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Sängerkrieg ums Weiße Haus

Eine Lieblingslegende des ausklingenden 20. Jahrhunderts lautete ungefähr so: Einst habe sich in der Rockmusik die lautstarke Stimme des Dissens, des Protests gegen den Status quo erhoben. Wie alle Freiheiten hatte auch diese ihren Preis, ließ sich unschwer vereinnahmen und als Massenware verkaufen. Hat Rock die Welt verändert? Sicherlich – was wäre sie heute ohne MTV? -, aber sicherlich weniger, als er sich dabei selber verändert hat. So wird es in kulturwissenschaftlichen Seminaren gelehrt, so erzählte es gerade wieder Jack Black in Richard Linklaters Hollywood-Komödie „School of Rock“ seinen Schützlingen, die in einer teuren Privatschule zu nützlichen Mitgliedern ebenjener Gesellschaft herangezogen werden, mit der er als eingefleischter Rocker auf Kriegsfuß steht. Auf die rebellischen Ursprünge ihrer Industrie hat sich nun eine Koalition von Musikern besonnen, die an diesem Freitag unter der Parole „Vote for Change“ („Wandel wählen“) auf Tournee geht. Neben Veteranen der Sechziger wie John Fogerty von Creedence Clearwater Revival, James Taylor und Jackson Browne sind auch Zuspätgeborene wie Pearl Jam dabei, deren vorletztes Album „Riot Act“ sie endgültig als Umstürzler etablierte. Die Dixie Chicks mußten für den guten Zweck schon letztes Jahr Federn lassen und sich wegen ihrer öffentlich geäußerten Scham, wie George W. Bush aus Texas zu stammen, entschuldigen, nachdem zahlreiche Radiosender und Endverbraucher ihre Musik boykottiert hatten. Längst Abgeschriebene wie John Mellencamp oder Bonnie Raitt freuen sich über die Gelegenheit zur Imagepflege, während aktuelle Chartsstürmer wie Jurassic 5, die Dave Matthews Band und My Morning Jacket auch Jungwähler an die Urnen trommeln sollen. Anfang August sprang mit großem Medienwirbel noch Bruce Springsteen aufs Trittbrett, dessen „Born in the U.S.A.“ Ronald Reagan einst als patriotische Hymne mißbrauchte, aber keineswegs mißverstand: Wer mit rot-weiß-blauem Stirnband auf die Bühne tritt, wer Woody Guthries „This Land is Your Land, This Land is My Land“ mit soviel Inbrunst singt, feiert wenn nicht dieses, so doch ein anderes, ein mögliches Amerika. Daß der Kampf gegen Kapitalismus und Konsum, gegen Vermarktung und Vermassung weder zu gewinnen noch glaubwürdig zu führen ist, wissen der Boß und seine Gesinnungsgenossen und konzentrieren sich auf ein kaum weniger hehres, aber realistischeres Ziel: den Regimewechsel in Washington, die Abwahl der Bush-Regierung. Derzeit stehen einige Zeichen auf Kulturkampf Schließlich stehen derzeit einige Zeichen auf Kulturkampf. Gerade hat Steve Earle auf seinem neuen Album die Revolution eingeläutet und bläst dem „motherfuckin‘ FBI“ den Marsch. Als Linda Ronstadt im Juli bei einem Auftritt in Las Vegas den Eagles-Song „Desperado“ dem „großen Patrioten“ Michael Moore widmete, forderte das aufgebrachte Publikum ihren Rausschmiß – die Hotelleitung kam diesem Wunsch gerne nach. Das Punklabel Fat Wreck Chords hat mittlerweile sein zweites „Rock against Bush“-Album veröffentlicht, die Popdiva Madonna verlautbarte, Bush benehme sich „wie Saddam“. Seinerseits weiß der Präsident mit Britney Spears, Alice Cooper und Kid Rock immerhin eine blonde Barbie und zwei böse Buben hinter sich. Die fünfzehn Schriftsteller, die am 4. August zu einer „Notstandslesung“ des amerikanischen PEN-Zentrums in der New Yorker Cooper Union antraten, dürften vor einer Gemeinde aus Bekehrten gepredigt haben. Dagegen machen die „Vote for Change“-Musiker dort mobil, wo die Wahl auf der Kippe steht: in Pennsylvania, Michigan, Ohio, Minnesota, Missouri, Iowa, North Carolina, Wisconsin und natürlich Florida. In diesen Flächenstaaten stimmten 2000 gerade die ärmeren Bevölkerungsschichten aus kulturellen Gründen und gegen ihre eigenen sozialen Interessen für Bush (JF 37/04). Fragt sich allerdings, ob sich etwa Michigans arbeitslose Arbeiter wirklich an die notorisch liberale Universität Ann Arbor verirrt hätten, um Springsteen im Dreierpack mit R.E.M. und John Fogerty zu hören – auch wenn er ihnen mit seinen Balladen über alte Autos und kaputte Ehen noch so sehr aus der Seele singt. Inzwischen wurde das Konzert am 3. Oktober aus organisatorischen Gründen, wie es seitens der Veranstalter hieß, in die Detroiter Cobo Hall verlegt. Musikalisch ist für viele Geschmäcker etwas dabei: ein bißchen Country-Pop, ein bißchen College-Rock, ein bißchen Hiphop, Grunge, Folk, was zum Schmusen, was zum Tanzen und was zum Mitgrölen, alles solide Unterhaltung eben, middle of the road, wie man von New Jersey bis Seattle sagt, und so amerikanisch wie Hot Dogs und Heidelbeermuffins. Die Stimmungsmache kommt dem Gespann John Kerry/John Edwards zugute, der Erlös der Konzerte der demokratischen Vorfeldorganisation America Coming Together (ACT), die sich um Wähler-Registrierung, Kerry-Beweihräucherung, Bush-Bashing und ähnliche mehr oder weniger dankbare Aufgaben kümmert. Daß zwei Johns noch keinen neuen Kennedy machen, daß es den Demokraten seit langem gefährlich an Visionen fehlt, während die Republikaner gefährlich viele haben, scheint den Beteiligten allzu schmerzlich bewußt. Wenigstens seien Kerry und Edwards „redlich daran interessiert, die richtigen Fragen zu stellen“, attestiert Springsteen ihnen in einem Artikel, der am 5. August unter anderem in der New York Times erschien: „Wie verhalten wir uns in schweren Zeiten, ohne die Dinge zu töten, die uns teuer sind? Warum scheint die Erfüllung unseres Versprechens als Volk immer so nahe und doch ewig unerreichbar zu sein?“ Zwei Johns machen keinen neuen Kennedy Wenn sich hierzulande in der bürgerlichen Presse deutsche Schriftsteller sowie „klug und verträumt dreinblickende“ Harvard-Professoren zur Rettung Deutschlands auf seine undemokratische, autoritäre Tradition berufen dürfen („Das Schweigen der Mandarine“, JF 36/04), sollte man sich solchen Kitsches nicht zu sehr schämen. Dennoch: Kunst in den Diensten der Politik, der Parteipolitik zumal, Rockkonzerte zur Mobilisierung der Massen, Agitpop sozusagen – allein dies weckt ungute Assoziationen. Für Jack Blacks Nachwuchscombo erfüllt sich der Traum vom großen öffentlichen Auftritt. Wer weiß, vielleicht springt in „School of Rock II“ sogar noch ein Plattenvertrag heraus. Die Hoffnung auf ein anderes Amerika dagegen scheint so utopisch wie eh und je – und ob CCRs schauriges „Dark Moon Rising“ oder R.E.M.s fröhlich-apokalyptisches „This is the End of the World as We Know It“ den besseren Soundtrack zur Wahl am 2. November hergibt, mag jeder nach eigenem Gusto entscheiden. Foto: Bruce Springsteen: Die Hoffnung auf ein anderes, ein mögliches Amerika scheint so utopisch wie eh und je

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