Pankraz, Konfuzius und der alte Holzmichel, welcher lebt

Der große Hit in der Unterhaltungsmusik dieses Sommers kommt aus dem Erzgebirge und ist ein Sprechgesang zwischen Bühne und Publikum. Auf der Bühne singt ein Quartett im Stil alter, behäbiger Bauerntänze: "Lebt denn der alte Holzmichel noch, Holzmichel noch, Holzmichel noch? Lebt denn der alte Holzmichel noch, lebt er denn noch?" Und das Publikum steht zu Tausenden auf und antwortet begeistert im selben Stil, indem es gleichzeitig die Arme hochwirft: "Jaaaa, er lebt noch, er lebt noch, er lebt noch! Jaaaa, er lebt noch er, er lebet ja noch!"

Mehr passiert nicht, doch der Effekt ist umwerfend und augenblicklich herzerwärmend. Die Leute oben und unten möchten gar nicht mehr aufhören. "Lebt denn der alten Holzmichel noch? – Jaaaa, er lebt noch!" Melodie und Rhythmus (wenn man davon sprechen kann) sind ganz und gar auf das tausendfache "Jaaaa" fokussiert. Es ist ein gewaltiger Jubelruf, der sämtliche Fundamente erzittern läßt und sich gar nicht mehr beruhigen will. So etwas hat es noch nicht gegeben.

Vor Zeiten grassierte in der Pop-Branche einmal eine "deutsche Welle". Da sang einer in ewiger Wiederholung: "Daa-daadaa, Daadaadaa", oder er sang: "Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei, alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei". Auch da sang das Publikum mit. Daadaadaa. Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Das funktionierte ähnlich wie jetzt der alte Holzmichel, reichte aber nicht im Entferntesten an ihn heran. Die Wonne lag damals ausschließlich im Stumpfsinn, der endlich mal offen und ehrlich dargeboten wurde und so den herkömmlichen Betrieb erfrischend karikierte. Beim alten Holzmichel hingegen gibt es keinen Stumpfsinn.

Er ist, würde Pankraz interpretieren, eine explosive, letztlich aber wohlerwogene Volksreaktion auf die ewigen, immer verbissener werdenden Debatten in den oberen Etagen des "medialen Diskurses" über die "Altenfrage", die "Überalterung der Gesellschaft", die "auf dem Kopf stehende Alterspyramide", die "unbezahlbaren Renten", die explodierenden Gesundheitskosten, Alzheimer, Würdeverlust, Lebensbeschwerlichkeit, schweres Siechtum.

Natürlich gibt es all diese Dinge, und sie haben sich längst zu einem Problemberg zusammengeballt, der tatsächlich furchterregende Dimensionen angenommen hat. Auch der durchschnittliche Konzertbesucher, der zum Holzmichel geht, weiß ziemlich genau darüber Bescheid. Er möchte sich mit Sicherheit nicht querlegen, wenn vernünftige Problemlösungen drohen. Viele der älteren Semester haben bereits für ihre eigene Problemlösung gesorgt, unterschrieben etwa notarielle Verfügungen über das Abschalten von lebensverlängernden Apparaten unter gewissen letalen Umständen. Der Erzgebirgs-Song ist gewiß kein Ausdruck greisenhafter Verstocktheit.

Was er aber ist, wiegt viel schwerer und erscheint als absolut notwendig. Wenn das Volk sein "Jaaaa" jauchzt, so jauchzt darin das Leben an sich, das sich, wie es nun einmal gebaut ist, weder kleinkriegen noch in bürokratische Abläufe und Spezialsprachen abdrängen lassen will. Der alte Holzmichel mag aus der täglichen Optik schon lange verschwunden sein, er mag ein Pflegefall sein und äußerst unattraktiv, vielleicht sogar unappetitlich und abscheulich – jedoch: "Jaaaa", er lebt noch, er ist noch mit an Bord, obwohl er doch schon über neunzig Lenze zählt, er krautert noch irgendwo herum, und daß das so ist, lohnt allemal Jubelruf und Begeisterung, trotz alledem.

Übrigens nicht nur das "Jaaaa" klingt in dem Erzgebirgs-Song so erfreulich und treuherzig, sondern schon die Eingangsfrage der Bühnensänger: "Lebt denn der alte Holzmichel noch?" Man erinnert sich also an ihn, er ist nicht abgeschrieben, man hat ihn nicht ungerührt als Entsorgungsfall in zuständige Heime abgehen lassen. Okay, man will nicht unbedingt etwas von ihm, aber aus irgendeinem Grund fällt er einem plötzlich wieder ein, man erkundigt sich, und positive Auskunft erfreut spontan, weckt momentweise liebevolle, zumindest solidarische Gefühle.

So ergeht es einem, wenn in der Zeitung unverhofft der neunzigste, fünfundneunzigste usw. Geburtstag von einstigen Berühmtheiten gefeiert wird, Hilde Domin, Änne Burda, Ernst Mayr, der Darwinforscher. Die Reaktion ist oft erstaunt ("Was, die/der lebt also auch noch!"), aber nie mißgünstig. Immer wünscht man dem Jubilar spontan etwas Gutes, hofft, daß er noch einigermaßen beisammen ist, daß er noch dies oder das "genießen" kann und daß er brave Mitmenschen hat, die sich ordentlich um ihn kümmern.

Alle guten Nachdenker sind sich zwar einig: Das Leben ist der Güter höchstes nicht, und es gibt Situationen, wo man es (das eigene Leben) zur Disposition stellen muß. Andererseits gilt aber auch: Es lohnt sich, alt zu werden, und sei es nur darum, weil man dann, wie einst Konfuzius sagte, "geruhsam am Ufer sitzen und beobachten kann, wie die Leichen der Feinde den Fluß hinuntertreiben". Man darf sich keine Illusionen machen. Leben an seinem Ursprung heißt "Fressen und gefressen werden", und als Neunzigjähriger steht man gewissermaßen am oberen Ende der Nahrungskette.

In Sachen Moral hält das Alter, selbst in seiner hinfälligsten, unreflektiertesten Form, noch so manchen Erkenntnisgewinn parat. "Der Teufel ist alt", sagt Mephisto, "man muß alt werden um ihn zu verstehen." Den Teufel verstehen, ohne sich ihm anzugleichen – das ist wohl eine der letzten, entscheidenden Übungen, die das Leben von uns fordert. Der Job ist abendfüllend, sollte aber getan werden.

Nicht zuletzt deshalb ist es gut, daß der alte Holzmichel noch lebt. Sein Tag ist angefüllt mit der verwegenen Kunstübung, dem Tod immer wieder ein Schnippchen zu schlagen, gewisse Fristen immer wieder zu verlängern. Er bohrt die dicksten Bretter, die vorstellbar sind, und das ist in jedem Fall einen kräftigen Jubel wert.

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