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Gewaltiges Geschacher

Die angesehene polnische Tageszeitung Rzeczpospolita – bis 1989 Regierungszeitung der Kommunisten, inzwischen zum bürgerlichen Blatt gewandelt – veröffentlichte am 22. September die Ergebnisse einer Meinungsumfrage zur Einstellung der Polen hinsichtlich möglicher Reparationsforderungen an Deutschland. Fast zwei Drittel der Befragten sprachen sich danach grundsätzlich für polnische Entschädigungsforderungen an Berlin aus. Im polnischen Parlament war die Mehrheit am 10. September noch klarer: Mit 328 zu einer Stimme stellte der Sejm fest, daß „Polen bislang keine angemessene finanzielle Kompensation und Kriegsreparationen“ erhalten habe (JF 40/04). Gleichzeitig appellierten die Parlamentarier an die Regierung, eine Schätzung der gesamten Verluste zu erstellen und die von deutschen Vertriebenen erhobenen Eigentumsansprüche (JF 34-35/04) kategorisch zurückzuweisen. Die Regierung distanzierte sich zwar von dem Sejm-Beschluß, und Außenminister Wlodzimierz Cimoszewicz nannte die ganze Diskussion ein „politisches Abenteuer“, doch der Flurschaden für die bilateralen Beziehungen ist erheblich. Dabei ließ die regierende postkommunistische SLD zusammen mit der oppositionellen rechtsliberalen Bürgerplattform (PO) sogar einen noch weitergehenden Sejm-Antrag vom August scheitern. Die nationalkatholische Liga Polnischer Familien (LPR), die rechtsbürgerliche Gerechtigkeitspartei (PiS) und die linkspopulistische Samoobrona hatten von Deutschland „im Namen der historischen Gerechtigkeit“ bis zu 634 Milliarden Dollar Entschädigung für die Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg verlangt (JF 37/04). Die Warschauer Regierung verwies bei ihrer Ablehnung des Sejm-Beschlusses zwar darauf, daß Polen bereits 1953 auf Kriegsreparationen verzichtet habe, doch sperrte sie sich gleichzeitig selbst gegen eine zumindest symbolische Wiedergutmachung für die ostdeutschen Vertriebenen. Auch der Wunsch des deutschen Bundes der Vertrieben (BdV), die Erinnerung an die Leiden der Schlesier, Pommern, West- oder Ostpreußen durch ein Berliner Zentrum gegen Vertreibungen nicht ganz in Vergessenheit geraten zu lassen, wird klar abgelehnt. Ein Großteil der polnischen Medien heizte im Verein mit PiS, LPR und Samoobrona die deutschfeindliche Stimmung an und veranlaßte eine Reihe von Städten dazu, Listen über die örtlichen Kriegsverluste zusammenzustellen, um diese bei möglichen Reparationsforderungen geltend zu machen. Das Magazin Wprost stellte 2003 sogar die Forderung nach einer Billion Dollar Reparationen auf (JF 40/03). Der Verband der Zwangsausgesiedelten in Gdingen (Stowarzyszeniem Gdynian Wysiedlonych/SGW), rief eigens eine Polnische Treuhand (Powiernictwo Polskie) ins Leben, um noch bis Jahresende die Klagen polnischer Vertreibungsopfer aus Westpreußen bei polnischen und deutschen Gerichten einzureichen. Aber auch das deutsche „Vorbild“ in Gestalt der Preußischen Treuhand (JF 34-35/04) sowie – in geringerem Maße – der BdV sind nicht ganz unschuldig an der Verschlechterung des deutsch-polnischen Verhältnisses. Denn obwohl die Ansprüche der Millionen deutscher Vertreibungsopfer formaljuristisch gut begründbar sind, gibt es doch handfeste Tatsachen, die gegen Massenklagen nach US-Vorbild sprechen. Da ist zunächst die völlig fehlende Rückendeckung nicht nur durch die großen politischen Parteien und Massenmedien in Deutschland, sondern auch durch die breite Öffentlichkeit. Hinzu kommt der fehlende Wille eines nennenswerten Teils der Vertriebenen oder ihrer Nachkommen, gegebenenfalls auch in die alte Heimat zurückzukehren. Denn was würde nach einer umfassenden Rückgabe des geraubten Besitzes passieren? Es würde ein gewaltiges Geschacher mit jenen Liegenschaften in den alten deutschen Ostprovinzen beginnen, die heute noch von Wert sind. Die ortsansässige polnische Bevölkerung würde naturgemäß in Aufruhr versetzt und die deutsch-polnischen Beziehungen für Jahrzehnte vergiftet werden. Mit einem Wort: Die Maximalforderungen der Preußischen Treuhand lassen politische Vernunft und den nötigen Realitätssinn vermissen. Gefordert wäre, und hier ist natürlich in erster Linie der BdV gefragt, eine maßvolle Wiedergutmachungspolitik. Deren Ziel könnte beispielsweise die gezielte Rückgabe von Immobilien sein, sofern die alten deutschen Besitzer sich innerhalb einer bestimmten Frist zur Übersiedlung in die einstige Heimat und zur Annahme beider Staatsangehörigkeiten verpflichten würden. Für nicht verfügbare oder zerstörte Objekte könnte zu gleichen Bedingungen ein angemessener Ersatz bereitgestellt werden. Tröstlich bleibt, daß die massive antideutsche Propaganda in Polen offensichtlich nur begrenzten Schaden anrichtet. 64 Prozent der Befragten sprachen sich laut Rzeczpospolita zwar grundsätzlich für polnische Entschädigungsforderungen an Berlin aus, doch immerhin 30 Prozent lehnten diese ab. Unter den Befürwortern überwiegen Frauen (69 Prozent), Jüngere zwischen 18 und 42 Jahren (71 Prozent) und Ältere ab 60 (65 Prozent). Bei diesen sowie unter der Landbevölkerung (75 Prozent) schlägt die Emotionalität der Diskussion bzw. das eigene Kriegs- und Nachkriegserleben besonders zu Buche. Viel kritischer wird die nationale Politik in der Entschädigungsfrage dagegen von Städtern (sprich: den eher akademisch gebildeten Polen) sowie den Bewohnern der Grenzgebiete im Westen bewertet. Letzteres ist das wohl interessanteste Ergebnis der Umfrage, denn die hohe Zahl von Gegenstimmen in den Wojewodschaften Lebuser Land (die brandenburgische Neumark mit einem schlesischen Zipfel um Grünberg; 45 Prozent), Westpommern (Hinterpommern; 39 Prozent) und Schlesien (Ost-Oberschlesien zuzüglich der Region Ratibor; 39 Prozent) beweist, wie weit der Aussöhnungsprozeß gerade in diesen Landstrichen mittlerweile fortgeschritten ist. Und zwar nicht zuletzt wegen der kaum wahrgenommenen Pionierarbeit deutscher Vertriebener bei der Vor-Ort-Pflege der gutnachbarschaftlichen Beziehungen. Welch zukunftsträchtige Perspektiven sich dort eröffnen, zeigt das Beispiel des heute fast vollständig zu Polen gehörenden Niederschlesiens. Dort leben laut Volkszählung von 2002 nur noch 2.600 Deutsche, trotzdem (und zum Teil wohl gerade deshalb) veränderte sich nach dem Untergang des kommunistischen Imperiums die Haltung vieler zugezogener Polen zur deutschen Geschichte des Landes grundlegend. Der polnische Mythos von den „wiedergewonnenen Westgebieten“ findet mittlerweile im von der Vertreibung nach Kriegsende fast völlig entvölkerten Niederschlesien kaum noch Gläubige. Statt dessen haben sich sehr viele, insbesondere jüngere Nachkommen der polnischen Zuwanderer auf die Suche nach der regionalen Identität begeben – und stoßen dabei zwangsläufig auf das deutsche Erbe Schlesiens. Bedeutende Bauwerke, die vom deutschen Gesicht der Region zeugen, werden, sofern es die begrenzten finanziellen Möglichkeiten erlauben, originalgetreu instandgesetzt. Zweisprachige Gedenktafeln erinnern an Eichendorff, den „Turnvater“ Jahn oder die Gebrüder Hauptmann. Polnische Wissenschaftler bilden längst die Mehrzahl der ernstzunehmenden Schlesien-Forscher, während aus deutschen Universitäten nur wenig nachkommt. Gerade jüngere Polen zeigen sich gegenüber den ostdeutschen Vertriebenen aufgeschlossen. Man fühlt sich zunehmend als „Niederschlesier“ und erst danach als Pole. Abgesehen von der benachbarten Wojewodschaft Lebuser Land weist der Bezirk Niederschlesien mit 49,4 Prozent landesweit die beste Versorgung der Schulen mit Deutschunterricht auf. Die Abneigung gegen den „Warschauer Zentralismus“ ist weit verbreitet. Und die 2003 in Kraft getretene polnische Regionalreform, wonach die Wojewodschaften über die örtlichen Steuergelder zur Hälfte selbst verfügen können, gibt Anlaß zu weiterer Zuversicht. Breslau sowie das Hirschberger Tal sind Musterbeispiele für die Wiederentdeckung schlesisch-deutscher Kultur. Im wieder sehenswerten Breslau gibt es inzwischen eine funktionierende evangelisch-lutherische deutsche Gemeinde, die heimatverbliebene alte Schlesier, Volksdeutsche aus Mittelpolen und aus dem Bundesgebiet zugezogene Neubürger vereint. Die vielen in der Stadt lebenden Nachfahren von Vertriebenen aus dem einstigen Ostpolen haben ein offenes Herz für die jahrhundertelange Historie dieser einst reichen Handelsstadt und deren bauliche Zeugnisse. Sie identifizieren sich mit den deutschen Spuren, pflegen diese nicht selten liebevoll und verstehen sie als Baustein einer neuartigen schlesischen Identität, getragen von hier aufgewachsenen Polen. Insbesondere der im alten Glanz erstrahlende Breslauer Ring mit seinen prachtvollen Bürgerhäusern veranschaulicht die Dynamik dieser Entwicklung. In Breslau wird dem bundesdeutschen Besucher mehr als an jedem anderen Ort der früheren Ostprovinzen des Deutschen Reiches klar, daß eine Anknüpfung an die nach 1945 über Dekaden hinweg verschwiegenen bzw. getilgten jahrhundertelangen Traditionen nicht vom deutschen Reststaat ausgehen kann. Da es Deutschland an bevölkerungspolitischer Dynamik, Wirtschaftskraft und von Nationalstolz getragenem Optimismus fehlt, bleibt nur eine Hoffnung, wie das ostdeutsche Erbe für die Zukunft lebendig erhalten werden kann: das Entstehen eines ausgeprägten Regionalismus unter den heute dort wohnenden Polen, geprägt durch die Sympathie für das deutsche Erbe und die Deutschen. Eine Zukunft, die dann vielleicht auch im deutschen Staatsgebiet ein breites Interesse an der eigenen Kulturgeschichte in ihrer Gesamtheit hervorbringt. Foto: Restauriertes Breslau: Der Mythos von den „wiedergewonnenen Westgebieten“ beginnt zu bröckeln

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