Regression

Mitunter kann man mit einfachen Mitteln gute Voraussetzungen dafür schaffen, als geheimnisvoll und bedeutungsschwer wahrgenommen zu werden. So ist die in Glasgow entstandene Band Franz Ferdinand in der Tat nach genau jenem österreichischen Erzherzog und Thronfolger benannt, dessen Ermordung 1914 den Ersten Weltkrieg auslöste. Die Musiker wurden jedoch nicht durch eine etwaige Faszination für das seinerzeit in Sarajewo zu Ende gehende Fin de siècle zu ihrer Namenswahl angeregt. Vielmehr stand hier der Zufall Pate, genauer gesagt, ein im Fernsehen verfolgtes Pferderennen, in dem einer der Vierbeiner unter diesem Namen gestartet sein soll. Banale Anekdoten dieser Art gehören natürlich zum Standardrepertoire fast jeder Pop-Größe, und man mag es eigentlich längst nicht mehr anhören, wenn schon wieder jemand meint, durch vermeintliche Einblicke in die Gewöhnlichkeit seines Denkens und Empfindens auch noch lässigen Charme versprühen zu müssen. Im Falle von Franz Ferdinand verdient dies aber Erwähnung, weil dem spielerischen Umgang mit dem historischen Material ein ebensolcher mit den musikalischen Moden der jüngeren Popgeschichte entspricht. Die Band löst das Marketingproblem, nach The Strokes und The Darkness nun an der Reihe zu sein, für einen Augenblick im Rampenlicht zu stehen, indem sie sich vor allem aus dem Fundus des Kurzhaarigenrock bedient, der vor einem knappen Vierteljahrhundert als konsumierbare Version von Punk unter dem Sammelbegriff New Wave Marktgängigkeit bewies. In der Dynamik und der Sprunghaftigkeit kommt man dabei auf der ersten, nicht weiter – auch dies ein etwas abgegriffener Manierismus – betitelten CD (Domino Recording) insbesondere in die Nähe von The Sound, was manchmal sogar sehr nett zu hören ist, das Strukturproblem aber nicht zu lösen vermag, daß seit Grunge wohl von keinem Stil mehr behauptet werden kann, er spitze ein Lebensgefühl zu, das sozial fundiert wäre und von einer relevanten Zahl von Hörern geteilt würde. Franz Ferdinand bietet somit abwechslungsreiche Unterhaltung für die wenigen Stündchen der Erbauung, in Gesellschaft oder allein, mehr ist aber auch gar nicht vonnöten, um sich mental zu erfrischen. In knapp zweieinhalb Jahren vollendet Patti Smith ihr 60. Lebensjahr. Es wäre daher unfair, ihr eiserne Authentizität abzuverlangen und sich zugleich darüber zu mokieren, wenn sie altersgemäß leisere Töne anschlägt. Genau solche sind nun nämlich auf ihrer neuen CD „tramplin'“ (Sony Music) zu vernehmen. Dabei ist Patti Smith immer noch harsch, der Sound, in den sie sich einbetten läßt, weiterhin absichtsvoll simpel und der Hang, das Lied bis an den Rand einer bloßen Rezitation zurückzunehmen, ungebrochen. Entschwunden oder vielleicht auch nur nicht mehr abgerufen ist hingegen ihre Gabe, mit der Stimme auszubrechen aus dem berechenbaren Spannungsbogen und den Song dadurch unvermittelt zum Kochen zu bringen. So etwas klang früher oft richtig leidenschaftlich und war es vielleicht sogar. Jetzt jedoch begibt sie sich in die Nähe einer berüchtigten US-amerikanischen Liedermachertradition, sagt Rimbaud Lebewohl und wendet sich jenem Edelkitsch zu, dem einst durch „Alice’s Restaurant“ ein filmisches Denkmal gesetzt wurde. Die Versuchung dafür war groß, und Patti Smith ist ihr erlegen: Die USA sind an der Front gefordert, wie sie es seit Vietnam nicht mehr waren, und heute wie damals gibt es natürlich auch ein „anderes Amerika“, das sich der militaristischen Interpretation der eigenen Menschheitsmission widersetzt. Für jemand, der seinen Weg im nihilistischen Milieu des New York der Warhol-Zeit begann und später den Punk inspirierte, ist das aber ein wenig armselig.

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