Schweiß auf der Stirn

Er ist das ungeheuerste, den wir so ganz übersehen haben. Er nimmt den Sattel eines Berges in sehr großer Breite ein, steigt ununterbrochen herunter, bis unten im Tal die Rhone aus ihm herausfließt.“ Auf seiner Reise durch das Schweizer Wallis im Jahr 1779 überschritt Goethe mit diesen sowohl ehrfürchtigen wie begeisterten Worten den gewaltigen Rhonegletscher am Furkapaß – im frischen Novemberschnee, der ihm bis zum Bauch reichte. Und die Ausmaße dieser Eiszunge sollten in den folgenden siebzig Jahren sogar noch gewaltiger werden. Doch seit 1850 zieht sich der Gletscher, der in den Eiszeiten das Tal der Rhone bis Lyon ausfüllte, immer weiter „in rauhe Berge“ zurück. Heute gelangt man vom Panoramahotel Belvedere an der Paßstraße über einen schmalen Weg durch Felsen und Schutt zum Jahr um Jahr weiter zurückweichenden Gletscherrand, dessen dunkelgrau-schmutzige Oberfläche in Sommerzeiten kaum noch wohlige Kühle vermitteln kann. Ein Schild wenige Meter vor der Eiskante markiert den Eingang zur Eisgrotte, der 1996 für die Touristen an dieser Stelle in den Gletscher getrieben wurde. Der vormals meterdicke Eispanzer hat hier seinen jahrtausendealten Aggregatzustand bereits in frisches Rhonewasser verwandelt. Als solches wurde es in den vergangenen acht Jahren ins Mittelmeer gespült. 2004 muß der Besucher vom Schild folglich noch einen weiten Weg zur jeden Sommer weiter bergaufwärts gegrabenen Grotte auf sich nehmen. Nirgendwo läßt sich in direkter Nähe menschlicher Zivilisation die Veränderung unseres Klimas derart augenfällig beobachten wie an den Alpengletschern. Nicht nur Goethes Schilderung aus dem achtzehnten Jahrhundert, sondern Tausende von Fotos und Postkarten der vergangenen 150 Jahre legen Zeugnis ab über den Rückgang der Eisriesen. In der ohnehin am dichtesten besiedelten Montanregion der Welt hat auch der hier als erstes einsetzende (Massen-)Tourismus den Menschen direkter als irgendwo sonst die Wahrnehmung auf dieses Phänomen weltweiter Klimaerwärmung geschärft. Der Gletscherschwund im menschenleeren Patagonien ist noch viel akuter als der in den Alpen. Im Süden der argentinischen und chilenischen Anden verlieren die Gletscher jedes Jahr vierzig Kubikkilometer ihres Volumens. Der Rückgang des Eises in der Antarktis mit ähnlichen Dimensionen wird allenfalls indirekt wahrgenommen ­- über den steigenden Meeresspiegel. Der afrikanische Kontinent dürfte schon in zehn bis fünfzehn Jahren sein allerletztes Eis verloren haben. Heute sind auf der Kibospitze des Kilimandscharo nur noch zwanzig Prozent des Eises zu beobachten, welches kaiserliche Naturforscher vor hundert Jahren auf des Deutschen Reiches höchster Bergspitze inspizierten. Vor wenigen Jahren erschreckte eine Touristengruppe mit der Meldung, daß ihre Reise zum Nordpol auf den letzten Metern nur im Boot zurückgelegt werden konnte, da sich auf 90 Grad Nord ein mehrere Fußballfelder großer See auftat. Letztes Jahr prognostizierte das Nansen-Forschungsinstitut im norwegischen Bergen, daß es am Ende unseres Jahrhunderts im Sommer kein Eis mehr in der Arktis geben wird. Gegenüber diesen gewaltigen Auswirkungen der Erderwärmung erscheinen die fünf bis zehn Prozent der Eisreserven, die nach Schätzungen von Schweizer Klimaforschern allein im Jahrhundertsommer 2003 an den Alpengletschern abgeschmolzen sind, nur noch halb so dramatisch. Eine Ausstellung in München und das begleitende Buch „Gletscher im Treibhaus“ des Gründungsmitglieds der Gesellschaft für ökologische Forschung, Wolfgang Zängl, und der Biologin Sylvia Hamberger beschränken sich trotzdem gerade auf die Dokumentation des Naheliegenden. Ihre fantastischen Bilder der alpinen Welt, die – immer im Vergleich zu historischen Fotos – den Rückgang des Eises an vertrauten Orten aufzeigen, widerlegen jede Beschwichtigung, welche in der Erderwärmung statt einer Klimaänderung nur eine kurzfristige Erscheinung erkennen will. Denn gerade die Gebirgsgletscher gelten aus glaziologischer Sicht aufgrund ihrer Dimensionsänderung (Vorstoß-, Schwund- oder Stillstandsphasen) als einer der besten und zuverlässigsten Indikatoren zum Nachweis langfristiger klimatischer Schwankungen. Die Auswirkungen von Niederschlägen und vorherrschenden Temperaturen bilden die jährliche Balance zwischen Akkumulation meist in den Firnfeldern im oberen Bereich und der Ablation (Schmelze) an der Gletscherzunge. Somit kann nur ein lange andauerndes Mißverhältnis von winterlichem Zuwachs und sommerlicher Schmelze einen Rückgang der Gletscher verursachen. Bei den bekanntesten Beispielen wie dem Schneeferner an der Zugspitze, der Pasterze zu Füßen des Großglockners, dem Tuxer Ferner in den Zillertaler Alpen, dem gewaltigen Aletschgletscher im Schweizer Wallis, dem Furggletscher am Matterhorn oder dem Mer de Glace von La Flégère bei Chamonix konnten demnach viele milde Winter mit wenig Schneefällen bei zu hohen Temperaturen den ebenso vielen heißen Sommern nichts mehr entgegensetzen. Aber nicht nur der optische Eindruck dieser katastrophalen Veränderungen sollte beunruhigen. Die Gletscher sind neben ehrfurchtseinflößenden Naturschauspielen wichtige Langzeitspeicher von Süßwasser, die den Wasserhaushalt europäischer Flüsse wie Rhein, Rhone, Po oder den der Donauzuflüsse Lech, Iller, Isar, Inn und Drau steuern. Mit ihrem Verschwinden wird der Wechsel zwischen Hochwasserphasen im Frühjahr und der Wasserarmut im Sommer viel extremer hervortreten. Zudem dürften viele alpine oder voralpine Regionen sich auf Versorgungsengpässe von Trinkwasser einrichten. Neben den Gletschern verschwinden außerdem immer größere Bereiche von alpinen Permafrostböden. Mit dem tauenden Eis wird der Zusammenhalt von Felsgestein, Schutt und Boden außer Kraft gesetzt. Rutschende Berghänge, sogenannte Muren, werden also zunehmend zur Bedrohung für Mensch und Infrastruktur in den Alpen werden. Als letztes wird der Tourismus Schaden nehmen, dessen bisherige zerstörerische Kraft mit seinen Straßen, Pisten und Liftanlangen Zängl und Hamberger gerade in den Gletscherskigebieten unschön präsentieren. Mit dem Gletscherschwund verlieren die Alpen nicht nur eine ästhetische Attraktion, auch die Wintersportgebiete werden massiv eingeschränkt. Niedrig gelegene Orte werden kaum mehr Schnee haben, und Hochlagen werden durch die fehlende stabilisierende Wirkung der Gletscher zu immer gefährlicheren Lawinenregionen. Und auf den Gipfeln wird kein Zauber weißer Berge einen Bergbezwinger mehr in Ekstase versetzen können – ebensowenig wie das Alpenglühen in Ermangelung seiner eisigen Reflexionsflächen. Fotos: Griesgletscher, Wallis, Schweiz (1971): Seit 1880 hat sich einer der letzten „kalbenden“ Alpengletscher um fast zwei Kilometer zurückgezogen / Griesgletscher, Wallis, Schweiz (2003): Im letzten Jahr war der Eisdickenverlust von drei Metern fünfmal größer als der langjährige Mittelwert

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