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Tierkadaver und Sperrmüll

Als der dreiundsechzigjährige Rossini den Sommer 1855 im mondänen Trouville verbrachte, war der junge deutsche Pianist Ferdinand Hiller sein häufiger Begleiter. Aus seinem Büchlein „Plaudereien mit Rossini“ erfahren wir, daß der „Schwan von Pesaro“- so Rossinis Beiname – seine erste ernste Oper „Ciro in Babilonia o sia La Caduta di Bal-dassare“ (Kyros in Babylon oder der Fall des Belsazar) für einen eklatanten Reinfall hielt. Doch so mißlungen, wie es der alte Rossini dem Freund und Verehrer gegenüber behauptet hat, ist die Oper gar nicht. „Ciro“ war ein Auftragswerk für die Fastenzeit im Theater von Ferrara. Das Libretto des Grafen Aventi war zwar schwach und ohne dramaturgische Steigerungen. Rossini war jedoch mit seiner Komposition zufrieden. An seine Mutter schrieb er: „Mein Oratorium kommt gut voran, und alles, was ich schon geschrieben habe, gefällt den Sängern ausgenommen gut.“ Nach der Uraufführung im März 1812 waren die Kritiken recht positiv. Dreißig italienische Theater spielten die Oper nach, Wien, Lissabon, London, München, Weimar und Dresden folgten. „Ciro in Babilonia“ behandelt den Kampf zwischen dem persischem König Kyros und dem babylonischen Herrscher Belsazar, der während eines Festmahls aus den in Jerusalem geraubten heiligen Kelchen trinkt. Kyros von Persien belagert Babylon, aber Belsazar gelingt die Gefangennahme von Kyros‘ Frau und Sohn. Belsazar will Amira heiraten – oder sie und ihren Sohn töten. Kyros erscheint verkleidet und bietet Frieden gegen Freilassung von Frau und Sohn, was Belsazar ablehnt; er nimmt Kyros gefangen. Die siegreichen persischen Truppen können den Tod des Königs verhindern. Seit 180 Jahren ist „Ciro“ in Deutschland nicht mehr aufgeführt worden, und Gemmabella in der Titelrolle und Luisa Islam-Ali-Zade als Amira sind bei diesem Festival noch in bester Erinnerung. Das Duettino der beiden „Di questo sen fra i palpiti“ (Unter Seufzen schwört dir Mund und Herz ewige Liebe) ist von atemberaubender Schönheit und wurde bezaubernd gesungen. Den sadistischen Belsazar gab Riccardo Botta mit heldischem Tenor. Die „eintönige“ Arie der Vertrauten wurde kunstvoll von Maria Soulis vorgetragen. Mit sonorem Baß hatte Giovanni Bellavia als Prophet Daniel einen starken Auftritt. Fachkundig leitete der Rossini-erfahrene Dirigent Antonio Fogliani die Württembergische Philharmonie Reutlingen. Die Inszenierung selbst folgte dem allgemeinem Trend zu Brutalität und Häßlichkeit. Passen aufgehängte Tierkadaver, Sperrmüllmobiliar, bluttriefende Wände, Vergewaltigung und jede Menge moderne Waffen zu Rossini? Sicher nicht. Im nächsten Jahr soll im restaurierten Kurtheater „L’Inganno felice“ (Der geglückte Betrug) aufgeführt werden – hoffentlich in einer der Musik angemessenen Inszenierung.

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