Von Hellas nach Jerusalem

Der Fan- und Forschungsgemeinde Ernst Jüngers ist er zwar immer noch ein Begriff, ansonsten aber zählt Gerhard Nebel zur Rubrik der allgemein Verschollenen und Vergessenen, woran auch die wenigen Würdigungen anläßlich seines hundertsten Geburtstags im vergangenen Jahr nicht allzu viel ändern konnten. Symptomatisch dafür ist ein Zitat, über das sich Erik Lehnert zu Beginn seiner soeben in der Reihe „Perspektiven“ der Edition Antaios erschienenen Einführung in Nebels Werk amüsiert: „Was Gerhard Nebel mit Willy Wolke zu tun hat“, betitelte der Spiegel einen Artikel vom 29. Oktober 2002, der sich nicht mit dem philosophischen Schriftsteller, der diesen Namen trägt, sondern mit der von der Opposition als „neblig“ kritisierten Regierungserklärung des Bundeskanzlers befaßt. Gleichwohl mehren sich in den letzten Jahren Zeichen einer „heimlichen“ Wiederentdeckung des streitbaren Geistes und unbequemen Zeitkritikers: Im Jahr 2000 erschien bei Klett-Cotta eine Auswahl seiner Essays unter dem Titel „Schmerz des Vermissens“ (JF 47/00), im Jahr darauf der von Ulrich Fröschle und Volker Haase herausgegebene Briefwechsel Nebels mit Friedrich Georg Jünger, Rudolf Schlichter und Ernst Niekisch; 2003 folgte der wiederum von Ulrich Fröschle zusammen mit Michael Neumann edierte Briefwechsel Nebels mit Ernst Jünger; und Erik Lehnert kommt nun das Verdienst zu, die erste Monographie über den geistigen (und körperlichen) Abenteurer und Grenzüberschreiter vorgelegt zu haben: „Gerhard Nebel – Wächter des Normativen“. Wie in der „Perspektiven“-Reihe üblich, beginnt das Buch mit einer biographischen Skizze, die Nebel jedoch ebensosehr als einen Sucher des Normativen, einen leidenschaftlichen Ringer um metaphysische Beheimatung, erscheinen läßt. Aus kleinen Verhältnissen stammend – sein Vater war Volksschullehrer -, wurde der am 26. September 1903 in Dessau Geborene mit fünfzehn Vollwaise, so daß für ihn die persönliche Entwurzelung und Austreibung aus dem kindlichen Paradies mit dem epochalen Zusammenbruch von 1918 zusammenfiel. Von der Familie seines älteren Bruders aufgenommen, konnte der begabte Schüler nur mit Mühe durchsetzen, daß er das Abitur machen und anschließend Philosophie und Altphilologie in Freiburg, Marburg und Heidelberg studieren durfte. Wie auf so viele geisteswissenschaftliche Studenten seiner Generation machte Martin Heidegger in der existenziellen Dringlichkeit und Radikalität seiner philosophischen Beschäftigung mit den Klassikern auf ihn einen tiefen Eindruck; daneben hörte er bei Karl Jaspers, Friedrich Gundolf und Nicolai Hartmann, promovierte aber 1927 bei dem Altphilologen Ernst Hoffmann mit einer Arbeit über Plotin. Der Niedergang der Weimarer Republik führte auch bei Nebel zu einer starken Politisierung; er trat zunächst der SPD, nach dem „Preußenschlag“ von Papens der Sozialistischen Arbeiterpartei bei und „wurde in den letzten Monaten der Weimarer Republik ein Hasser und Prügler, und zwar innerhalb (…) des Roten Massenselbstschutzes, dem wir uns angeschlossen hatten.“ Obgleich er, wie er rückblickend feststellt, seine bisherige geistige Welt – die Griechen, Goethe, Nietzsche, Heidegger – anscheinend hinter sich ließ und mit dem Marxismus und mehr noch mit dem Syndikalismus Georges Sorels liebäugelte, behielt er seine „metaphysische Vergangenheit in Reserve“, bis die Begegnung mit Carl Schmitt und vor allem mit dem Werk Ernst Jüngers eine neuerliche und tiefergehende Kehre zu einem undogmatisch-elitären Konservatismus bewirkte. Die wirtschaftliche Not zwang Nebel, der sich bislang mit allerlei Aushilfs- und Nebentätigkeiten über Wasser gehalten hatte, zur Annahme des ungeliebten Brotberufs eines Gymnasiallehrers, den er an verschiedenen Orten und mit mehreren Unterbrechungen – zunächst aufgrund des Vorwurfs linksradikaler Agitation, später wegen eines angeblichen Verhältnisses mit einer Schülerin – innehatte. Trotz seines Rückzugs „in einen individuellen Anarchismus“ nach 1933 ließ er sich zu einem Eintritt in NSDAP und NS-Volkswohlfahrt nötigen, blieb aber, wie sein zeitweiliger Schüler Heinrich Böll bezeugt, der nationalsozialistischen Ideologie denkbar fern. 1941 wurde er zur Luftwaffe eingezogen und lernte im besetzten Paris den bewunderten Ernst Jünger persönlich kennen; unangepaßte politische Äußerungen führten im folgenden Jahr zu seiner Strafversetzung auf die Kanalinsel Alderney, 1943 kehrte er in den regulären Dienst zunächst nach Paris, später nach Italien zurück; die Erfahrungen von Krieg und Kriegsgefangenschaft reflektierte er in seinen Tagebüchern „Bei den nördlichen Hesperiden“ (1948), „Auf ausonischer Erde“ (1949) sowie „Unter Partisanen und Kreuzfahrern“ (1950). Nach dem Krieg arbeitete Nebel zunächst wieder als Studienrat, ließ sich aber wegen eines Nierenleidens 1955 vorzeitig pensionieren und widmete sich jetzt ganz seiner schriftstellerischen Tätigkeit sowie seinen ausgedehnten Reisen, die ihn vor allem nach Südeuropa und Afrika führten. Er publizierte zahlreiche Artikel in FAZ, Christ und Welt und Merian sowie die kulturphilosophischen Reisebücher „Feuer und Wasser“, dessen erste Auflage bereits 1939 erschien, „Von den Elementen“ (1947), „Die Reise nach Tuggurt“ (1952), „Phäakische Inseln“ (1954), „An den Säulen des Herakles“ (1957), „Portugiesische Tage“ (1966) und „Meergeborenes Land“ (1968), das dem griechischen Mythos nachzuspüren sucht. Dieser ist auch das beherrschende Thema seiner die antike Dichtung – darunter „Homer“ (1959), „Pindar und die Delphik“ (1961) – sowie die Vorsokratiker („Die Geburt der Philosophie“, 1967) behandelnden Bücher. In ihnen zeigt sich nun, wie Lehnert herausstellt, das eigentliche Lebensthema Nebels: die Frage nach der Vereinbarkeit des griechischen Mythos mit dem Christentum, zu dem sich Nebel in der Nachkriegszeit emphatisch bekannte. Besonders systematisch formuliert er dieses Problem in „Weltangst und Götterzorn“ (1951) und „Das Ereignis des Schönen“ (1953), in denen er Mythos und Tragödie der Griechen als „Voroffenbarungen“ des Evangeliums zu deuten versucht. Einerseits führte ihn seine Entwicklung gleichsam von Hellas nach Jerusalem; andererseits konnte er es sich als an der Antike geschulter Denker, der die metaphysischen Aspekte von Natur und Landschaft, Kult und Rausch phänomenologisch erforschte, nicht so leicht machen, die Götter der Griechen gegenüber dem Gott der Christenheit für null und nichtig zu erklären. Für den Ästheten und Moralisten Nebel mußte es geradezu als Rätsel erscheinen, warum sich Gott nicht im griechischen „Ereignis der Schönheit“ offenbart, sondern einen Bund mit einem kleinen vorderasiatischen Nomadenvolk geschlossen habe. Nebels Versuch einer Synthese dieser so unterschiedlichen Kulturen und Gottesvorstellungen läuft darauf hinaus, den Göttern des Mythos zwar einen Eigenwert als Mächten der Welt zuzusprechen, sie aber doch auf den diese Welt transzendierenden christlich-jüdischen Gott hinzuordnen: „Nur weil der mythische Gott mehr als er selbst ist, kann das Schöne Christus dienen, kann Christus an den Platz Gottes rücken“, was besonders der „apollinische“ Aspekt der griechischen Religion oder die universalistisch-pantheistische Tendenz des Hellenismus verdeutlichten. Freilich konnte Nebel mit seinem Versuch, Christus schon in der antiken Tragödie wirken zu lassen, seine Leser nicht recht überzeugen; zu ahistorisch war sein Konzept, zu gewaltsam seine Interpretationen. Mehr Verständnis zeigte er dort, wo seine innere Beteiligung geringer war und der Wunsch nicht ständig seine im Detail oft richtigen Beobachtungen verstellte: vor allem in seinem Werk über „Die Not der Götter“ (1957), in dem er die germanische Mythologie präzise analysierte und „Teutonismus“ wie „deutsche Selbstverleugnung“ gleichermaßen zurückwies. Es liegt in der Konsequenz seines Denkens, daß sich Nebel in seinen letzten Jahren dem protestantischen Mystiker und Sprachphilosophen Hamann zuwandte; sein Buch über den tiefsinnigen Kritiker der Aufklärung erschien ein Jahr vor seinem Tod, erreichte aber kein größeres Publikum mehr. Am 23. September 1974 verstarb Gerhard Nebel kurz vor seinem 71. Geburtstag in Stuttgart. Nicht nur sein gern mit Polemik gewürzter Konservatismus, auch seine von akademischer Wissenschaft und breitenwirksamer Literatur gleichermaßen entfernte Position ist ein Grund für das Vergessen, dem er anheimfiel. Daß er uns trotz seiner gelegentlichen Neigung zu weltanschaulicher Verstiegenheit und seines manchmal allzu zeitbedingten Existenzialismus noch einiges zu sagen hat, zeigt die Einführung von Erik Lehnert. Foto: Gerhard Nebel (1903-1974): Abenteurer und Grenzüberschreiter Erik Lehnert: Gerhard Nebel – Wächter des Normativen. Edition Antaios, Perspektiven Band 5, Schnellroda 2004, 130 Seiten, 12 Euro

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