Pankraz, M. Foucault und der Freilauf der Verrückten

Gute oder schlechte Nachricht? "Geisteskrankheiten", so übereinstimmend und mit alarmistischem Unterton einige Ärzteblätter, werden nur zum kleinen Teil behandelt, und zwar nicht nur in der sogenannten "Dritten Welt", sondern auch "im Westen" mit seinen hochentwickelten Gesundheitssystemen. Krankenkassen weigern sich hier im Zeichen der Sparwelle immer öfter, für psychiatrische Behandlung Geld zur Verfügung zu stellen. In einigen Ländern der Welt sollen bereits 85 Prozent aller "Verrückten" unbehandelt und völlig frei herumlaufen.

Beim ersten Hören klingt das natürlich wie eine schlechte, wie eine Schreckensnachricht. Sofort fallen einem gewisse Vorkommnisse ein, wo ein in psychiatrischer Verwahrung Befindlicher während eines "Urlaubs" rückfällig wurde, jede Hemmung verlor und kleine Kinder vergewaltigte und ermordete. Davor haben wir alle Angst. Politiker verbessern ihre Popularitätskurve automatisch, wenn sie gegen derlei "Verrückten-Urlaube" anwettern.

Freilich, die Ärzteblätter haben gerade nicht jene dramatischen, verheerenden Fälle im Visier, sondern eher das altbekannte Modell "Dorftrottel". In einem indischen Dorf etwa (es muß aber kein indisches sein) hocken einige Gestalten herum, von denen alle Mitbewohner wissen, daß sie "nicht ganz dicht" sind. Den Gestalten passiert aber nichts, höchstens daß sie von den Kindern verschrien und verspottet werden. Ansonsten tut man ihnen nichts, füttert sie irgendwie mit durch, und bei den Dorffesten dürfen sie sogar groteske, somnambule Tänze aufführen. Sie sind nicht weggesperrt, vielmehr fest in die Dorfgemeinschaft integriert.

In zahlreichen Kulturen, auch noch in der abendländischen Antike und bei uns im Mittelalter, galten die "Geisteskranken" häufig als heilige Personen, aus ihnen sprachen rätselhafte, doch mächtige und meistens sehr wohlwollende Geister, sie waren von "Karma" erfüllt, an dem man unter Umständen teilhaben konnte. Auch wußte man damals vielleicht besser als heute, daß es fast unendlich viele Übergangsformen zwischen hellen und dunklen Geisteszuständen gab, die Epilepsie zum Beispiel. Der berühmteste Epileptiker der Antike, Gaius Julius Cäsar, hat Weltgeschichte gemacht.

Michel Foucault entwickelte in Ansehung solcher Lagen seine riskante Theorie über die "Wegsperrsucht" unserer modernen Leistungs- und Konsumgesellschaft, und in seinem Gefolge haben dann manche Matadore der 68er-Revolte allen Ernstes gefordert, sämtliche psychiatrischen Verwahranstalten unverzüglich aufzulösen und ihre Insassen ohne Ausnahme auf die Menschheit loszulassen. Das hat der sachlichen Diskussion über das heikle Thema sehr geschadet.

Allerdings muß man kein Anhänger von Foucault sein, um tatsächlich eine moderne, psychiatrisch begründete Wegsperrsucht zu registrieren. Die kommunistischen Staaten pflegten viele ihrer politischen Gegner, darunter gerade die hellsten und wachsten (Andrej Sacharow, General Grigorenko), einfach für verrückt zu erklären und in psychiatrische Behandlung zu zwingen. Die Dissidenten wurden an Betten gefesselt, mittels Pharmaka "ruhiggestellt", mit Wortkaskaden überschüttet, und das Ganze hieß "Betreuung" statt Haft.

Dieses Vorbild hat in den Demokratien inzwischen gewisse Schule gemacht. Auch hierzulande und noch mehr in Amerika wird immer häufiger "betreut" statt bestraft, es gibt das Wort von der "betreuten Gesellschaft", und gemeint ist damit eine neue Art von Diktatur, wo die Aufseher gleichzeitig Medizinmänner und Priester, eben Freunde und Helfer, sind.

Der Verdacht läßt sich nicht ganz von der Hand weisen, daß die aktuellen Plädoyers in den Ärzteblättern für mehr psychiatrische Behandlung zumindest ein Abglanz der neuartigen Begeisterung für Betreuungs-Diktatur sind. Die von einigen Hirnforschern in der letzten Zeit massiv vorgetragenen Polemiken gegen die – angeblich nur eingebildete – Willensfreiheit paßt hierher. Scheinbar werden die Verhältnisse humanisiert, auch hartgesottenste Ganoven zu bemitleidenswerten Betreuungsfällen geadelt. In Wirklichkeit jedoch erleben wir eine Einschränkung der bürgerlichen Freiheiten. Bald ist niemand mehr vor den Betreuern sicher.

Exakt wie bei Foucault beschrieben, wird ein dubioser Begriff von "Normalität" installiert, an dem sich alle messen lassen müssen und in dem sich biologische Grundannahmen gefährlich mischen mit momentanen politisch-gesellschaftlichen Bedürfnissen, die von herrschenden Cliquen vorgegeben werden.

Der Angriff richtet sich im Gegensatz zu früher kaum noch gegen angeblich "kreative" Medienprovokateure, die bewußt die sexuellen Schamgrenzen verletzen, ihr Treiben aber leicht als Kunst und höhere Einsicht deklarieren können. Im Fokus liegen vielmehr – genau wie in der ehemaligen Sowjetunion in den Fällen Sacharow, Grigorenko u.a. – politische Gegner, die sich nicht an die Political Correctness halten.

Verräterisch ist in der Ärzteblatt-Argumentation die Vermischung von "Dritter Welt" und "Westen". Die Nichtbehandlung von "psychisch Gestörten" im reichen Westen, so wird dem Leser suggeriert, sei im Grunde ein Rückfall in die Primitivität der Dritten Welt mit ihrem Aberglauben an die Heiligkeit von Verrückten. Doch die Dinge liegen genau umgekehrt: Auch im Westen soll Aberglauben erzeugt werden, nämlich die Wahnidee von der prinzipiellen Unfreiheit gewisser Politikteilnehmer und der Notwendigkeit ihrer "Betreuung" jenseits jeder Rechtsstaatlichkeit.

Oder sieht Pankraz die Dinge wieder einmal viel zu scharf? Es könnte schließlich auch sein, daß die Artikel ganz harmlos gemeint sind, daß sie lediglich dazu auffordern wollen, ein gutes Werk zu tun und sich ruhig einmal bei den vielen zur Zeit arbeitslosen Psychologen, Psychiatern und anderen Therapeuten als Patient anzumelden.

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