Frankreichs. Schon zwei Tage später ist er auf dem Friedhof von Monjustin unter Ausschluß der Öffentlichkeit beigesetzt worden. Diese Zurückhaltung entsprach dem menschenscheuen Wesen des Fotografen, das ihn dennoch nicht davon abhielt, sich in der ganzen Welt ins Getümmel zu stürzen, um reiche Bildbeute heimzubringen. „Es ist sehr angenehm, berühmt zu sein, aber nur unter der Bedingung, daß man unerkannt bleibt“, achselzuckte er einmal. Am 22. August 1908 in Chanteloup als Sohn eines vermögenden Textilfabrikanten geboren, wandte sich Cartier-Bresson zunächst der Malerei zu, die er 1927/28 bei André Lothe in Parsis studierte. Erst Anfang der dreißiger Jahre begann er zu fotografieren, mit einer Leica-Kamera. Bald folgten erste Ausstellungen in New York und Madrid. In den USA widmete er sich eine Zeitlang dem Film, arbeitete als Produktionsassistent für Jean Renoir und drehte eine Dokumentation. Während des Zweiten Weltkriegs geriet Cartier-Bresson in deutsche Gefangenschaft, aus der er 1943 nach drei Jahren fliehen konnte. Später schloß er sich dem Widerstand an und ging nach Paris, um dort Szenen der Befreiung im Bild festzuhalten. Nach dem Krieg, 1947, gründete er zusammen mit Robert Capa, David Seymour und Georges Roger die Fotoagentur Magnum. In den folgenden Jahren reiste Cartier-Bresson quer durch die Welt: Indien, China, Indonesien, die Sowjetunion, später Kuba, Mexiko, Japan. 1981 erhielt er den großen Preis für Fotografie der Republik Frankreich. In seinen ausschließlich schwarzweißen Aufnahmen waltet stets eine geometrische Komposition, die vom schwarzen Rand des Negativendes zusammengehalten wird, der so die Authentizität der Szenerie verbürgt. Was während der Aufnahme im Sucher erschien, ist genauso ins Bild gestellt. Cartier-Bresson hat einmal die drei Gesetze seiner Arbeitsweise offenbart: Er ließ sich vom Zufall leiten, versuchte den Moment der größten Verdichtung einer Szene im „entscheidenden Augenblick“ zu erhaschen und gestaltete das Bild gemäß geometrischen und bildnerischen Regeln. Beispielhaft dafür ist die berühmte Aufnahme des am Gare Saint-Lazare über die Pfütze springenden Passanten von 1932. Der Bildjäger hatte hinter einer Bretterwand gewartet und den Springenden, dessen Spiegelbild sich im Wasser wiederholt, in der Schwebe, kurz vor dem Antippen der Wasserfläche erwischt. Im Hintergrund erscheint auf einem Zirkusplakat eine ebenfalls springende Tänzerin wie eine Parodie des Fußgängers. Soviel Szenerie ist kaum zu planen, und hier hatte offenbar das Unterbewußte als Fortunas Gehilfin seine Hände im Spiel. Cartier-Bresson muß ein wenig wie ein Revolverheld fotografiert haben, der aus der Hüfte schießt. So spektakulär seine jägerhafte Aufnahmeweise des unauffälligen Anschleichens und blitzschnellen Herausreißens eines Bildes, so klassich wirkt der Bildeindruck seiner Fotos durch die Einfachheit ihres Ausdrucks und die Sparsamkeit der Mittel, wie man an Raffaels Werken studieren kann. Und so muß man bei der Betrachtung der schwarzweißen Bildräume Cartier-Bressons eine Portion eigener Imaginationskraft beisteuern. Viele seiner Bilder wurden zu Ikonen der Fotogeschichte des 20. Jahrhunderts. Das wurden sie, weil sie neben ihrer bildnerischen Qualität gleichzeitig Zeitdokumente sind, in denen sich historische Ereignisse verdichten. Das Zeitdokument bleibt bestehen, selbst in der Amateuraufnahme. Eine weitere Qualität seiner Fotografien liegt in der Abwesenheit jeglicher Ideologie, was ihnen eine gewisse Überzeitlichkeit verleiht. „Ich habe meine Arbeit nie in den Dienst einer Idee gestellt. Ich verabscheue Thesenbilder (images à these). Es ist das Unterbewußte, daß man arbeiten lassen und respektieren muß. Etwas denken zu wollen – nein, nein und nein!“ Diese Haltung trug er schon im vergangenen Zeitalter der Propaganda in sich. Das machte ihn so unbestechlich. Foto: Henri Matisse: „Etwas denken zu wollen – nein, nein und nein!“

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